Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 36 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 2 Virovitica 2.—, Adolf Hahn, Virovitica 2.—, Adolf Scheer, Sp. Bukovica 2.—, Mar Auerbach, Virovitica 2.—, Jakob Kraus, Virovitica 1.60, Julius Singer, Virovitica 1.—, Alfred Moskowic, Virovitica 1.—, N. Rokavec, Virovitica 1.—, Jenö Lessinger, Virovitica 1.—. Zusammen Kr. 81.80. Außerdem erhielt von mir ein spezielles Opfer russischer Barbarei vor dem Erscheinen meiner Broschüre den Betrag von Kr. 62.45, den ich durch eine Kollekte aufbrachte, an welcher sich folgende Spender beteiligten: Adolf Pajtas, Lukac Kr. 20.—, Dr. Kaufmann, Virovitica 10.—, Simon Mailander, Virovitica 10.—, Ignatz Schwarz, Virovitica 10.—, Muki Berger, Lukac 5.—, David Wollner, Virovitica 5.—, Felir Weißmann, Budapest 2.45. Zusammen Kr. 62.45. Nachträglich sind mir für denselben Zweck eingelaufen von Frau Irina Kraus aus Pitomaca Kr. 5.—, Artur Morgenstern Kr. 5.—. Zunz-Stistung. Die Zunz-Stiftung unterstiitzt nur diejenigen ungedruckten Arbeiten durch eine Beihilfe zu den Druck - kosten, welche in philologisch-historischer Methode di? Wissenschaft des' Judentums fördern. Die Antragsbriese sind in deutscher Sprache und begleitet von der ganzen Arbeit oder von einem für eine Beurteilung ausreichenden Teile nur im Monat März 1915 dem Schriftführer einzureichen. Anträge und Manuskripte sind zu richten nach Artilleriestraße 14. Für 1915 sind 1600 Mark verfügbar. Berlin, im Dezember 1914. Direktor G. Minden, Schriftführer, Kleiststraße 1. Feuilleton. Kol-nidrey im Schützengraven Von Heinrich Bork-Steincr.*) Eine aufsteigende Fläche, deren Graswuchs hie und da in derben Büscheln aus dem zerstampften Lehmboden sich emporzurichten versucht. Am Beginn der Steigung niedrige Holzverschläge, ein rauchender Kessel, Reste von Fässern und Blechbüchsen, zerknüllte Papiere, zerschlagene Gefäße. Am oberen Rande der Erhöhung wagrechte Einschnitte in der Erde, deren gelbe, zähe Schollen die Grabungen einfassen. An beiden Seiten des Hügels läuft je eine Vertiefung die Höhe hinauf. Zwei Männer steigen gebeugt den einen Graben empor. Es ist etwas wie Ehrfurcht in ihren Blicken, die am Boden haften, ein demütiges Empfinden, aus dem sie zeitweilig in jähem Erschrecken emporblicken. Der Voranschreitende wird von dem Nachfolgenden „Herr Leutnant" tituliert. An der grauen Uniform erkennt man seinen Rang kaum. Sie ist zerknüllt und vielfach mit gelbem Lehm bedeckt, das schmale längliche Gesicht in Stoppeln gehüllt, das Haar unvorschriftsmäßig verlängert, kaum, daß die Stimme sich zur lässigen Strammheit und dem Klang der Offizierssprache emporschraubt. Es ist ein Sichgehenlassen in der ganzen Erscheinung, fast eine Erschlaffung. „Wie Ehrwürden meinen. Die Leute werden's erfahren und, wenn es geht, mir soll's recht sein." Der ehrwürdige Herr, dem das stete Bücken Beschwerden verursachte, keuchte ein paar Worte heraus und beide zogen *) NB. Wie wir bereits in unserer Nummer vom 25. Dezember mitteilten, hat der Schritstekler Herr Heinrich Vork-Steiner im Zyklus für jüdische Literatur, Geschichte und Kultur Studien und Skizzen vom Kriege vorgelesen. Den ersten Teil des Abends füllte die Studie „Bedeutet der Krieg einen Ausnahmszustand", im zweiten Teil las der Vortragende die Skizze „Kol-nidrey" im Schützengraben. Wir sind durch die besondere Liebenswürdigkeit des Autors in der Lage, diese originelle Arbeit unseren Lesern bieten zu können. Die Red. der „Oesterr. Wochenschrift". weiter ihre müdeu Körper durch deu Graben, die Lehue empor. Dem Herrn