Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 51 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 898 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 51 Handlung. Wird aber ein jüdischer Soldat so weit hergestellt, daß er das Bett verlassen kann, so verliert er alle seine Rechte, er wird wieder bloß Jude und wird auch danach behandelt. Er muß die russische Kronstadt sofort verlassen und zurückfahren in das jüdische Ansiedlungsgebiet, wo er früher mit anderen Tausenden Juden in dem engen Raum in der Ghettostickluft zusammengepfercht gelebt hat. Zeichnet sich ein Jude aus, hat er sich heldenmütig auf dem Schlachtfelde erwiesen, vergessen die Kommandanten nicht seine Tat anzuerkennen, man beehrt ihn mit Orden, man richtet an ihn Lob- und Dankschreiben und spart nicht mit Worten der höchsten Anerkennung. Die Zeitungen oerzcichnen seine Heldentaten und selbst die antisemitische Presse verweigert ihm nicht einige anerkennenswerte Worte, die gewöhnlich mit der Bemerkung schließen: Trotzdem er Jude ist, war er doch dem Lande treu! Aber was die Rechte der Juden betrifft, so hat das alles damit nichts zu tun, Jude bleibt Jude, und Zar Nikolaus scheint gar nicht daran zu denken, die Gesetzgebung betreffend dir Juden einer Aenderung zu unterziehen. Mit den invaliden jüdischen Soldaten geht die Regierung auch nicht besser um. So lange sie hilflos und krank sind, betrachtet man sie noch als einen Teil der Armee und behandelt sie mit allen anderen gleich. Können sie jeodch die Hospitäler verlassen, und zwar in einem Zustand, in dem sie nicht mehr aufs Schlachtfeld zurückgeschickt werden können, so läßt man sie nicht einmal auf Krücken und , Stöcken in den russischen Städten länger verweilen. Ohne Beine und Arme, mit durchgeschossenen Köpfen und ausgestochenen Augen oder sonstwie zu Krüppeln geschossen, werden sie „nach Hause" geschickt. Eine Gnade allerdings wird dem Juden gewährt, und die besteht darin, daß man den Eltern und Frauen der verwundeten jüdischen Soldaten gestattet, dieselben in den Spitälern zu besuchen. Aber auch hiezu muß erst durch schriftliche Eingaben die Erlaubnis erwirkt werden. Die Behörden drücken da ein Auge zu, und man vergißt auf einen Tag, daß die Bittsteller Juden sind. Länger als einen Tag dürfen sie jedoch nicht zum Besuche ihrer für Väterchen Zar verwundeten Angehörigen in den russischen Städten weilen. KHanukaserer im Ketde. Ein Feldpostbrief an die „Oesterreichische Wochenschrift". . . . ., 19. Dezember 1914, abends. Sehr geehrter Herr Redakteur! Vielleicht ist. es für Sie von Interesse, zu erfahren, daß auch im Felde das Chanukafest gefeiert wurde. Ich glaube, es wird auch den österreichischen Juden Freude bereiten, wenn sie in Ihrem sehr geschätzten Blatte etwas hievon hören werden. Ich bitte Sie demnach um Ausnahme des beiliegenden Berichtes. Mit bestem Danke zeichnet Ihr Sie hochschätzender Med.-Dr. Richard Löwi. Wien, II./1, Novaragasse 20. dzt. Jnfanterie-Divisions-Sanitätsanstalt Nr. 43 (II. Sektioy). Hochwohlgeboren Herrn Dr. Jos. S. B l o ch, Herausgeber und Eigentümer der „Oesterreich ischen Wochenschrift", Wien, II., Praterstraße '9. Die Chanukafeier im Felde. Wenn wir auch im Felde stehen und der große Kampf fürs Vaterland uns ganz in Anspruch nimmt, so haben wir es doch nicht verabsäumt, dieses schöne Fest würdig zu begehen. Nach Ansgang des Sabbats am 12. d. M. versammelten sich in ... . die jüdischen Soldaten der in der Umgebung stehenden Regimenter, insoferne sie frei waren, um das Andenken der heldenmütigen Makkabäer zu feiern. Das Fest begann mit dem üblichen Abendgebete. Nachher