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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-01 · 1 (1.1.1915) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 1 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 11 Mit dem Kriege änderten sich die Verhältnisse. Auf meinen Reisen, die ich im 'Oktober in dem freien galizischen Gebiete machte, bekam ich es überall zu hören, wie die Bevölkerung, um die jüdischen Kaufleute zu billigen Verkäufen zu beeinflussen, sich recht schadenfroh der Drohung bediente: „Gebet es ab, bevor die Russen kommen", oder „die Russen sind in zwei Tagen hier, die werden es Euch noch schlechter bezahlen". Solcher Drohungen bedienten sich die Halbsoliden. Andere sagten offen, daß sie von den Russen die Erfüllung langgehegter Wünsche erwarten, zumal sie mit ihnen gemeinsam die Juden werden ausrauben und massakrieren können. Die galizischen Behörden wissen davon ein langes Lied zu singen, gar zu oft mußte zu Harrer Bestrafung solcher Leute geschritten werden, und der Bezirkshanpt mann eines westlichen Provinzstädichens gab einigen ihm persönlich nahestehenden jüdischeil Bürgern, welche seinen Rat emholien, zur 'Antwort: „Ich fürchte die Unsr'gerl mehr als die Russen; sobald wir abziehen, rate ich Ihnen, nicht zu bleiben". Ja, der ehrliche Herr Bezirkshauptmann ist ein wirklicher Kenner der Verhältnisse und der Abzug der politischen Behörden galt der jüdischen Bevölkerung als Parole zum Aufbruche, weil sie sich dann vogelfrei fühlte. Es ist hier nicht der Platz, die vielen Tatsachen zu zitieren, gewisse Ere'gnisse, welche nach dem ersten Abzur des Feindes zur Kennlni) gelangten, steig ween die Furcht zum Wahnsinn, als eine neuerliche ^Invasion drohte, denn unter doppelten Feinden wurde doppeltes llnglück befürchtet. Als die Russen in Mieter hausten, dennn zierten einige Ortsbürger den jüdischen Gutsbesitzer Hermele, daß er für die polllifche Legion einen großen Betrag gespendet. H e r m e l e wurde hierauf von den Russen entführt und über sein Schicksal weiß die Fa milie nichts Gewisses. In Dembica mach-en Bauern die Führer und zeigten den Russen jedes jüdische Haus an, in dem Geld zu finden war. In Straf hat der Pöbel gleich nach Abreise der Behörden mit dem Rauben be gönnen und scheute auch Eisenbahngüter nicht. Eine Anzahl von Prozessen ist jetz«: noch anhängig gegen Bauern aus dem Irei'c Taruobrzeg, welche während der Anwesenheit der Russen sich des Raubet' schuldig gemacht haben. Zum Schlüsse möchte ich noch eine kleine Episode erzählen. In Brzostek bei Tarnow wollte seinerzeit die begüterte Witwe Licht von ihrem Vermögen nicht flüchten und blieb mit der Familw im Orte. Als die Russen Brzostek erreichten, führte ein Nachbar — ein vermögen der Bauer — mehrere Kosaken zur Witwe L., die überdies ihre Kinder — halberwachsene Mädchen — bei sich hatte. Die Verzweiflung der Armen ist leicht begreiflich. Sie jammerte und beschwor den Unteroffizier, wenigstens ihren Kindern nichts zu Leide zu tun, und, welch ein Wunder, ihre Tränen erweichten das Kosakenherz. Der Mann versicherte, sie vor jeder Schikane zu schützen. Jnzw-ischen machte sich der gute Nachbar im Laden breit und begann mehrere Warenstücke in ein mitgebrachtes Tuch zu verpacken. Vom Kosaken zur Rede gestellt, er klärte der gute Mann ungeniert, daß er „auch für sich" etwas nehmen ntüjTe. Das war aber dem scheinbar menschlichen Kosaken auch zu viel. Er haute auf ihn mit dem Kolben 'furchtbar ein urb erklärte ihm echt russisch; „Wenn es was zu räubern g bt. dann dürfen nur wir das tun, von einem Nachbar ist das eine Schufterei!" Erlebnisse dieser Art gingen der Flucht voran. Ja. die armen Unglücklichen, sie sind doppelt hart