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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-01 · 1 (1.1.1915) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
1 (1.1.1915)
Date
1915-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Dr. Vbpch'S »schenschrift Nr. 1 Felde,-an ihre Adresse, wie Jünger glückstrahlend und stolz dem Meister von ihren Leistungen melden. Das kann vielmehr jeder selbst beurteilen, dex haß Judentum von vor drei Jahrzehnten mit seinem heutigen Gtaudp vergleicht. Ans der eipen Seite kannte uchn in der GcburtssKmde der „Wochenschrift" in unserer österreichischen Jndenheit nur gegen alles Positive im Judentum gleichgiltige Aestheten. Ein Goethe'sches Gedicht, eine Beethoven'sche Sonate, eine Hansen'sche Fassade ging ihnen.weit über alles Politisieren. Und nun gar eine jüdische Politik, mannhaftes Eintreten für Stamm und Bäter^lauben erregte diesen Ueberlegeneu nur geringschätziges Achsetzuckn, wenn uicht noch Aergeres. Der Vernichtungskrieg, den der äußere Feind mft offenem V.sier und fliegenden Fahnen «ns erklärte, fand hier offene Türen. Eine andere Gruppe in unserem Lager vertrat eine Art jüdischen Pietismus, der, gleichfalls im Gefühl unendlicher Erhabenheit über die Waffe des jüdischen Volkes, auf dessen heißes Ringen um sein karges Dasein gleichgiltig herabsah Und in der Pflege der mdividuellen KrpKmigkxjt alftin das Heil der Zukunft erblickte. Wie leicht hat die kraffeste politische Reaktion an solcher unpolitffcher Weltsrcmdheit, an diesem einseitigen Mangel an Verständnis sür alles Organisatorische und Volkstümliche o ft unfteiwillige Helfershelfer gefunden! Daß diese beiden Totengräber jeder politischen Regsamkeit und nationalen Selbstachtung seitdem in immer weiterem Ausmaß einem festen Willen zum Judentum gewichen find, daß heute in unseren Gemeinden und großen Verbänden auf breitester Basis ein neues jüdisches Leben großgewachsen ist und stch kräftig und heilsam betätigt, es ist gewiß nicht das Verdienst der „Wochenschrift" allein. Aber sic war der erste Rufer im Streit oder besser: die Verwirklichung des Glocken-Mottos: Vivos voco. mortuos plango, fulgura frango. Sie weckte sowohl die Gemeinden aus dem Schlaf als auch die Gewissen der zur Führung Berufenen. Wie die „Oesterr.-Jsrael. Union"" so hat sie andere Abwehrorganisationcn ins Leben rufen helfen. Sie hat unsere großen Toten beleben, unsere ruhmreiche Vergangenheit aus ihren Grobem erstehen lassen helfen und sie durch Popularisicmng der jüdischen Wissenschaft in das lebendige Bewußtsein der Gegenwart eingesührt. Sie hat, ein Streiter nach altjüdischem Muster, in einer Hand die aufbauende Maurerkelle, in der anderen das schützende Schwert, die blitzende Waffe des Gegners mit meisterhafter Führung der Klinge pariert Ihre Geisteskämpfe gegen Gegner wie Kanonikus Rohling, Pfarrer Josef D e ck e r t, gegen Paulus Mayer und Aron Briman bilden ein unverwelkliches Ruhmesblatt in der Geschichte des österreichischen Judentums und ist uns älteren Lesem noch in lebendiger« dankbarer Erinnemng. . Die „Wochenschrift" glich auf der einen Seite, der sanften Iphigenie, die auf der Höhe eines alle Parteiung überragenden allgemein-jüdischen Standpunktes die Gegensätze zu mildern und zu versöhnen stch mühte, auf der anderen Seite einer der wehrhaften Walküren, an deren Brünne abprallt des Feindes Geschoß und denen ewige Jugend und Kraft beschieden ist. An Spannkraft, Mut und Jugendfrische hat die „Wochenschrift" nicht ab-, weit eher Angenommen. „Genug ist nie genug", so dürfte ihre Devise lauten. Und so ufe ich denn Jhrren, sehr geehrter Herr Herausgeber, zum Schluß das Mahnwort Goethes zu: „Verharren wir in dem Bestreben, das Falsche, Ungehörige, Unzulängliche, was stch in uns und andern entwickeln