Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022142-3022145--23773-3048988- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 37 einander die Hände reichten, mit denr Wunsche: „Beten Sie sich alles Gute ans!" So war's gewesen atle Zeit ihres Lebens und würde wohl auch so bleiben. In diesem Jahre aber, das ahnten sie, lvürde die Weihe des Augenblicks, die Heiligkeit der Stunde durch ihre Abwesenheit vertieft. Sie wußten, daß alle Kraft der alternden Herzen und auch der jugendlichen Seelen ihnen zuströmte, daß heiße Wünsche von dort oben am Rande der Kleinen Karpathen sie schützend einhüllten. Sie ahnten die tiefen Seufzer und innigen Gebete, die ihnen galten, die hier im lehmigen Schützengraben mit der Feuerwaffe in der Faust aus dem feuchten Kote heraus scharfen Auslug nach dem Feinde halten. Zwei der jüdischen Soldaten, Leute von jüngerem Aussehen, blickten nach dem älteren, den die Korporalsterne auszeichuend hervorhoben. Herr Korporal Weißmann sah wie geistesabwesend nach dem Feldrabbiner. Seine hellen Augen wurden feucht und während er an dem dichtsprossenden braunen Kriegsbarte nervös zupfte, bewegten sich seine Lippen leise, wie im Gebet. Die Gedanken waren ihin davongelaufen, hin zu seinem jungen Weibe. Genau vor zwei Jahren im Oktober war's gewesen. Er hatte seine drei Jahre abgedient und zum erstenmale wieder die hohen Feiertage in der Heimat verlebt. Auf dem Tempelgange zum Versöhnungsabend traf seine Familie mit den Leuten seiner kleinen Nachbarin zusammen. Sie reichte ihm die Hand zum Wunsche. Er sagte schlicht: „Ich werde mir vom lieben Gott ausbitten, daß ich Dich zur Frau bekomme", — denn sie gaben sich von Jugend auf das kameradschaftliche „Du" gleichgestellter Nachbarskinder. Sie hatte ihn nur so angesehen, freudige Ueberraschung war in diesem Blick, Zusage und Dankbarkeit; er hätte am liebsten laut aufgejauchzt, aber das wäre an diesem feierlichen Abend nicht statthaft gewesen. Er saß wie verklärt, mit leuchtendem Gesichte in der Versammlung der ernsten Männer, lächelte zu den Bußgebeten und schaute immer verstohlen zur Frauengallerie hinauf. Kaum eine Woche später, am Halbfeiertag, wurden sie einander für's Leben zu gelobt. Dann kamen zwei der glücklichsten Jahre eines schlichten Menschenlebens, ein vollkommenes Glück, das nun der Krieg auseinandergesprengt hatte. . . . Heute ging wohl sein Weib mit beiden Elternpaaren gemeinsam zur Synagoge. Alle waren sie dort beisammen und alle trafen einander — nur er fehlte. Ob der Schwiegervater daran gedacht hatte, das Baby zu segnen? Seiner- Frau Familie ist vom Stamm der Kohanim, der Priester, und zu segnen besonders geweiht. Dieser Rückblick blitzte durch sein Erinnern und brach rasch ab. Das Bild seiner kleinen Frau, die mit einem Strahl mütterlicher Liebe das junge Wesen umfaßte, das ihnen gemeinschaftlich gehörte, dieses warme, rosige Menschenkind, von dem man sich trennen gemußt, er sah sie in dem kleinen Schlafzimmer, von der Abendsonne verklärt. Das alles war wie eine Vision aus den Worten des Feldrabbiners entstiegen. Kol-nidrey-Abend!. Aber das Bild verblaßte rasch in der gelbgrauen, zähen Wirklichkeit. Da unten in Zbirov wollte der ehrwürdige Herr einen Gottesdienst einrichten. Er meinte es sicherlich gut, aber so, wie daheim, wäre es doch nicht. Und dann — es geht nicht: der Dienst gestattet es Nicht. „Bitt', Herr Leutnant, der Sichrowsky ist marod. Der Herr Doktor meint, es ist die Ruhr — oder so was. Der Stepanek hat einen Schuß in die linke Hand bekommen. Der Herr Feldwebel soll morgen untersucht werden, weil er nicht gehen kann. Wenn wir drei heute Urlaub bekommen, dann sind wir zu schwach hier oben." Ob einige Leute aus dem zweiten Zug aushelfen können, meint der Offizier. „Nein, Herr