getroffen. I. W. Vierzig Jahre Knltusgeureit devorftcher in Karlsbad. Freitag den 25. Dezember d. I. sind cs 40 Jahre geworden, daß Herr Ludwig Moser zum -.rstenu.ale zum Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Karlsbad gewählt worden ist. Seit dieser Zeit bekleidet Herr M o s e r dieses Ehrenamt ununterbrochen bis aus den heutigen Tag. Vom ersten Augenblick der Konstituierung der Gemeinde hat Herr Moser rastlos an dem Gedeihen der Karlsbader Judenschait mitgcarbeitet, Jeit und Mühe immer bereitwillig geopfert, wo es galt, die Wohlfahrt und die Entwicklung ßiner Gemeinde zu fördern und zu heben. Möge es Herrn M o s e r, der trotz seines hohen Alters mit staunenswerter Rüstächil und Frische seines Annes waltet, befchieden. fein, umgeben von der Liebe der Seinen und der Verehrung der Gemeinde, noch viele Jahre an der Spitze der Karlsbader Judcnscl ast ’u stehen zum Wohle der Gemeinde. Tie Fürsor Fraktion für die flüchtigen Juden in Lundenburg. Das wel geschieh liehe Geschehen, das seinesgleichen nicht hat feie frühester Erinnerungen, decken Opfer Hekatomben unschuldiger, guter Menjchen sind, ein Geschehen, das die Zeitgenossen ganz in seinem Banne hält, schont ui d;'. die. die ihre ganze Kraft ein setzen, die mit unbezwinglichem Mute für den Fortbestand des geliebten Vaterlandes leiden und kämpfen, er schone auch nicht die Gebiete der daheimgebliebenen Bü ger und Arbeiter. Durch den Einbruch der Feinde in die Grenzgebiete ,ind sie zu Opfern der nichis'schonenden Krieg)- fnrie geworden. Um den Drangsalierungerl der feindlichen .Soldateska zu entgehen, mußten sie den Boden verlassen, der ihnen so teuer, den Boden, wo die Väter gelitten und gelebt, gestritten und gestrebt, der ihnen geheiligt als letzte Ruhestätte vieler Generationen, und mußten in eine Fremde ziehen, die ihnen kalt und fremd dünkt, wo sie nicht der Hauch der Henna,, um weht, w'v ihre Si een und Gebräuche befremdend und abstoßend wirken. Am schwersten haben diese Ereignisse unsere Glanbensbrüder aus Galizien und der Bukowina betroffen. In größter Haft mußeeil sie flüchten, ihre Wohnsitze verlassen, um der rachedürstigen Wut der Mosko wüerhorden zu entgehen, die sich 'ja hauptsächlich gegen die Juden richtet. Nichts konnteil sie retten von ihrer Habe, nackt und mittellos zogen sie in die Fremde, schutzlos der Unbill des Wetters preisgegeben, v'.e'fach auch unter dev Mißgunst der lieben N ichslen, angewiesen auf die Mildtätigkeit und die Hochherzigkeit der eigenen Glaubensgenossen. Und die Hochherzigkeit bewährte sich überall voll und ganz. Von allen verlassen, b.währte sich die Solidarität unseres Volkes, es sorgee der Jude für den Jute:. Ueberall entstanden aus Anregung hochgesinnter Männer und Frauen unseres Volkes Komitee?, die sich die Ausgabe stellten, den Aermsten der Armen, den die Heimat verlassenden (Glaubensgenossen, hilfreich beizustehen. Auch in L n u denb u r g gelang es der Agitation edeldenkender Juden, eine FüHorgeac.ien zu organisieren. Der geistige Leiter diese) humanen Unternehmens ist der so hochgeschätzte Kaufmann Herr Arnold Bittner, ein unerschrockener Vorkämpfer für jüdische Interessen, ein ganzer Mann. Unermüdlich ist er im Interesse der armen Flüchtlinge täckg, er besorgt unentgeltliche Ouartiere für sie, stellt den Unbemittelten selbst die nötigen Betten bei, läßt es sich angelegen sein, den Männern Arbeitsgelegenheit zu beschaffen, organisierte die Unterstützung die'er M."r<yrer in der Weiße, daß die begüterten (Glaubensgenossen in Lundenburg nach Maßgabe ihrer Mittel einen monaclich regelmäßig zu zahlenden Betrag für diesen edlen Zweck zu tragen haben, er ist mit einem

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