Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-12-25 · 51 (25.12.1914) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
51 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022141--23726-3048939
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift Teile WS Karlsbad. Sonntag, am 2. Tage der Chanuka-Feier, veranstaltete der Restaurateur Herr Selig Kirsch auf seine eigenen Kosten ein imposantes Lhanuka-Fest für die verwundeten jüdischen Soldaten, die hier weilen. Nach dem Chanukazünden lud Herr Kirsch die Soldaten zum Souper ein. In seiner feierlichen Ansprache schilderte er die Heldentaten der Makkabäer und verglich dieselben mit den jüdischen Kämpfern. Am Schlüsse brachte er ein dreimaliges Hoch auf unseren Kaiser und den Verbündeten. Dann wurde die nationale Hymne und auch die Wacht am Rhein gesungen, nicht nur von den Soldaten, sondern auch von Hunderten von Flüchtlingen, die dem großen Feste beiwohnten. Am Schlüsse der Feier wurden die Soldaten reichlich mit Zigaretten, wollenen Strümpfen, Pulswärmern und Zägerwäsche beschenkt. Die Flüchtlinge sangen verschiedene jüdische Lieder und es wurden auch patriotische Gedichte vorgelesen, die die Stimmung und Feierlichkeit noch hoben. Ein verwundeter Einjährig-Freiwilliger erzählte seine Erlebnisse am Schlachtselde und endete mit dem Ausdruck des Wunsches, er würde sich glücklich fühlen, wenn er aus dem Felde der Ehre fallen würde. — Die Soldaten dankten dem Herrn Kirsch für seine Liebenswürdigkeit und äußerten oftmals den Ausdruck der Freude für die höfliche Veranstaltung der großen Makkabäerfeier^ Auch die Hunderte von Flüchtlingen, die dein Feste zuschauten, waren tiefgerührt und aus allen Gesichtern strahlte die gute Hoffnung und Siegeszuversicht. H. B. Sitzung des zionistischen Aktionskomitees. In den Tagen vom 4. bis 6. Dezember fand in Kopenhagen eine Sitzung des zionistischen Aktionskomitees statt, an der sich Mitglieder aus verschiedener: Ländern beteiligten. Der Sitzung lagen ausführliche Berichte über die Lage der jüdischen Siedelung und der zionistischen Institutionen in Palästina vor, die durch den Krieg in große Bedrängnis geraten sind. Mit dankenswerter Energie haben die amerikanischen Juden bereits eine Aktion für die Linderung der Not unternommen, es hat sich aber herausgestellt, daß weitere große Mittel erforderlich sind. Es wurde daher beschlossen, eine großzügige Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Zur Durchführung dieser Hilfsaktion und zwecks Erleichterung der Verbindung der einzelnen Teile der zionistischen Organisationen wurde beschlossen, ein Arbeitsbnreau in einem neutralen Lande einzurichten. Die endgiltige Bestimmung des Ortes für das Bureau wurde dem E. A. C. überlassen. Bis dahin wird es seinen Sitz in Kopenhagen haben. Feuilleton. Iudrnrlend itt |tußlanii. \ i. Ein hervorragender englischer Publizist, E. B. Lamin, schrieb in einem Aufsatz über die Lage der Juden in Rußland in der „Fortnightly Review": „Eine der Maßregeln, die man gegen die Juden angewendet hat, würde hinreichen, Um' drei Viertel aller Christen Rußlands in einer Wache zum Schamanentum oder zum Buddhismus zu bekehren, und der Umstand, daß gegen sechs Millionen verfolgte und bejammernswerte Unglückliche standhaft und treu bei einer Religion ausharren, die ihr Leben in einen Feuerosen verwandelt, aber ohne, den Engel, der Kühlung zuführt, kommt einem grandiosen Wunder gleich, das unser ungläubiges Zeitalter zu schauen gewürdigt worden ist." An dieses Wort erinnerten wir uns unwillkürlich beim Lesen des merkwürdigen Zarenaufrufes an die Juden, sie mögen sich an die Wohltaten erinnern, die sie im Laufe der Jahrhunderte vom Hause Romanow empfangen haben. Will man die inneren Triebfedern der russischen Regierungspolitik gegen die Juden erfassen, so muß man die traurige Leidensgeschichte der Juden