Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-08 · 2 (8.1.1915) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022142-3022145--23766-3048981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 30 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 2 ausschließlich den: Staate obliegen, freiwillig auf uns nehmen wollen. So ausgeprägt und intensiv das Gemeinbewußtsein, die Gemeinbürgschait, bei uns Juden ist, in dieser Frage konnten und dursten wir in keiner Weiseden Standpunkt verlassen, daß es Sache des Staates ist, in auskömmlicher Weise für diejenigen zu sorgen, die durch den Krieg und infolge desselben von Haus und Hof gewissermaßen expropriiert wurden; daß unsere Gemeinde sich den diesbezüglich ihr obliegenden Pflichten nicht entzogen hat und auch nicht entziehen wird, das hat sie bereits bewiesen und das wird sie auch, soweit es ihr möglich sein wird, auch fernerhin beweisen. Ich möchte zum Schlüsse nicht so sehr der eingehenden Erörterung, als der Berührung einer Frage nicht aus dem Wege gehen, welche sich sowohl mit Rücksicht auf den Schuldenstand, den wir aus dem Jahre 1914 in das kommende Jahr hinübernehmen als auch wegen des sich für das Jahr 1915 sich ergebenden Defizitpräliminares aufdrängt, und zwar, in welcher Weise sollen diese Fehlbeträge ihre Bedeckung finden? Diesbezüglich sind meines Erachtens mehrere Wege gangbar. In erster Reihe läge -es nahe, sich des Mittels zu bedienen, welches die Statuten, 8 96, Abs. 3, an die Hand geben. Ich könnte diesen Weg unter den obwaltenden Verhältnissen nicht empfehlen und glaube die Gründe hiefür nicht weitläufig auseinandersetzen zu müssen. Ein zweiter Weg wäre der, an unsere in günstiger Vermögenslage sich befindlichen Glaubensgenossen mit einem Appell heranzutreten, welcher meines Erachtens bei der bekannten Opferwilligkeit derselben nicht unerhört bleiben dürfte. Der dritte Weg endlich wäre die Aufnahme eines größeren Darlehens, ein Weg, der meines Era btens schon aus dem Grunde der richtige sein dürste, weil wir fü eine Anzahl dringender Herstellungen ohnehin diesen Weg werdni betreten müssen, ob noch andere Mittel und Wege möglich sind und welcher derselben eingeschlagen werden soll, das wird Sache reiflicher Erwägung bilden, 'und soll jedoch heute schon aus dem Grunde nicht zur Besprechung kommen, weit wir einen Zeitpunkt abwarten müssen, in dem diese für unsere Gemeinde hochwichtige Frage mit Ruhe und in Ruhe wird erörtert werden können und erörtert werden müssen. Der heutige Zeitpunkt ist hiezu absolut nicht geeignet und wenn ich die Frage berührt habe, so geschah es hauptsächlich deshalb, weil ich es für richtig gehalten habe, bei Besprechung des Budgets derselben nicht aus dem Wege zu gehen. Sehr geehrte Herren! Wir haben das Budget reiflich erwogen und genau geprüft; dasselbe kann als der Zeitlage entsprechend bezeichnet werden und ich erlaube mir dessen Annahme zu empfehlen. Es erübrigt mir, bevor ich schließe, noch die Pflicht: 1. Unserer Sympathie, für unsere in: Kriegsdienste stehenden und für die Ehre und den Sieg unseres geliebten Vaterlandes tapfer kämpfenden Beamten und den besten Wünschen für dieselben Ausdruck zu geben; 2. Dank zu sagen allen unseren Beamten, welche seit Beginn des Krieges freiwillig und selbstlos die Arbeiten der in das Feld eingerückten Kollegen aus sich genommen und diese Arbeiten mit Opfern an Zeit und Kraft in vollständig befriedigender Weise ausführen. Ich sage speziellen Dank dem Bureau, bei welchem ich bei der Zusammenstellung des Budgets und dessen Besprechung Unterstützung gefunden habe. Ich wiederhole meinen Antrag, die vorliegenden Voranschläge annehmeu zu wollen. Der Bericht, dem die Versammlung mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte, wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen und eine starke Bewegung bemächtigte sich aller Anwesenden, als der Referent am Schlüsse, bei Erwähnung der vor dem Feinde