Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 51 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022141--23719-3048932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 903 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 51 Wilhelm Vacsony, Präsident der israelitischen Patronage Franz Szekely, Chefredakteur des „Pester Lloyd" Josef Veszi, Redakteur Max Szabolcsy und Generalsekretär der Pester Kultusgemeinde Dr. Julius Weißburg als Schriftführer. Entschuldigt waren Vorsteher Dr. Moritz Stiller, Chefredakteur Max Markus und Manfred Weisz de Csepel. Der Vorsitzende Ludwig Adler schilderte die durch die Kriegsereignisse, bezw. durch die feindliche Invasion geschaffene Lage, aus welcher für die Judenschaft der ungarifchen Hauptstadt sehr schwere Lasten erwuchsen. Diese Lasten könne die Pester Kultusgemeinde, auf welche der größte Teil fällt, so schwer es auch ihr wird, dies festzustellen, allein nicht tragen. Sie weiß nicht mehr, was sie mit den Flüchtlingen, welche hieher kommen und nicht fortgehen wollen, tun soll. Eine staatliche Unterstützung wurde, obgleich diesbezügliche Versprechungen gemacht wurden, bisher nicht flüssig gemacht. Man verlangt von ihr eine Statistik, welche sie n'cht imstande ist, zur Verfügung zu stellen. Die Zahl der Flüchtlinge fluktuiert, gehen auch einige fort, so kommen nach neuen Invasionen wieder andere Flüchtlinge ait ihre Stelle. Aber auch die Mittel stehen der Kultusgemeinde nicht zur Verfügung, mit welchen sie eine gründliche Statistik anlegen könnte. Sie weiß, daß der gewöhnliche Stand tausend Flüchtlingsfamilien aus Galizien allein beträgt. Es gibt aber unter ihnen auch Familien, wie z. B. die des Sandezer Rabbiners, dessen Kinderzahl einundzwanzig beträgt. Dann gibt es unter den Geflüchteten Gelehrte, Schriftsteller, Advokaten, Aerzte, Lehrer, diese können nicht mit dem gewöhnlichen Volke gleichmäßig behandelt werden. Aber es gibt unter ihnen auch solche, welche reich waren, aber arm hieher kamen, oder solche, welche Werte oder Geld mitgebracht hatten, es aber bereits aufgebraucht haben. Diese nun können nicht mit den Leuten, welche an kleinere oder größere Entbehrungen aewöbnt waren, unter einen Hut gestellt werden. Die Unterstützung kann nicht gleichförmig sein und wird daher um so schwieriger. Aber nicht einmal für eine gleichförmige Unterstützung ist mehr Deckung vorhanden. Die Pester Kultusgemeinde ist erschöpft. Ihre Mitglieder, deren Einkommen geringer wurde, werden auch von vielen anderen Stellen in Anspruch genommen. Hier ist übrigens nunmehr nicht nur H-'lfe, sondern auch Rat notwendig. Im Verlaufe der Debatte wurde auch darauf hin-, bewiesen, daß Wien seine Tore für di" Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina bereits gesperrt hat. Die Flüchtlinge werden in Mähr.-Oürau und Nikolsburg kon- 'entriert, sedoch unter Verhältnissen, nach welchen die frischen Flüchtlinge kein Verlangen haben können. Aber abgesehen hievon, müssen die jüdischen österreichischen Flüchtlinge von hier abgeleitet werden. So lange wir keine eigenen Flüchtlinge hatten, konnten wir auf die fremden Staatsbürger größere Sorgfalt verwenden, heute aber müssen wir hauptsächlich an uwere eigenen Komratrioten denken. Nichtsdestoweniger müsse Gewißheit darüber geschaffen werden, inwieweit die Berichte über die österreichischen jüdischen Sammellager der Wahrheit entsprechen. Deshalb müsse man in erster Reihe in Wien, eventuell bei den fraglichen Sammelstellen selbst verläßliche Informationen einholen. T)se Abgesandten der Beratung möaen die Angelegenheit mit den leitenden Männern der Wiener Kultusgemeinde besprechen, mögen jedoch auch mit den dortigen Regierungskreisen in Fühlung treten und sich dafür interessieren, ob