in Rußland sich in .Erinnerung rufen, wozu hier der Versuch unternommen werden soll. „Wenn man die russische Gesetzgebung bezüglich der Juden — vom Jahre 1497, dem Erscheinen des ersten Gesetzbuches (Sudebnik) des Zaren Iwan III., angefangen bis auf unsere Zeit — genau prüft, so wird die unleugbare Tatsache klar, daß die Legionen von Ausnahmsgesetzen, mit weichen die russischen Regierungeil die Existenz ihrer jüdischen Untertanen umgarnt hatten, auf der religiösen Unduldsamkeit der russischen Machthaber und ihrer Sucht nach Proselylenmacherei basieren. Nur im Namen Gottes haben die russischen Gewalthaber ihre jüdischen Untertanen stets unterdrück und nur im Namen Gottes wurden auch die jüngsten Judenverfolgungen veranstaltet. Wir werden uns bemühen, diese Tatsache durch historische Belege zu bekräftigen, indem wir unsere Beweise aus zahlreichen gesetzgeberischen Akten der russischen Zaren sowie aus der „Vollständigen Sammlung des russischen Reiches" (Fumoje sobiauije sakouow Kossiiskoj lmperi) schöpfen. Die Proselytenmacherei war stets eine Art Mission der russischen Zaren und Zarinnen sowie der russischen orthodoxen Kirche. Hören wir, wie ein russischer Kirchenfürst aus dem 17. Jahrhundert, ein eifriger Förderer des nationalen und orthodoxen Selbstbewußtseins des Russenvolkes, über diese Proselytenmacherei urteilt. Jurij Krisanitsch, ein geistreicher Beobachter des russischen Lebens im 17. Säkulum, sagt darüber folgendes: „Gleich der Türkei fördert Rußland jeden Neophyten, es übt sogar aus viele Ungläubige Zwang aus, um sie zur Orthodoxie zu bekehren. Und diese Leute, welche aus materiellem Vorteile den Glauben wechseln, erhalten bei uns hohe Anstellungen! Das russische Reich wird eines Tages durch diese Neophyten oder durch ihre Nachkommen total ruiniert Werder;." Diese unparteiische Mahnung jedoch hatte nicht gefruchtet und die Proselytenmacherei blieb stets das charakteristischeste Merkmal der russischen Regierungen. Aber die Sorge der russischen Machthaber um das „Seelenheil ihrer nichtorthodoxen Untertanen" ging stets Hand in Hand mit der grausamsten Unduldsamkeit gegen „die in ihrer falschen Lehre Beharrenden". Diese Unduldsamkeit trat besonders scharf gegen die Juden hervor. Welche Ansicht über die Juden man zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Rußland hatte, geht aus einem Briefe hervor, den Mawra Jegorowna Schuwalowa, die Lthnherrin der Grafen Schuwalow, 1738 an die Großfürstin Elisabeth richtete. Schuwalowa befand sich dazumal in der Stadt Njeshin (Gouvernement Kiew), von wo aus sie der Großfürstin schrieb: „Die Stadt ist von Juden überfüllt; ich selber habe sie, diese Hunde, gesehen." Was Wunder also, loenn Großfürstin Elisabeth als Kaiserin von Rußland die Juden nicht besser wie Hunde behandelte und beinahe 40.000 derselben aus Rußland auswies. Als Iwan der Grausame (IV.) 1563 die Stadt Polotzk eroberte, befahl er, „alle dort lebenden Juden zu taufen und die Unfolgsamen in der Düna zu ertränken."^ Derselbe Iwan IV. gab einem Abgesandten des Fürsten von Litauen, der für die Juden Fürbitte einlegen wollte, folgende Antwort: „Ich will von den Juden nichts wissen; sie haben Christus, den Erlöser, verhöhnt." Eine ebensolche Behandlung der Juden sowie eine gewaltsame Bekehrung derselben zur Orthodoxie Seist die russische Geschichte des 17. Jahrhunderts auf, welche die bereits angeführte abfällige Kritik des russischen Kirchensürsten Krisanitsch hervorgerusen haben. Aus dem 18. Jahrhundert besitzen wir zahlreiche Verordnungen und Bestimmungen der russischen Regierung bezüglich Landesverweisung der Juden, „die zur Orthodoxie nicht übertreten wollen". Kaiserin Katharina II. hat gleich nach ihrer Thronbesteigung (1762), als sie noch mit den französischen Enzyklopädisten liebäugelte, den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.