kämpfenden Helden seine Tränen nur mühsam zurückhalten konnte. Tie Versammlung bereitet dem Referenten eine Ovation und der Präsident spricht unter einhelliger begeisterter Zustimmung für die gründliche Durcharbeitung des Budgets den Dank aus. Kultusvorsteher Dr. Jakob Engel beantragt 6ii dloe-Annahme des Voranschlages. Kultusvorsteher G r ü n w a l d schließt sich dem Anträge an, wünscht jedoch eine Erhöhung der Subvention für die Floridsdorfer Bibelschule^von K 50 auf K 200. Referent bemerkt, daß vorerst eine schriftliche Eingabe vorliegen muß, eventuell kann eine Erhöhung aus den Reserven bestritten werden. Nach einer weiteren Debatte, au welcher die Herren Doktor . Heinrich Schreibe r, Salo C o h n, Vizepräsident Dr. G. K o h n, Dr. Leopold K o h n te'ckgenommen, wird im Sinne des Antrages Dr. Engel der Voranschlag einstimmig zum Beschluß erhoben. Die Tränen des Referenten. Der Referent wird zur Berichterstattung über beit Voranschlag aufgerufen. Das ist immer ein etwas feierlicherer, erwartungsvoller Moment. Zifsernkolonnen, geteilt in Posten, Abschnitte und Kapitel türmen sich übereinander auf. Das wirbelt nur so, wie die Flocken eines dichten Gestöbers. Da wird gerechnet, was die Tempel brauchen, der Unterricht erheischt, Wohltätigkeit und Fürsorge erfordern, was an Steuern und sonstigen Einkünften zu erwarten steht, was das Leichen- und Friedhofwesen kostet und was es erübrigt; kurz, man sieht ein Präliminare erstehen, als Schößling aus der Vermählung des abgelaufenen und kommenden Jahres. Freilich Rückblick und Ausblick sind recht ernst; nicht gerade pessimistisch angelegt, aber auch nicht allzu rosig angehaucht. Und alles das wird init bewußten, energischen Agenten seitens des gewiegten Referenten vorgebracht und glossiert; die Tausende und aber Tausende reihen sich geschickt aneinander und summieren sich zu jenem übersichtlichen Fazit, das diesmal in einem unerbittlichen Defizit ausklingt. Jetzt endlich ist das nüchterne Ziffernmaterial gesichtet, jetzt steht es da fest und gewappnet gegen jede Widerrede. Darum schlingt sich aber als frisch gewundene Arabeske ein gehaltvolles Resümee, geistreich und . gedankentief, die Resultate materieller und ideeller Komponenten, die das Leben der Gemeinde und ihrer Angehörigen bestimmen, eine Apologie der Gegenwart. Diese freilich ist düster, sie ist zur Schicksalsstunde geworden. Leib und Seele haften an ihr, und so beginnt die Stimme, die bisher so fest geklungen hat, zu zittern, zu stocken und von ungefähr zu versagen. Ein heißer Tränenstrom entquillt auf das vorgehaltene Blatt und schluchzend entringt sich den Lippen das stolze, dankbare Gedenken an, unsere Helden, die, wie der letzte Armeebefehl so stimmungsvoll besagt, auf blutiger Walstatt ihr Leben hingeben. das Wort des Erbarmens für jene, welche Not und Drangsal des Krieges von der Scholle verscheucht, die in der Fremde vom bitteren, kargen Brote des Elends zehren müssen. Wem lief es nicht kalt über die Haut? Gebeugt, und gedrückt horchte man auf diese Sprache und man stand unter dem Einflüsse eines Erlebnisses, das sich unverwischbar in das Gemüt bohrt, als eine ergreifendste Erinnerung an diese große, historische Zeit. Die Jugend weiht tapfer und begeistert ihr Leben für Kaiser und Reich und das Alter dankt es ihr mit überströmender Liebe und einer zärtlichen Träne der Rührung, die mit dem Schmerz sich mengt ob des vielen Leides, das die Heimsuchung des Krieges über die Glaubensgemeinschaft verhängt hat. Heil dem Stamme, der solche Blüten treibt! Wir brauchen uns auch dieser Weichheit nicht zu schämen. ä. b. 8. Bitte an alle Wiener Frauen und an alle Menschenfreunde! Wieder stehen wir, da unsere Kleidervorräte, sowie unsere Geldmittel völlig zu Ende gegangen sind, vor der traurigen Notwendigkeit, unsere Kleidersammelstelle sperren zu müssen, obwohl das ein neuer schwerer Schlag

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.