Feldrabbiner ist. es darum zu tun, heute abend recht viele jüdische Soldaten um sich zu vereinen, um ihnen am Vorabend des Versöhnungstages eine Feier des Herzens zu bieten, die manchem vielleicht ein Juugbad der Seele werden könnte. Sein rundes, schwarzumbartetes, braunes Gesicht ist ganz in Weihe und Sorge gehüllt. Für ihn reift an diesem Abend der Höhepunkt des religiösen Jahres. In der ganzen Welt ruhen die geschäftigen Hände der gläubigen Juden, während ihre Seelen zu Adonaj emporstreben. Und selbst die ungläubigen Israeliten lassen während dieser vierundzwanzig Stunden gerne ihre Geschäfte ruhen. Er möchte es nun durchsetzen, daß die Soldaten seines Glaubens diese Feier, die aus allen jüdischen Seelen zum Himmel emporsteigt, durch eine Kampfpause mitgenießen. Den Offizieren ist es eingeschärft worden, auf die Gewohnheiten und Gefühle ihrer Leute Rücksicht zu nehmen. Sie taten's gerne, die Herren Offiziere. Seit Monaten sähen sie die tägliche Opferbereitschaft der Soldaten, die ohne Ermüdung marschierten, ohne Klage entbehrten und. wenn sie dem Feinde nahe kamen, sich fast ohne Kommando auf seine Reihen stürzten. Nun aber lagen sie seit Wochen in diesen lehmigen Hügel eingewühlt. Der Leutnant hatte sich den Krieg auch anders vorgestellt. Der Befehl lautete: „Die Hügel von Zbirov sind unter jeder Bedingung zu halten. Die Leute nicht exponieren. Im Notfälle Mfe verlangen." Es gab aber trotz aller Vorsicht Tote und Verwundete. Die feindliche Artillerie beschoß hie und da den Graben, aber nur von vorne. Wehe, wenn sie sich seitwärts in Stellung zu bringen vermochte und dann die Laufgräben mit Schrapnells zu bestreichen imstande wäre. Das alles geht dem Leutnant durch den Kopf, während er in gebückter Stellung den Hügel hinanklimmt. Es ist ein schwerer, undankbarer Dienst, dem die Leute ohne Murren standhalten. Wie sollte man da nicht gut zu ihnen sein! Und dann — Religion, das ist besonders heikel. „Also, wie gesagt, wenn es geht, mir soll's recht sein." Oben im Schützengraben werden die jüdischen Kämpfer aufgerufen, deren sich drei melden, das heißt, sie Ziehen den Kopf vom Auslug zurück, blinzeln nach den Zwei Herren, während das Gewehr im Anschlag bleibt. Se. Ehrwürden spricht eine Weile von der Familie daheim, von den religiösen Pflichten, von dem Schutze Gottes, aber keines der halbhinhorchenden Gesichter belebt sich unter dem Eindrücke der Rede; es scheint fast, als blickten die Leute mißtrauisch drein. Dann schlägt ein Wort an ihr Ohr, das die Wangen färbt. Man meint, man müßte das Herz schlagen hören, das ihnen das Blut in heftigem Druck ins Gesicht emportreibt. „Heute abend werden wir das Kol-nidrey feiern." Und das alte Wort in der biblischen Ursprache, es reißt sie hinaus aus der dunklen Gegenwart, in lichte Höhen. Sie stammen alle drei aus Oberungarn. Obwohl eines Sinnes mit der ganzen Bevölkerung in vielem, was allgemeine Interessen umfaßt, bildeten sie doch in ihren religiösen Uebungen und Gewohnheiten eine eigene Gemeinde, eine geschlossene Einheit von besonderem Empfindungsleben. Und als das Wort gefallen war, dachten alle drei ganz dasselbe: sie sahen die geliebten Eltern, sorgfältig gekleidet, aber ohne jeden Schmuck, feierlichen Antlitzes dem kleinen Bethause zuschreiten. Sie - alle gingen hin, um Frieden mit sich selbst, mit den Nachbarn und Mit dem lieben Gott zu machen. Alles, was an Güte und edler Empfindung in ihnen verschlossen war, es leuchtete nun aus den in harter Arbeit müde gewordenen Gesichtern. Die drei Soldaten wußten, wie auf dem Wege zu dem Bethause alle, die sich begegneten.