Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 1 (1.1.1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 9 „Wien, am 1. Dezember 1914. Sehr geehrter Herr Schwarz! So .gerne hätte ich anläßlich des Todes Ihres jungen Helden ihm einen Kranz gespendet als Erinnerung, daß die Pflegerinnen in Treue an diesen geduldigen und mutigen jungen Mann denken. Da nun Ihr Ritus Ihnen: die Annahme von Blumen nicht gestattet, erlaube ich mir Ihnen hundert Kronen per Postanweisung anstatt dieses Kranzes zu senden, mit der herzlichen Bitte, dieselben Ihren anderen Kindern zu geben. Ich bitte, mir es im Andenken an Ihren lieben Sohn nicht übelzunehmen, ich war so viel um denselben, daher erfüllen Sie mir g'wiß diese Bitte und nehmen es so gut auf. wie es gemeint ist. Mit den herzlichsten Grüßen denkt an Sie in Ihrem tiefen Schmerz Schwester Marie Therese." Die Schreiberin dieses herzlichen Briefes ist. w'e die Eltern erst später erfuhren, Ihre kaiserliche und königliche Hoheit Frau Erzherzogin Maria Theresia, welche im Reservespital Freiwilligen-Pflegerinnendienst leistet und, wie aus dem Schreiber: hervorgeht, Wochen hindurch mit liebevoller Hingebung Leutnant Samuel Schwarz gepflegt hat. Wie Kottnentiik aüs Nußkand liüsgewiesen Fünf Jahre sind verflösse):, seit der letzte Nathan und Lear des Wiener Burgtheaters sein Leber: beschlossen hat, das am ZI. Dezember das 90. Jahr erreicht hätte. Unter seinen vor: seiner Tochter Hermine herausgegebener: Briefen befindet sich einer, der in den heutigen Verhältnissen beim greller: Hereinleuchter: der Kr'egsfackel in die russischen Finsternisse eine merkwürdige Aktualität gewinnt als eines der bezeichnendsten Streiflichter über russische Zustände. Eine überaus drastische Episode, die S o n n e r: t a l vor 25 Jahren auf einer Gaftspielsahrt nach dem charmanter: noch zu Europa gehörigen Nachbarreiche erlebte. Im April 1889 war Sonnental Gast des Theaters in Riga und da wurde irr Wien das Gerücht laut, er sei als Oesterreicher aus Rußland ausgewieser: worden. Man werrdete sich natürlich sofort an ihn, um Auskurrft über die wunderliche Mar zu erhalten, und darauf berichtete er: „Die Sache ist richtig, aber die Ursache ist eine andere. Nachdem ich bereits dreimal gespielt hatte, kamer: eines Morgens — welche Ironie, ich probierte gerade Uriel Acosta — ein Polizeihauptmann und eir: Polizei leutnant auf die Bühne, vom .Polizeimeister abgesendet, mit dem Aufträge, mich zu fragen, welcher Religion ich sei. Nun mußte dies aber der Polizeimeister ja gewußt haben, denn gleich bei meirrer Ankunft hier — ich war noch nicht fünf Minuten in meinem Hotel — wurde mir der Meldezettel vorgelegt, auf welchem ich unter der Rubrik „Konfession" mit großen deutlichen Lettern „Jude" setzte, denn ich besitze die Schwäche, m'ch dessen nicht zu schämen. Die beiden Polizeibeamten, die mich auszuforschen hatten, mochten wohl das Entwürdigende ihres Auftrages gefühlt haben, denn sie schämten sich, mich selbst zu fragen, sondern wendeten sich an den Regisseur. Dieser gab ihnen die Auskunft, daß ich Jude sei, worauf sie erwiderten, daß ich in diesem Falle ohne spezielle Erlaubnis mich nicht in Riga aufhalter: dürfe. Mir wurde der Zwischenfall vorläufig verschwiegen rmd die Direktion wendete sich sofort an der: hiesigen österreichischen Konsul Herrn Lübeck, der in loyalster, liebenswürdigster Weife die Sach" nach Petersburg berichtete, von wo noch am selben Abend die folgende Depesche eintraf: „An