Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022142-3022146--23785-3049001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 48 Dr. Bloch's Fürsorge für die galizischen Flüchtlinge. Man schreibt uns aus B o d e n b a ch: In Ihrem vielgelesenen Blatte wird gewiß' mancher Leser uns mit Rat an die Hand gehen können, wie manchen Armen in folgendem Belang geholfen werden könnte. In unsere Gemeinde kamen Flüchtlinge, die die Ausgabsrezepisse ihrer Gepäckstücke der t k. Bezirkshauptmannschaft übergeben haben und bis heute, acht Wochen nachher, haben die Armen weder die Rezepisse zum Urgieren zurückerhalten, noch wurde ihnen das Gepäck zugestellt. Was soll man da Machen? Viele von den galizischen Flüchtlingen haben sich im Monat September bei der Musterung in ihrer Heimat gestellt, erhielten jedoch keine Bescheinigung hierüber und die so arg Geplagten müssen nun noch einmal zur Stellung. Der Erlaß gewährt den im heurigen Jahre bei der Stellung Gewesenen die Begünstigung, jetzt nicht erscheinen zu müssen, die Flüchtlinge sind aber auch da außerhalb des Gesetzes stehend, weil die betreffenden Bezirkshauptmannschasten anderorts amtieren. Was kann man da veranlassen? Durch viele öffentliche Blätter geht ungehindert von der Zensur die gegen die galizischen Flüchtlinge einnehmende Notiz in die Welt, daß angeblich die galizischen Juden den Soldaten gegenüber nicht entgegenkommend gehandelt hätten und darum der Unterstützung nicht würdig seien. Mir selbst ist dagegen eine Spende für das liebevolle Entgegenkommen, das ein Eisenbahnbeamter in Galizien, bei jüdischen Familien gesunden, zugunsten der galizischen Flüchtlinge zugekommen. Wie läßt sich dieser gewiß unsere Fürsorge für die Flüchtlinge hindernden Nachricht entgegentreten? F. Patriotische Kundgebung des Vereines zur Hebung der Gewerbe in Wien. Am 6. d. M. fand in dem bis aufs letzte Plätzchen gefüllten Festsaale des n.-ö. Gewerbevereines vor einem überausdistinguierten Publikum eine patriotische Kundgebung des Vereines statt, die wohl jedem Anwesenden unvergeßlich bleiben dürste. Präsident Herr S. Brod führte in einer zu aller Herzen gehenden Ansprache aus. daß wir heute in einer Zeit leben, in der noch Wunder geschehen und daß sich Ben Akiba geirrt haben müsse, wenn er behauptete: Alles schon dagewesen! Fast alle Weltteile des Erdglobus, alle Elemente der Natur, selbst das Tierreich haben sich zum Kampfe erhoben. Die Autoren dieses fluchwürdigen Weltendramas werden sich einstens vor dem Richterstuhle Gottes zu verantworten haben. Oesterreich und Deutschland, die niemals Gelüste nach dem Gute ihrer Nächsten getragen haben, sind durch Tätlichkeiten grausamster Natur zur Gegenwehr ge- . zwungen worden. Ueberbieten wir uns nur weiters, meine Herren und Damen, wie wir es bis heute getan haben, an Opferwilligkeit! Und, so wie das Licht über die Finsternis, wie die Wahrheit über die Lüge, wie die Treue über die Falschheit immer den Sieg davongetragen, so wird, wenn es auch noch so lange dauern sollte, unsere gerechte Sache aus diesem Weltenkriege den Sieg davontragen. Mit einem dreimaligen Hoch auf Seine Majestät den Kaiser schloß die feierliche Ansprache, woraus unter Erscheinen des Lichtbildes Seiner Majestät die vollbegeisterte Versammlung stehend die Volkshymne anstimmte. Herr Artur Rix trug zwei zeitgemäße Rezitationen vor und Schriftsteller Herr Jacques Jäger hielt einen geistvollen Vortrag mit achtzig ^Skioptikonbildern über „Kaiser Josef II. und die Wiener", der mit vollstem Beifall ausgenommen wurde. Viele offizielle Persönlichkeiten, Abgeordnete, Gemeinderäte usw. waren anwesend. In ausführlichem Schreiben entschuldigten ihre Abwesenheit die Exzellenzen Statthalter Baron Bienerth und Bürgermeister Doktor Weiskirchner. Der Weltkrieg und die Bibel. In der Urania sprach Samstag, den 9. Januar, Oberrabbiner Dr. Moritz G ü d e m a n n, über das