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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-12-25 · 51 (25.12.1914) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
51 (25.12.1914)
Date
1914-12-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 903 jedoch ist zwei erhabenen Gütern der Menschheit gewidmet, welche auch in Kriegszeiten nicht znrückgeftellt erden dürfen, und zwar: dem Unterrichts und dem Gottesdienst. Anschließend an den denkwürdigen Ausspruch: „Der deutsche Schulmeister hat die Schlacht geschlagen", zeichnete Redner die Bedeutung der Schule und des Bethauses besonders in Kriegszeiten. Bei ersterer, dort nicht allein die Saat der Kultur und des Wissens in das Herz der Kinderseele gestreut wird, sondern weil auch dort in der Jugend flammende Begeisterung fürs Vaterland geweckt und die Liebe und Hingebung für Kaiser und Reich zu einem nie erlöschenden Feuer angefackp werden muß. Bei letzterem, bei dem Bethause, weil es ein Bau ist, der uns zur Erbauung dienen soll, in welchem wir für das Heil des Vaterlandes, beit Sieg unserer Waffen beten müssen, wo wir nicht allein Aufklärung und Belehrung, sondern auch Trost und Hoffnung schöpfen, um von den Wunden zu genesen, die uns ein grausames Geschick, geschlagen hat. Auf die Gründe, die den Neubau veranlaßten, übergehend, wies der Redner auf die gedeihliche Entwicklung unserer Gemeinde hin, pries die nie versagende Opfer- Willigkeit und beit Geist der alten Treue unserer Gemeindeangehörigen und dankte mit tiefer Wärme allen, die diesen Bau förderten und zur Entwicklung unserer Gemeinde beigetragen haben, besonders der Chewra-Kadischa, welche durch die hochherzige Spende von 20.000 Kronen die Bauausführung erleichterte. Da nach der Einweihungsfeier als erste gottesdienstliche Veranstaltung ein Bittgottesdienst für den Sieg unseres Heeres festgesetzt war, wünschte der Redner, daß Gott diese Gebete erhöre, daß er die Fülle seiner Segnungen über unseren erhabenen, in Freud und Leid gleich unerschütterlich geliebten Monarchen ausgieße und daß der Kampf der Kultur gegen Barbarei, der Gerechtigkeit gegen Meuchelmord, den wir führen, mit der Nicderringung aller unserer Feinde bald zu Ende gehe. Redner schloß mit den Worten: „Ueber den Eingängen der meisten Synagogen steht mit ehernen Settern und sonniger Klarheit als Aufschrift der hebräische San: Ü68si b688 tefiloli iikoreli lechol huamim. d. h. mein Bethaus ist ein Bethaus für alle Völker. Dieser Spruch ist durchrauscht und getragen 'voll dem göttlichen Gedanken der Menschenverbrüderung. Möge diese altjüdische Mefsiasidee der Völkerverbrüderung in Erfüllung gehen, möge dieser Krieg der letzte sein und bald das leuchtende Morgenrot einer neuen Zeit erscheinen, in der sich die Menschen zur Förderung alles Edlen und Guten, alles Idealen und Schönen, alles Erhabenen und Vollkommenen, in Schulaum, in Frieden und Eintracht zusammenfinden." — Mit dem Wunsche, daß dieser Ban unserer Gemeinde zum Segen gereiche, übergab Redner denselben seiner Bestimmung. Die formvollendete, mit Feuer und Schwung vorgetragene Festrede hat bei den Anwesenden derartige Begeisterung ausgelöst, daß sich dieselben zu in einem Gotteshause sonst nicht üblichen Bravorufen Hinreißen ließen. Nach der Festrede des Präses zündete Herr Landesrabbiner Dozent Dr. H e r z o g das ewige Licht an, worauf Herr Oberkantor Horn Psalm 30 vortrug. Dann hielt Herr Dozent Dr. Herzog die Weiherede, nach welcher ein Gottesdienst für den Sieg unserer Heere stattfand. Mit dem Vortrag der Volkshymne, welche von allen Anwesenden stehend mitgesungen wurde, schloß die schöne ergreifende Feier, die allen Anwesenden lange im Gedächtnisse bleiben wird. Zur Erinnerung an Rabbiner Dr. Nathan Glaser. Der ausgezeichnete Mann, dessen sterbliche Hülle Dienstag den 15. Dezember 1914 unter außerordentlicher Beteiligung weiter kreise zu Grabe getragen wurde, hat durch ein volles Menschenleben in seiner Religionsgemeinschaft und in öffentlichen Körperschaften einen hervorragenden Platz eingenommen und diesen mit der Krach seiner Persönlichkeit so auszufüilm verstanden, daß ihm gewiß alle, die ihn kannten, ein achtungsvolles, treues und dankbares Andenken bewahren werden. Gin Blick auf seinen Ledensgang zeigt, wie innig er mit der israelitischen Kultusgemeinde Lipnik-Biala verknüpft war, deren Begründung, Wachstum und Ausgestaltung er miterlebt und aufs kräftigste gefordert hat. In Nikolsburg, einer angesehenen jüdischen Gemeinde, die dem Judentum manchen hervorragenden Gelehrten und Prediger gegeben hat, wurde er am 25. Jänner 1835 geboren. Er legte die Reifeprüfung am evangelischen