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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-08 · 2 (8.1.1915) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 38 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 2 kriechen gerne unter Artilleriedeckung heran. Schars ansschauen!" Ihm zur Rechten liegt Marlin Foltanet, der Sohn reicher BauersleuLe aus einem benachbarten Börse. Seüte Mutter hatte Weißmanns besucht und den einrückenden Korporal gebeten, ihren Martin, der in der Linie stand, zu grüßen. Eine Geldnote für den Sohn hatte dem Grus; eme angenehme Nebenbedeutung hinzugefügt. Foltanek harte viel von seinem Dank für Gruß und Gabe auf seinen Vorgesetzten übertragen, an dein er wie -ein treuer Diener hing. Auf dem Marsche brachte er chm Obst und erfrischende Getränke und vor einigen Tagen hatte er chm ein geschlachtetes Huhn zugesteckt mit dem Bemerken: „Herr Korporal, Eure Leut' lieben so was, ich mag das Knochenzeug nicht. Wir werden's gleich dem Herrn Korporal mit Reis ab kochen." Der Korporal zeichnete den Martin Foltanek in seiner Weise aus: er durfte ihn bei allen riskanten Patrouillengängen begleiten, damit, wie er ihm sagte, er in die Lage käme, ihn zu einer Auszeichnung vorzuschlagen. Im Graben, lag er zu seiner Rechten und schoß unter seiner des Korporals Anleitung. Als die erste Granatkugel herangesaust kam, rückte Martin nahe an den Korporal heran und sagte: „Schade, daß Ihr nicht mit dem Rabbi gegangen seid. Das ist doch ein so heiliger Abend, an dem alle Eure Leute die Geschäfte sperren und den ganzen Abend beten. Das ist ja gerade so, als ob ich am Weihnachtsabend hier in diesem Kot liegen müßte." „Wirst Du auch müssen. Du Rindvieh!" war die 'Zärtlich-unwirsche Antwort des Korporals, „und jetzt halt's Maul und paß' auf die Russen auf. Visier 250 links dort am Walde!" Der Leutnant hatte des verwundeten Sichrowskys Stutzen an der Wange und dirigierte das Feuer auf der andern Seite.des Grabens. Die kriechenden Gestalten sielen in sich zusammen, aber neue tauchten auf. Und während das Gewehrfeuer auf der linken Seite aufräumte, war eine Rotte der Russen rechts herausgekommen und stürzte sich mit Todesverachtung auf den Graben. Ein furchtbares Handgemenge entstand. Keiner konnte dem anderen beistehen, jeder mußte an sich denken. Die Russen purzelten hinunter, manche mit Schußwunden, manche zerstochen, einige aber kamen unverwundet hinein. Einer von diesen, ein Mann mit weit hervorstehenden Augen im dichtumbarteten Gesichte stürzte sich aus Korporal Weißmann. Foltanek sprang auf wie ein wildes Tier und schlug ihm mit dem Kolben ins Genick. Der Russe taumelte, hatte aber noch die Kraft, mit seinem Seitengewehr nach dem Angreifer zu stoßen. Weißmann gewann genügend Raum, um sein Gewehr loszubekommen und schoß den Russen nieder. Im selben Augenblick zischte ein Schrapnell über dem Graben. Es mußte ein Volltreffer werden. Weißmann hatte noch die Geistesgegenwart, sich niederzuwerfen und Foltanek im Falle mitzureißen. In diesem Augenblicke hörte er das Kol-nidrey- Gebet. Die wehevolle Melodie klang so laut und so deutlich, als ob der Kantor neben ihm stünde. Er sah auch den alten Rabbi von Tamnitz und den Herrn Feldrabbiner. Dreimal wurde der Sang wiederholt und während dieser Zeit dachte er an sein Weib, an sein Kind, an Vater und Mutter, an seine verflossenen drei Dienstjahre, an alle Offiziere, die er kannte, an alle Kameraden, die er hatte fallen sehen, an Foltaneks Mutter, es wirbelte und kroch alles durcheinander, es war, als ob sein ganzes Leben in einen Sack geworfen, üurcheinandergerüttelr und vor ihm wieder ausgeschüttet worden wäre. Ja, wollte denn das dumme Schrapnell noch immer nicht krepieren? Diese Spannung! Diese Erwartung! Das war ja fürchterlich! Am Ende war's ein Blindgänger! Ja, ja, sicherlich! Freudig danke er Gott, mit dem Leben