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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-08 · 2 (8.1.1915) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 32 Dr. Moch's Wochenschrift Nr. 2 ihnen der Aufenthalt auf österreichischem Boden nicht schwer fallen. Das Kommando hat es über Fürsprache der Vorstehung den orthodoxen Juden ermöglicht, sich ihre Speisen selbst zuzubereiten und hiezu koscher Fleisch und neues Geschirr zu verwenden. Mit den anderen Lagern sind die Verhandlungen noch im Zuge, da diese Lager nicht vollkommen ausgebaut sind. Brief aus Pilsen. Seit mehreren Wochen lernen wir in Pilsen, dem Knotenpunkte mehrerer Bahnen, die Tragik des ostjüdischen Lolno, den Jammer und das Elend unserer GlaubensbrWer aus Galizien aus eigener Anschauung kennen. Doch das jüdische Herz hat einen ganz eigenartigen Muskel, es bleibt bei der „Anschauung" fremden Elends nicht stehen, es schlägt wärmer und kräftiger, so es gilt, Not zu lindern. Nach Tausenden zählte die Schar der Flüchtlinge, die die Furcht vor dem Einfall des nordischen Erbfeindes des jüdischen Volkes durch die eiskalten Winternächte in unsere Städte und Dörfer getrieben. Neben einer verschwindend kleinen Zahl von Wohlhabenden sehen wir Tausende erbärmlicher, hungernder und frierender — man darf von „Menschengestalten" kaum sprechen — Menschen, vielfach wimmernde, klagende Würmlein, die wochenlang von Ort zu Ort müde gerädert werden und über der Not ihres gegenwärtigen Seins völlig vergessen, welch unsichere Zukunft ihrer harret. Gelangen diese vom Kriege so hart Betroffenen in den Lüftkreis Pilsens, so tönt ihnen in dem gewaltigen Sturm der unfreiwilligen Flucht das Hohelied des Erbarmens und der unversiegenden Menschenliebe entgegen und es darf wohl die Tatsache sestgehalten werden, daß das Verdienst des Kultusvorstandes in Pilsen, um diesen Zweig sozialer Fürsorge nicht hoch genug angeschlagen werden könne. Gleich nach dem ersten Emigrantentransporte, der Pilsen passierte, bei welchem Kültusvorsteher Dr. Schanz erden Labedienst persönlich leitete, berief er das Präsidium der Gemeinde, die Herren JUDr. W o l l n e r und kaiserlicher Rat Hermann Z u ck e r m a n n, wie auch andere Experten der Gemeinde zu einer gemeinsamen Besprechung, um eine dringende Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Dr. Sch anz er begann mit der Schilderung der harten Zeit für unsere Glaubensgenossen, deren Not auch in unserer Brust ein schmerzliches Echo wachgerufen, weil ja sie es sind, die den harten Stoß des Feindes aufgefangen, der uns allen zugedacht war. Wie draußen aus dem Schlachtfelde jeder einzelne Krieger es instinktiv fühlen muß, daß es zu seiner vaterländischen Pflicht gehört, sich als Glied in die große Kette der Gesamtheit einzufügen, so hat jeder von uns die ebenso jüdische als reinmenschliche Pflicht, hier helfend einzugreisen. Eine tiefe Erschütterung ging durch die Menge, als er mit tränenerstickter Stimme erzählte, daß ein Kind der Flüchtlinge im Eisenbahucoupee an der versiegenden Mutterbrust sein junges Leben aushauchte. Mit der Aufforderung: „Und nun gehen Sie nach Hause, leeren Sie Ihre Schränke aus und stellen uns alles Entbehrliche an Kleidern und Wäsche zur Verfügung", schloß er seine vom tiefen Ernst getragene, eindrucksvolle Rede. Seit dieser Zeit entwickelt der Kultusvorstand in Pilsen eine philanthropische Tätigkeit, die in der Geschichte der jüdischen Gemeinden der Monarchie vorbildlich dasteht. Geradezu aufreibend war die Liebestätigkeit des Herrn Will). L i e b st e i n, der in den spätesten