Polizeimeister ergeht heute telegraphisch der Befehl des Ministers des Innern, wonach Herrn Sormentals Aufenthalt in Riga bewilligt wird. Oesterreichische Botschaft." Als dies geschehen war, wurde mir der Vorfall berichtet. Im ersten Augenblick war ich starr. Ich wußte nicht, sollte ich lachen, sollte ich weinen. - Wir l we i im 19. Jahrhundert und irr: Herzen Europas rveist mar: einer: Menscher: aus, weil er ein Jude ist!" Korrespondenzen. Aufruf! Bücher und Mnfikalien für die Inden unter den russischen Gefangenen! In den Konzentrationslagern der Gefangenen in Oesterreich-Ungarn befinden sich mehrere Tarnende gefangener jüdischer Soldaten aus Rußland. 11m Gehässigkeiten der nichtjüdychen Mitgefangenen vorznbeugen, hat inan ihnen besondere Lager angewiesen. 'Auch für ihre leiblichen Bedürfnisse hat die Militärbehörde ausgiebig Sorge getragen. Sie sind über die wohlwollende Behandlung des Kobes voll, insbesondere über die Güte der ungarischen Juden, die sich nach Krästen bemühen, das Los dieser jüdischen Gefangenen zu verbessern, indem sie dieselben vor allem mit Kleidern und Wäsche versehen. Wir haben es nicht anders erwartet. Die alte jüdische Gastfreundschaft und Opferwilligkeit ist noch lebendig in der Judcnheit Oesterreich-Ungarns. Das altangestammte und mit Recht viel gerühmte gute jüdische Herz ist noch nicht zurPegende geworden. Es hat sich in dieser stürmischen Zeit verjüngt. Alle jüdischen Herzen beseelt das einzige Streben: den unglücklichen Opfern des Krieges zu Helsen, die Not zu lindern, die Leiden zu erleichtern! Aber mit der Fürsorge für das leibliche Wohl dieser jüdischen Gefangenen aus Rußland ist Misere. Ausgabe nicht erschöpft. Ans diese Armen die. herausgerissen aus ihrem Heim, ans ihrem Berus, ans ihrer Umgebung und gewohnten Lebensweise, die schwersten seelischen Erschütterungen und Entbehrungen zu überstehen hatten, muß der erzwungene Müßiggang der Gefangenen mit der Zeit einen sittlich nachteiligen Einfluß ausüben. „In müßiger Weile schafft der böse Geist" (vergleiche Mischna Kethnbboth V, 5). Die sonst so fleißigen, nüchternen braven Menschen geraten allmählich in die Schlinge der Spiel-, Saus- und Rann acht. Dieser vergiftenden Wirkung der Gefangenschaft entgegeuzuwirken, muß jetzt die Aufgabe der Juden Oesterreich-Üngarus sein. Wir müssen ihnen außer Brot und Kleidung auch < eisti e Nahrung zufüyren, damit sie nach Beendigung des Krieges gesund an Geist und Seele in ihre Heimat und zu ihrern gewohnten jüdischen und Berufsleben zurückkehren können. Unter diesen Gefangenen befinden sich viele geistig Hochstehende, die aus ihre Schicksalsgenossen ihren guten jüdischen Einfluß ausüben können und wollen. Unsere Pflicht ist es, sie darin zu unterstützen. Senden wir ihnen hebräische Literatur, Bibel und Talmud und Ritualien nicht allein, sondern auch hebräische Zeitschriften und schöngeistige Werke, sowie jüdische Musikalien nebst Instrumenten Jüdisches Wort und jüdisches Lied sollen ihr gebeugtes jüdisches Herz ausrichten und mit ausdauernder Kraft erfüllen. Für die christlichen russischen Gerangenen sind von privater Seite viele, sehr viele Tausende zur Anschaffung russischer Bücher gewidmet worden. Das Rote Kreuz hat ihnen dafür ganze Bibliotheken zur Verfügung stellen können, aber von dem Inhalt ganz abgesehen, sind jene jüdischen Soldaten zum großen Teil des Russischen gar nicht so weit mächtig, um diese Bücher "lesen zu können. Wollen wir Juden, „das Volk des Buches'", zurückbleiben?