Thema „Der Weltkrieg und die Bibel". „Als das höchste, erstrebenswerteste Gut," so führte der Vortragende einleitend aus, „wird in dev Bibel der Friede bezeichnet. Mer auch dem Kriege hat dieses Buch voll ewiger Wahr- Wochenschrift Nr. 3ZM heit seine sittliche, geradezu seine göttliche Bedeutung; zugewiesen." An dem biblischen Beispiel des Zweikampfes zwischen David und dem Riesen Goliath zeigte nun Dr. Güdemann den heiligen, inneren Wert eines Kampfes, denn der kleine Hirtenknabe tritt mit einem Ideal, das ihn ausfüllt, mit der Gottesidee vor den Frevler hin, um ihn zu bezwingen. Rußland spiele im jetzigen Kriege die Rolle des Riesen Goliath, der die Keime und Blüten alles Edlen und Erhabenen zertreten und die altgerühmte Kultur Deutschlands und unsrer Monarchie mit seiner ungeschlachten Massigkeit erdrücken wolle. Und Frankreich und England haben sich nicht gescheut, ihren altererbten Ruhm, die Protagonisten der Freiheit und Humanität zu sein, schnöde preiszugeben, und haben sich mit dem Prototyp der Reaktion zusammengetan. Wer könnte leugnen, daß sich bei .dem Kamps gegen den finstern Riesen, bei den Erfolgen der Zentralmächte wieder der Kriegsgeist der Bibel, der für eine große Idee kämpft, offenbart! Dieser Geist waltet in unfern gemeinsamen Heeren, und erhebt sie riesenhaft selbst über den nordischen Riesen. So unvergleichlich kämpft und stirbt man nur für eine Idee. Nun ließ der Vortragende auf das Bei-M ' spiel eines Zweikampfes das eines Krreges folgen, in demW derselbe Geist sich offenbart. Die Makkabäer haben diesen Geist bekundet und dadurch die Besiegung des Usur-; pators Antiochus Epiphanes, damit ein Neues Morgenrot der Freiheit und Selbständigkeit des jüdischen Volkes herbeigeführt. Und so sehen wir jetzt dieses Spiel in Deutschland und in unserer Monarchie in einem von Königsmördern und ihren Beschützern aufgezwungenen Krieg wiederholt. ( Von Haus zu Haus pflanzt sich die Feuersäule der Kriegsbegeisterung, der Kriegsfürsorge und der Opferwilligkeit fort, und so dunkel der Weltkrieg ist, so ist £r doch ein Lichtmeer der edelsten Herzenskundgebungen. Wenn uns das alte Lehrbuch der Menschheit zeigt, wie ein rechter Krieg aussehen muß, so . belehrt die Bibel uns auch, was sie unter einem rechten Frieden versteht. „Ich habe versucht," so schloß Dr. Güdemann, „Ihnen den großen Spiegel der Bibel vorzuhalten, der die Erscheinungen der Weltgeschichte verdeutlichend zurückwirft und auch den fürchterlichen Weltkrieg unserer Tage kommentiert. „Es gibt einen Gott, der' richtet auf Erden." So ist das letzte Wort der Bibel ein Trostwort. Und so will auch ich mit der tröstlichen Hoffnung schließen : „Möge durch den Sieg und im Sinne Deutschlands und Oesterreich-Ungarns dem Weltkriege bald ein Weltfriede folgen." Der Vortrag wurde von der zahlreichen Zuhörerschaft mit großem Beifall ausgenommen. Das jüdische Herz. (Zur Fürsorgetätigkeit für die jüdischen Flüchtlinge in Brünn.) Als ob das Schicksal hem mit so großem Unrecht vielgelästerten Judentum eine geradezu weltgeschichtliche Gelegenheit zu neuerlicher Bewährung seiner Haupttugenden: barmherzigster Nächstenliebe und stählerner Zusammengehörigkeit, in ganz überreichem Maße hätte bieten wollen, jagte der vom jüdischen Erbfeind Rußland grausam herausbeschworene ungeheure Krieg die große Völkerwanderung aus Galizien und der Bukowina über ganz.Westösterreich und natürlich auch nach Brünn, das ja von der Hauptstrecke Krakau—Wien nur wenig entfernt ist. Wohl1 schien es im Anfang, daß die Hauptstadt Mährens nur als Zufluchtsstätte nicht. auf öffentliche Unterstützung Angewiesener dienen solle; aber dem brausenden Flüchtlingsstrome ließ sich doch kein Halt gebieten, und so landeten oder strandeten auch irr Brünn Hunderte und aber Hunderte der üllerärmsten, von allen Mitteln entblößten Flüchtlinge, denen das Bleiben schließlich nicht verwehrt werden konnte.