Nachtstunden oder beim frühesten Morgengrauen den anstrengenden Labedienst beim Bahnhofe leitete und die Verteilung der Erfrischungen von Waggon zu Waggon in eigener Person vornahm. In der Ausbringung der hiezu nötigen Geldmittel hat sich — neben vielen anderen — ganz besonders Herr Rudolf Hofmann, Mitchef der Firma Simon Hofmann, lobenswert hervorgetan. Mit beispielloser Hingebung widmete er seine Liebesdienste dem „Roten Kreuz", dessen verdienstvolle Präsidentin Frau Apotheker Kaiser — eine Nichtjüdin — selbst in späten Nachtstunden für die armen Flüchtlinge kochte und durch ihr kräftiges Mittun unser Hilfswerk förderte. Die beiden Vorsteherinnen unserer .Frauenvereine, Frau Rosa Weisl und Frau Camilla Eckstein, haben sich die schwierige, aber überaus lohnende Aufgabe gestellt, Viktualien an einem bestimmten „Kilotage" zu sammeln und dieselben an die notleidenden Flüchtlinge zu versenden. Der Kultusvorstand hat bisher 26.000 Kronen aufgebracht und unterstützt die kleineren Gemeinden sowohl durch Geldmittel als durch Kleider und Wäsche, so daß unsere bedauernswerten Glaubensbrüder vor der äußersten Not geschützt sind. Gar mannigfach sind noch die Aufgaben, deneil das Hilfskomitee sorgenvoll gegenübersteht, noch lastet das schwere Geschick der Armut und des Elends auf den gekrümmten Rücken unserer Brüder.. Auch gibt es ängstliche Gemüter, -die im Hinblicke auf die sich immer erneuernde Flut der Flüchtlinge das Gefühl nicht unterdrücken können, wir würden zu schwach sein, dieser großen, weitgreifenden Not Herr zu werden. Das jst noch lange kein Grund, in unserer Tätigkeit zu erlahmen und diese Notleidenden ihrem tragischen Schicksale zu überlassen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, und dieser geht vom warmfühlenden, jüdischen Herzen aus, sich über alle Hindernisse hinweg freie Bahn machend. Getragen und durchdrungen von diesen idealen Gesichtspunkten wird darum unser Kultusvorstand auch weiterhin seine ersprießliche Tätigkeit nach dieser Richtung nicht nur fortsetzen, sondern nach Maßgabe aller verfügbaren Mittel dieselbe erweitern. Noch bringt jeder Tag eine Flut von Gesuchen, die (im günstigen Sinne) erledigt sein wollen und zweifellos wird 'dies in günstigem Sinne geschehen. Wie könnte es auch anders sein? Ist ja die Uebung werktätiger Menschenliebe das Lebenselement, der starke Pulsschlag, die nieversiegettde Kraft unseres alten und doch ewigjungen Judentums. Pilsen, im Teweth 5675. Dr. Link. Kriegsnot im Heiligen Lande. F r a n k s u r t a. M., 25. Dezember. Die Deutsch- Holländische Palästina-Verwaltung empfing von Herrn Direktor Dr. Moses Auerbach in Pethach-Tikwah unterm 25. November folgendes Schreiben: Die neueste Phase des Völkerkrieges, die Kriegserklärung der Türkei, hat für Palästina ganz besondere Bedeutung. Mit Recht betrachtet die türkische Regierung die hier wohnenden russischen Juden nicht als Feinde: weiß sie doch, daß diese Unglücklichen hier ein Asyl vor den Bedrückungen ihres Geburtslandes suchten und fanden. Die Regierung erleichtert daher die Erwerbung des türkischen Staatsbürgerrechtes und zu Tausenden treten die russischen Juden in den ottomanischen Staatsverband ein. Von der Regierung wird die arabische Bevölkerung darauf hingewiesen, daß die Juden treue Freunde der Türkei sind und an vielen Orten finden Verbrüderungsdemonstrationen zwischen Juden und Arabern statt. So erfreulich also die allgemeine politische Lage der hiesigen Juden ist, von so erschütterndem Ernste ist ihre wirtschaftliche Situation.

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