Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 51 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift Leite 894 tatkräftiger Männer — mit Ausnahme allerdings von vier oder fünf Personen, die den Tod fanden — vom Ertrinkungstode gerettet. So schleppte man sich die ganze Nacht und auch den darauffolgenden ganzen Tag — es war Montag — weiter, bis sich alles in irgendeinem Orte niederließ. Dienstag, den 1. September, erschienen gegen etwa fünfzehn Fuhren aus den benachbarten russischen Grenzstädten. Darauf saßen Bauern, die gekommen waren, Beute zu machen und versuchten, in die Geschäftsläden einzubrechen. Se&odj wurden sie von der in Sadagora zurückgebliebenen jüdischen Jugend heldenmütig zurückgetrieben. Am Vorabend kam die erste russische Patrouille in die Stadt, die einen schrecklichen Eindruck auf die Bevölkerung machte. Es waren etwa fünfzehn Czerkessen von wildem Aussehen. Schon ihr Anblick erschreckte. Indessen verliefen die ersten vierundzwanzig Stunden verhältnismäßig ruhig. Mittwoch, am 2. September, kamen in aller Früh unzählige ruthenische Bauern jmit leeren Wagen teils aus Rußland, teils aus den benachbarten Dörfern im Jnlande und es begann eine regelrechte Plünderung aller jüdischen Häuser. Der Zug begann in Zuczka, wo als erstes Opfer der Gutshof Fischbach> dann der Gutshof Rubel, das Geschäft Picker und die Motormühle ausgeplündert und zerstört wurden. Dann ging der Raubzug nach Sadagora, wo die Bauern unter militärischer Assistenz den ganzen Tag plünderten. Aus den Wohnungen wurde alles geraubt, die Möbelstücke wurden auf Wagen geladen, Betten, Einrichtungsgegenstände, selbst Kochgeschirre wurden mitgeschleppt und mit dem Fuhrwerk nach Rußland gebracht. Erst um 5 Uhr nachmittags kamen etwa fünfzehn Soldaten, die vorn russischen Kommandanten nach der Uebernahme der Scast Czernowitz über Ansuchen der Czernowitzcr Bürger nach Sadagora geschickt wurden, um Ruhe und Ordnung herzustellen. Am nächsten Tag kam auch ein .'.ommandant nach Sadagora und erließ eine Bekanntmachung, der zufolge Gnr und Leben der Bürger geschont werden sollen, mit Ausnahme der unbewohnten Häuser. Tie Nachricht davon drang auch zu den Flüchtlingen, und die meisten versuchten, iu ihre Heimat zurückzukehren. Alan gewöhnte sich auch langsam an die rw'fische Herrschaft. Es entwickelte sich ein reger Handel, io daß allmählich gegen neun-zig.Prozent der Bevölkerung in die Heimat zurückkehrten. Als aber am 20. September das tapfere oster reichliche Heer Czernolvitz znrückrrvüerie und die Russen diese . Stadt verlassen mußten, ergoß sich, ihr ganzer Zorn über Sadagora. Da kanren über uns Schreckenstage. Der Weg nach Czernowitz war abgesperrt, täglichfanden, mit wenigen Ausnahmen, Gefechte zwilchen österreichischen und russischen Truvpen statt, welche meistenteils mit russischen Niederlagen endeten. Das hatte zur Folge, daß die russischen Soldaten, die mit den österreichischen Truppen 311 kämpfen zu feig waren, ihren Heldenmut an der wehrlosen Bevölkerung in Sadagora zu erweisen bemüht naarep. Es begann ein systematisches Morden, Rauben und Plündern an den Einwohnern von Sadagora. Diesmal waren es auch Christen, die den Mordbrennern mit zum Opfer fielen. Nicht ein Haus blieb verschont. Sadagora ist seitdem ein Bild trauriger Ruinen. Selbst die verborgensten Kellerwohnungen wurden herausgesucht, die Einwohner grausam mißhandelt und beraubt. An diesem Tage wurden auch viele angesehene Bürger der Stadt