Leutnant, die Leute sind erst seit Mittag aus dem Graben heraus. Sie sind von zwölfstündigem Dienst furchtbar müde, sie würden hier einfchlafen. Es geht wirklich nicht, man kann keinen Augenblick voit hier weg, Herr Leutnant." Und damit war die Frage erledigt. Der Offizier ist froh, daß der Korporal selbst abgelehnt hat und daher jede Verantwortung für ihn entfällt. Der Herr Feldrabbiner, so leid es ihm auch tut, die Leute an diesem Abend hier zu lassen, er ist eigentlich stolz auf sie, die vor allem an ihre Pflicht denken, an den schweren Dienst hier oben. Und Weißmaml dankt Gott, daß er heute im Graben bleiben darf, denn die Russen waren schon zu lange ruhig: er fürchtet einen nächtlichen Angriff. Und so unglaublich es sich anhören mag diese feuchte Rinne, die er hatte ausheben helfen, sie lvar ihm wertvoll geworden, dieses Stück Heimatboden, das er verteidigen durfte, hatte von seinem Empfinden Besitz ergriffen, es lvar ihm ein Symbol für den Feldzug. Wehe, wenn die Russen jemals hier hereinkommen sollten. „Nein, meine Lieben," sagte er zu den anderen jüdischen Soldaten, die sichtlich betrübt seinen Auseinandersetzungen gefolgt waren, „man darf keinen Augenblick von hier weg." Weißmann blickt nun ziemlich gedankenlos ins grauende Licht, hinüber zum Waldesrand, von wo die Russen auszubrechen pflegen. Ans dem Dämmerzustand der Gedankenstarre löst sich eilt klares Bild. Es ist, als ob er seine Pflicht verkörpert vor sich erscheinen sieht, die Pflicht, das Vaterland, den Fahneneid, bei Gott dem Allmächtigen geschworen. Es ist ihm fast, als ob erden lieben Gott persönlich sehen könnte, wie er heute die Schicksale aller Menschen in seinen Ausschreibungen besieht, um das allerhöchste Siegel darunter zu setzen. Denn das ist heute der große Abend der Schicksalswende, der Vorabend des Versöhnungstages. Er weiß es genau, daß er heute in seinem Graben dem lieben Gott besser dient als im Betsaale. Unwillkürlich summt er die Me lobte des Kol-nidrey vor sich hin und das Antlitz'Gottes verfließt plötzlich in die Züge seiner Lieben, es bekommt den Ausdruck des Kommandanten, dann des allerhöchsten Befehlshabers. Und ihm ist leicht und frei im Bewußtsein erfüllter Pflicht. Die zwei Herren suchten inzwischen gebeugt ihren Abstieg, im Schützengraben wurde es wieder ruhig. Der Rabbi ist in Eile, denn die Sonne steigt nieder in beit Abend des Versöhnungstages, so daß er sich sputen muß, seine improvisierte Gemeinde im nächsten Torfe rechtzeitig zu erreichen. Der Leutnant schaut ihm noch lange nach, wie er ins herabsinkende Dämmerlicht taucht, bis seine Silhouette vom Abendglanz aufgesogen wird. Dann dreht er sich um und siehe da, es blitzt plötzlich im Osten auf. Leuchtkugeln aus einem Flugzeug müssen es sein — er weiß, was das zu bedeuten hat. Es bleibt ihm noch Zeit, ans Feldtelephon zu laufen, das bombensicher eingegraben ist, um das Kommando zu verständigen. Seine ersten Worte tauchen im Geräusch einer Granate unter, die den Schützengraben überfliegt und einen Springbrunnen von Lehm und Steinen emporschleudert. Er kriecht in den Graben, tastet sich rasch hinauf, um seine Befehle zu geben. Weißmann flüstert ihm zu: „Ich habe Ihnen doch gesagt, Herr Leutnant, nicht einen Augenblick darf man weg von hier." Nun schlägt eine Granate etwa achtzig Meter vor dem Graben ein. Kein Zweifel, die Russen machen die Gabel. Die Distanz zwischen dem ersten und zweiten Schuß wird ansgemessen, der dritte wird treffen. . . . rrrrrrrßßßßßt!! Nun saust es über ihre Köpfe hin. Die eigene Artillerie hat aus dem Schießen des Feindes die Stellung seiner .Haubitzenbatterie erraten und spielt ein wenig Fangball mit den Russen. Weißmann ruft seinen Leuten zu: „Aufpassen und nur schießen, wenn sich was rührt! Die Russen