zündete Ehrwürden k. k. Feldrabbiner Dr. Albert Schweiger, im Frieden Rabbiner in Kremsier, der das Zustandekommen dieser herrlichen Feier veranlaßte, das Chanukalicht an, und die Soldaten stimmten gerührt in das Makkabäerlied (Moaus zur) ein. Hierauf schilderte Ehrwürden Doktor Schweiger in schwungvollen Worten die Heldentaten der Makkabäer und führte den Gedanken aus, wie es diesen gelang, die große Uebermacht der Syrier zu vernichten, weil sie für das Recht und die Freiheit der Völker mit Begeisterung, kämpften. So wird es auch unserem Vaterlande gelingen, die Uebermacht der Finsternis und Knechtschaft zu besiegen, weil das Recht auf unserer Seite ist. Denjenigen Soldaten, die während der erhabenen Feier im Gefecht standen und ihr nicht beiwohnen konnten, spendete er den Segen und sagte: „Die feiern am würdigsten und idealsten Chanuka, indem sie im heldenmütigen Kampfe beweisen, daß sie die wahren Nachkommen der Makkabäer sind." Dann folgte ein Gebet für unseren Kaiser und das Vaterland, für Kaiser Wilhelm, die deutschen Verbündeten und das türkische Reich. Die anwesenden Offiziere und Soldaten waren von der Rede des Feldrabbiuers tief gerührt und sangen begeistert die Völkshymne. Zum Zeichen der Einheit und des Friedens unter den Konfessionen waren auch der griechischkatholische Feldkurat H. Raczkowski und der griechischorthodoxe Feldkurat P. Dariczuk anwesend. Hohe Auszeichnungen an die Damen des Botschafters Worgentljau. Aus Konstantinopel wird berichtet: Der Sultan hat der Gattin des amerikanischen Botschafters Morgenthau den Großkordon des Chefakat-Ordens und den drei Töchtern des Botschafters Madame Foix, Mme. Wertheim und Frl. Ruth Morgenthau denselben Orden zweiter Klasse verliehen. Diese hohe Auszeichnung erfolgte in Anerkennung der hohen Verdienste, welche die Familie des Botschafters sich um die Unterstützung und Ausspeisung von Schulkindern in den ärmsten Vierteln von Konftantinopel erworben hat. Seit mehreren Monaten schon werden siebzig Schulkinder auf Kosten der Frau des Botschafters Morgenthau täglich vollständig ausgespeist. Anläßlich ihrer hohen Auszeichnung beschloß ' Mme. Morgenthau, die Ausspeisung von weiteren dreißig Schulkindern auf sich zu nehmen, so daß die Zahl ihrer Schützlinge nunmehr hundert beträgt. Bekannt ist, daß Fräulein Ruth Morgenthau in den von ihr geschaffenen Tagesheimen als freiwillige Lehrerin unentgeltlich wirkt. Was hat die Türkei an diesem Kriege zu gewinnen? Unter diesem Titel ist dieser Tage, wie aus Konstantinopel berichtet wird, ein ausgezeichnetes Werk erschienen, dessen Verfasser der auch in Wien bekannte gewesene Landtagsabgeordnete von Saloniki, Advokat Moise Cohen, ist. Herr Cohen, der zu den angesehensten Mitgliedern der jungtürkischen Partei gehört und seinerzeit in Saloniki eine führende Rolle innehatte, hat nach dem letzten Balkankrieg als überzeugter Ottomane für die ottomanifche Staatszugehörigkeit optiert und ist nach Konstantinopel übersiedelt, wo er eine angesehene gesellschaftliche Stellung einnimmt. Nach Erscheinen seines obenerwähnten Werkes, welches in türkischer Sprache abgefaßt ist, erhielt Herr Cohen von den angesehensten türkischen Persönlichkeiten anerkennende Zuschriften. Der berühmte nationale Poet Aka G u n d u z schrieb ihm unter anderem: Ich hätte es gewünscht, daß dieses Buch von einem Türken geschrieben worden wäre. Was mich aber am meisten freut, ist, daß es von einem sehr beliebten Juden von dem großen Werte und Ansehen, wie es Herr Cohen ist, verfaßt wurde. Er hat mit diesem Werke den türkischen Schriftstellern eine gute Lektion erteilt.