Lyzeum in Pretzburg ab und widmete sich dann philosophischen Studien an den Universitäten in Prag und Breslau. Im Jahre 1870 vollendete er am jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau seine radbinische Bildung, zu bet er schon in seiner Vaterstadt und in Pretzburg den Grund gelegt hatte. Bereits 1869 hatte er in Jena den Grad eines Doktors der Philosophie erreicht. So war er ebensowohl mit allgemeinem wie mit jüdischem Wissen ausgestattet, als er im November 1870 nach Lipnik-Biala kam, wo eine israelitische Kultusgemeinde im Entstehen begriffen war. Roch am 29. Dezember 1870 wurde er mit demselben Erlasse, der die Kultusgemeinde ins Leben rief, im Amte bestätigt. So ist er der erste Rabbiner dieser Gemeinde gewesen und -hat durch 44 Jahre immer in ein und derselben Gemeinde segensreich gewirkt und eine Tätigkeit entfallet, deren Erfolge im L.ben und in den Einrichtungen der genannten Religionsgemeinschaft s chtbar s nd und noch lange Zeit dankbare .Anerkennung f.nden werden. Sein Amt brachte ihm eine Fülle von Arbeit," der er sich '.innrer mit Liebe, Fleiß und peinlicher Gewissenhaftigkeit unterzog Er erteilte an den Ire den öffentlichen Schulen in Biala, an der dortigen evangelischen schule und an der Vereinsschule in Lipnik Reli,f»onsunterricht. Während der Rabbiner- Vakanzen in Bielitz versah er in der Bielitzer Kultusgemeinde die rabbinischsn Funktionen und erteilte auch an den Bielitzer Mittelschulen Religionsunterricht. Von 1871—1878 vertrat er auch das Rabbinat in Zablcc e, von 1880—1890 in Andrychau. 1871—1873 leitete er ferner die israelitische Volksschule, die damals in Biala bestand. In dieser Zeit war er Mitglied des Bezirksschulrates in Wadow.tz. Dem Lipniker und Bialaer Ortsschule gehörte er bis zu seinem Tode an. Es entsprach nur seinem innersten Gefühle, wenn er in d.n 44 Jahren seiner Amtstätigkeit an Kaisers Geburtstag und bei sonstigen freudigen und traurigen Anlässen patriotische Worte an seine Gemeinde richtete. Ganz besonders feierte er in fornivoilendeten, gemütsvollen Ansprachen die Regiervnasjubilüen unseres Kaisers in den Jahren 1873, 1888, 1898, 1903 und auch noch jüngst im Dezember die Vollendung des 66. Regierungsjahres. Im September 1880 genotz er in Oswiecim und im Oktober desselben Jahres an der Reichsbrücke in Biala die hohe Ehre, Seiner Majestät oorgestetlt zu werden. Sein verdienstvolles Wirken in der Oeffentl'chkeit ist schon von berufener Seite gewürdigt worden. Es fand auch reich: Anerkennung in Ansprachen, Glückwünschen, Auszeichnungen und Geschenken von nah und fern, als er vor vier Jahren die Vollendung seines 40. Dicnstjahres feierte. Aber es verdient besondere Erwähnung, worauf sich der Vcrbl chene selbst am meisten zugute tat. Bei der Feier seiner 25jäbriaen Amtstätigkeit sprach er es von der Kanzel herab aus, datz er den Frieden in seiner Gemeinde' erhalten habe und datz seine Gemeinde zu den ruhigsten und friedlichsten des Kaiser staates gehöre Diese Friedensliebe drückteseinem Auft eten, mochte es wo immer geschchen ihr Gepräge auf. Aber ihn zeichnete überdies tiefe Frömmigkeit, ein bescheidenes, freundliches, treuherziges Wesen aus, das ihm all Herzen gewann. Darum gelang es ihm, zu de- Mitgliedern se'ner Gemeinde in ein inniges, vertrauensvolles Ver hältnis zu tretm, mit seiner Gemeinde ganz zu verwachsen. Das Leid und die Freude der Gesamtheit wie des Einzelnen war auch sein Leid und sein- Freuds. Gern gab er Rat und Trost, ehrte mit aufmunterndem Wort jedes schöne Beginnen und gedachte dankbar jeder gemeinnützig n Handlungsweise. Im persönlichen Verkehre erwarb er sich auch außerhalb seiner Gemeinde v el: Freunde. Machte schon die ehrwürdige, stattliche Erscheinung auf den Besucher den besten Eindruck, so zog seine freundliche Anrede, sein anregendes, manchmal mit trockenen Humor gewürzt-s Ge'prä-ch noch mehr zu ihm hin. So wird das Andenken an den ersten Rabbiner der Lipnik- Bialaer Kultusgemeinde, an den liebenswerten Menschen Dr. Nathan Glaser in all denen nicht verblassen, die ihn Häher kennen lernten. Die trauernde Gemünd: aber ist mit Recht daraus bedacht, sein Andenken auch nach außen hin dauernd zu ehrrn. In einer eigens einberufenen Trauerversammlung des Vorstandes wurde der Beschluß gefaßt, eine Doktor Glaser-Sichtung ins Leben zu rufen. So wirkt d-r Verblichene, der bei Lebzeiten an allen religiösen und Wohltätigkeitseinrichtungen s.iue: Gemeinde den stärksten Anteil hatte, auch noch über das Grab hinaus Gutes und es erfüllt sich an ihm der Spruch: „Das Andenken des Gerechten, es bleibt im Segen!"

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