von den für jüdische österreichische Flüchtlinge bestimmten Unterstützungsgelderu nicht, wenn es nötig erscheinen sollte, ein Teil einer Budapester Zentralfürsorgestelle zur Verfügung gestellt werden könne. Als Delegierte wurden hierauf Hofrat Franz Szekel und Dr. Franz Mezey gewählt und beschlossen, daß diese ihre Mission so bald als möglich in Angriff nehmen und in kürzester Zeit über das Ergebnis derselben Bericht erstatten mögen. Der zweite Hauptbeschluß der Beratung bestand darin, daß in Budapest eine Zentralfürsorgestelle gegründet wird, zu welcher auch die Vertreter der Orthodoxen herangezogen werden sollen, da hier bloß durch gemeinsames Vorgehen ein Resultat erzielt werden könne. Bei diesem Anlasse wurde konstatiert, daß die Pester Kultusgemeinde zur Unterstützung von Flüchtlingen in der letzten Zeit bereits 55.000 Kronen verwendet hat, zu welcher Summe der „Pester Lloyd" als Ergebnis einer Sammlung 10.000 Kronen und der „Egyenlösseg" 4000 Kronen beigesteuert haben. Schul- und Bethaus-Einweihul g in Graz. Man schreibt uns aus Graz: Die Einweihung der längst vor Ausbruch des Krieges begonnenen und vom Baumeister Herrn Ingenieur Alex. Zerkowitz ausgesührten Erweiterung unserer israelitischen Volksschule und des Baues eines heizbaren Winterbethauses fand Sonntag, den 13. d. M., am ersten Chanukätage, statt. Die Feier gestaltete sich zu einer patriotischen Manifestation, da nach der Einweihung als erste gottesdienstliche Handlung im neuen Bethause ein Gottesdienst für den Sieg unseres tapferen Heeres abgehalten wurde. Mit diesem Baue, welcher einen: unaufschiebbaren, weil außerordentlich dringenden Bedürfnisse unserer Gemeinde Abhilfe bringen soll, hat sich unser allverehrter und um unsere Gemeinde auch sonst hochverdienter Präses, Herr Simon Rendi, ein unvergängliches Denkmal errichtet, welches noch in spätesten Zeiten Zeugnis geben wird von seinem eminenten Verständnis, seiner nie versagenden Opferwilligkeit und ArbeitsfreüdigkeiÜ - Beim Baue des ersten heiligen Tempels, heißt es von den Männern, die ihr Können in den Dienst der heiligen Sache gestellt haben: C'tris? 5” ruittNS- Sie haben mit wahrhafter Liebe und Treue am Werke gearbeitet. Auch bei unserem Neubaue, der in allen Details ungemein gelungen, waren Aufgaben schwieriger Natur zu lösen. Insbesondere die zur Verfügung stehenden geringen Geldmittel, die beschränkten Raumverhältnissc u. a. m. mußten mit den Erfordernissen in Einklang gebracht werden. Als recht gelungen erscheint die überaus glückliche Lösung der Aufgabe, die Erweiterung der Kanzleiräumlichkeiten betreffend, die sich als ungemeitt praktisch, bequem und allen Anforderungen entsprechend erweisen. Ebenso sind das Gotteshaus und die neuen Schulzimmer mit allem wünschenswerten Komfort, mit allen nötigen Behelfen , vom hygienischen und praktischen Standpunkte ausgestattet. All dies wurde in verhältnismäßig kurzer Zeit und ohne besondere Belastung unserer Steuerträger geschaffen und konnte nur ermöglicht w-erden, weil ein Mann wie unser Präses, als vielbeschäftigter Großkaufmann mit eigenen Agenden stark in Anspruch genommen, „mit wahrhafter Liebe und Treue" am Werke war und dasselbe zu Ende führte. Mit den Worten: 1"C£* D NIH TPD Ä'HprT wellen wir ihm den wohlverdienten Dank abstatten. Die Feier nahmeinen sehr würdigen Verlauf, das Bethaus war dicht gefüllt. Nach Vortrag des „Ma tauwuh" durch Herrn Oberkantor Paul H o r n wurden von dem Vorstande die Thorarollen eingebracht und in die Bundeslade gestellt. Hierauf hielt Präses Simon R e n d i die Festrede, in der er zuerst aus die gegenwärtige Gemütsstrmmung und Geistesverfassung hinwies, welche im allgemeinen keinen Raum für Feste biete. Unser längst vor Ausbruch des Krieges begonnene Bau