oder einschleichen könnte, durch Klarheit und Redlichkeit auf das Möglichste zu beseitigen!" Oder auf gut jüdisch ein herzliches „ Jejascliar kauchacho“ der „Oesterreichischen Wochenschrift!" Wien, 27. Dezember 19l4. Einer aus der Reihe Ihrer alten Garde. Disziplin in Krirgszritr«. Bon Oberrabbiner W. Pesch in Bade« bei Wien. Wenn man das unbestritten große philosophische System Plato's in seiner gewaltigen Ausbeßrung durch ein einziges Wort miedergeben wollte, so könnte es nur in dem einer Ideologie zusammengefaßt werden. Die hat sich daher auch in der Praxis nur als ein geistreiches Spiel mit Worten und Begriffen bÄvährt und Plato kam dazu, in der Staatslehre den merkwürdigen Satz aufzustellen, daß es in der Welt nicht eher besser werden könnte, bis nicht „die Philosophen Könige oder die Könige Philosophen werden". Um aber doch seinem Luftgebilhe des Staatsbewußtseins ein materielles Leben einzuhauchen, sah er sich zu einer Konzession dem realen Staatskörper gegenüber veranlaßt, die uns noch mehr abstößt; denn sie treibt uns in das mittelalterliche Feudalsystemdas in der Menschheit durch die Ungleichheit der Berufe die Ungleichheit ihres Wertmessers untereinander festnagelt. Es ist eine schroffe Scheidung der Stande; einer bloß für die materiellen Grundlagen des Staates sorgenden Klasse von Arbeitern und Gewerksleuten; sie ist die niederste im Staate, also eine Parias; die höhere ist die Kriegerkaste; die allerhöchste jene, aus welcher die regierenden Gewalten hervorgehen. Nur ein Grundsatz, den Plato hiebei aufstellt, vermag uns flüchtig mit seinem rückständigen Staatssystem allszusühnen, der da lautet: „Nur der Wissende soll zugleich der Befehlende sein!" Uebertragen wir diesen tiefgründigen Gedanken auf die Religion, dann lehrt er uns, Gott ist der Allwissende, daher haben wir auch all seinen Befehlen allüberall zu gehorchen. Uebertragen wir ihn aus das Staats leben, so heißt dies, daß wir dem Staatsober Haupte allüberall zu gehorchen haben, da in ihm sich alle verzweigten, die offenbaren wie die geheimen Staatsfäden zusammenfinden. Im Kriege heißt dies, sich allem und allüberall den Befehlen des obersten Kriegsherrn zu unterwerfen, da nur dieser, als das oberste militärische Kommando, der in Bezug auf den Krieg Allwissende ist und daher auch der A l l g e b i e t e n d e zu sein habe. Das ist dann nicht nur philosophisch, sondern praktisch gedacht und darauf beruht die Disziplin inKriegszeiten, die allein den Erfokg verbürgt. Bei uns Juden ist sonst die Disziplin leider nicht zu Hause, u. zw. im Hinblicke auf das Verhalten zueinander im Schoße der Jndenheit. Es herrscht sogar zum eigenen großen Schaden eine Disziplinlosigkeit. Es ist der demokratische Zug, der im Judentume lebt, der kein Vorrecht der Geburt oder der Stellung anerkennt. Wir Juden erkennen uns alle als Brüder gleichen Ranges, wie es der jüdische Volksmund so schön sagt: Auch meine „N e s ch o m o h" stand vor dem Sinai. Die Jndenheit erkennt nur ei n e Art der Autorität an, vor der sie sich beugt, das ist die der Thorakenntnis, auf die heutige Zeit übertragen, die der Wissenschaft; der Amhaarez ist ihr immer die minderwertige Klasse, der Laie, der Unwissende; die einzige höhere sieht sie in dem Gelehrten. Daher die jüdische Disziplinlosigkeit, wie sie seit Olims Zeiten in Israel vorherrscht. Ein deutscher Schriftsteller jüdischer Konfession, der durch seinen Humor und beißenden Witz bekannt ist. erzählt hierüber ein Anekdötchen, welches, wenn auch nicht historisch beglaubigt, doch immerhin dichterisch schön empfunden ist — se non e vero, e ben tu ovato. Einst standen zwei Juden vor dem Tore des königlichen Palastes in Zion. Da trat der König selbst heraus.

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