davongekommen zu sein. Rasch wollte er sich erheben, aber das war nicht leicht durchzuführen: obwohl chm doch gar nichts geschehen sein konnte — es wollte der Kopf nicht in die Höhe. Er hörte von ferne, ganz ferne Foltaneks Ruf: „Herr Korporal! Herr Korporal! Um Gottes Willen. . .!" Er wollte antworten, aber es war, als hätte er alle Herrschaft über seine Sinne verloren. —-— — — Zur selben Stunde saßen die daheim in Tamnitz beim feierliche!: Abendgebet. Die altehrwürdigen Melodien, die erfüllt sind vom Weh der Jahrhunderte, griffen noch tiefer ans Herz, als in anderen Jahren, das Leid der Vergangenheit war auferstanden, die Herzen zu eröffnen, die Seelen in ihren tiefsten Tiefen äufzuwühlen. dJian weinte sonst am Kol-nidrey-Abend Tränen der Wehmut, fast aus Gewohnheit. Diese traditionellen Tränen, sie tvandelten sich an diesem Abend in Schmerzensausbrüche, die aus der Butzgemeinde eine Trauergemeinschaft schufen. Der alte Vater Weißmann stand schmerzversenkt in einer Ecke oben, nahe dem Allerheiligsten. Er stammelte hebräische Sätze, poetische Anrufungen des Allerhöchsten und legte doch in alles eine ganz andere Bedeutung. Bußgebete und Darbietung von 'Sühnopfern, sie hatten nur einen Sinn: „Du, lieber Gott, beschütze mein Kind!" Seine Frau oben in der Galerie vermochte nichts mehr aus dem dicken, silberbeschlagenen Feiertagsgebetbuch herauszulesen. Ihre Augen waren von der Hitze der salzigen Tränen versengt. Die Mutter von des Korporals Kinde, die kleine Frau, las aus einem deutschen Andachtsbuche Gebete für ihren Mann. Ihr Leben war in gleichmäßiger Freudigkeit dahingeganger: und hatte in ihrem übergroßen Eheglück einen Höhepunkt gefunden, dessen Bedeutung sie zu würdigen wußte. Da kam denn die Trennung, der Weg in den Krieg als ein unbegreiflicher Schlag, ein aufwühlendes Verhängnis. Sie lebte nur an Tagen, die eine Nachricht durch die Feldpost brachten. Gab es lange Zwischenpausen, dann erstarb nach und nach das Leben in ihr, die Sinne schwebten in dumpfer; Agonie. Gestern: aber war eine Karte aus dem Schützengraben gekommen. Ihr Mann schrieb, daß er glücklich eine Schlacht überstanden habe und nun seit vierzehn Tagei: in ziemlich sicherer Stellung dem Feinde gegenüberstehe. Dafür dankte sie Gott in einem Gebet: „Nach überstandener Lebensgefahr". Sie stammelte die Worte nur leise vor sich hin, während ihr Herz sich in tiefein Weh zusammenkrampfte. Ach, das Gebet war viel zu kurz für die Größe ihres Herzeleides! Und als die vorgeschriebenen Worte zu Ende waren, da stammelte sie immer wieder: „Lieber Gott, fei meinem lieben Manne gnädig!" Und Gott erhörte ihr Gebet. Es muß an diesem Abeiid eine große militärische Soiree beim Herrn der Heerscharei: angesagt gewesen sein, denn als Sann Weißmann wieder zu Sinnen kam, da schwärmte es nur so voi: Uniformen aller Art um den lieben Gott herum. Seine Augen vermochten das Gewimmel kaum zu durchdripgen. Da gab es russische Generäle und österreichische Oberste, auch deutsche hohe Offiziere mit Pickelhauben saßen an den Stufen des göttlicher: Thrones zusammen mit vielen einfachen Soldaten, Russen, Deutschen, Oesterreich er::, Ungarn. Auch viele Franzosen, wie er sie in Zeitungen abgebildet gesehen hatte, waren da. Sie alle blickten zufrieden drein, ja manche geradezu verklärt. Auf den. Schlachtfeldern, da hatte er ihre Gesichter verzerrt, haßerfüllt, von Schreck gelähmt gesehen, aus den Zügen der Verwundeten und Getöteten hatte alles Leid gepeinigter Menschen zu ihm gesprochei:. Hier aber strahlte helle Freudigkeit, seelische Ruhe aus aller: Gesichtern. Ganz nahe dem göttlichen Lichte sah er zwei Zivilisier:, zwei arme Menschen mit einem Strick um den Hals: ein polnischer Jude und ein Ruthene. Es wurden so viele Verräter gehenkt, kein Wunder, daß auch Mancher, der in seinem Herzen un-

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