ermordet, so namentlich Kalman Leib Retter, Meier Liquornik, Berisch Hermann und Abraham R u d i ch> ein Wirtschafter aus Rohazna, ferner der neunzigjährige Abraham B e n d i t und Frau. Selbstverständlich war nicht das Geld, die Raubgier allein die Ursache zu diesen Mordtaten. Denn die Leute gaben freiwillig alles Geld und Vermögen, alles Hab und Gut den Räubern her. Allein die Mörder begnügten sich nicht mit dem Raub, sondern Zuchten Frauen und Mädchen zu vergewaltigen. Wer die Ehre seines Hauses zu schützen versuchte, wurde ermordet. Tatsächlich fielen ihnen auch alle zum Opfer, sogar Kinder wurden nicht geschont, mit Ausnahme von beiläufig 200 jüngeren Frauen und Mädchen, welche sich männlich verkleidet hatten und versteckt hielten, und dadurch gerettet wurden. Wie man hört, haben geschändete Mädchen Selbstmord begangen. Kalman Leib Retter wurde ermordet, als er seine Frau und Tochter vor Vergewaltigung zu schützen versuchte. Bei ihm wurde ein Vermögen von 406.000 Kronen geraubt. Ebenso zahlreiche Warenvorräte. Die ganze Stadt wurde von ihm unterstützt, da er das Kultusvermögen verwaltete. Nun wurde bei ihm alles ausgeraubt und geplündert, so daß nicht ein Stückchen Webe geblieben war, ihn zu bestatten. Der Arme hat neun Kinder zurückgelassen. Das Geraubte wurde nach Rußland überführt. Kein einziges Haus blieb verschont und über zweihundert Menschen liegen verwundet. Wir halten uns seitdem in den Kellern und in versteckten Wohnungen außerhalb der Stadt auf, wagen uns nicht ins Freie, um auch nur Brot einzukaufen, den Hunger zu stillen. Es ist begreiflich, wenn ich Dir erzähle, daß der Schrecken viele Menschen zum Wahnsinn gebracht hat und es sind auch viele infolge der ausgeftandenen Leiden wahnsinnig geworden. Und wagt sich jemand, vorn Hunger getrieben, aus die Straße, Brot einzukanfen — was früher 50 Heller gekostet, bezahlt man jetzt mit Kr. 1,20 —, kommt ein russischer Soldat und reißt es aus den Händen. Selbst die Kleider werden vorn Leibe heruntergezerrt. So wurden z. B-. dem Wolf. Sandmann der Ucberrock und die Stiefel auf der Gasse geraubt; ebenso wurden Feibisch Weißbach und Feibisch K ö r n e r die Stiefel von den Füßen geraubt, bei einem Meter hoheni Schnee und 20 Grad Frost, wobei die Beraubten noch grausam mißhandelt wurden. Mit Tränen in den Angen schreibe ich das nieder, meine Aufregung ist zu groß und darum bin ich nicht iinstande, die Feder weittrzuführen. Das Herz bricht mir, wenn ich daran denke. Wie das Elche fern wird, weiß nur Gott. Irr der ganzen Stadt ist kein Brot, rein Holz und auch kein Heller bares Geld. Du kannst Dir die Lage denken, wenn ich Dir erzähle, daß die Ermordete;? vier Tage gelegen find; man wagte nicht, sie zu beerdigen' und es war in ganz Sadagora nicht ein Stückchen Webe oder Seinen zur würdigen Bestattung dieser heiligen. Märtyrer. Wir sind von aller Welt abgesperrt wrb Gott weiß, wie unser Ende sein wird. Ob wir nicht vor Schrecken oder Hrrnger oder Kälte unser Leben-werden enden müssen. Auch jetzt, wo Czernowitz sich wieder in russischen Händen befindet, ivill man uns nicht aus Sadagora hinans'lassen. Emps Grüße nebst dein Wunsch, Dich noch einmal wiederzusehen, obgleich ich keine Hoffnung hege, das noch zu erleben. Meine Kräfte verlassen mich, ein Mensch ist nicht aus Eisetl. Leider bin ich nicht der Einzige und es geht vielen nicht besser als mir. Vielleicht hilft Gott und befreit uns du feine Gnade oder es kommen gute Menschen, die sich in Tr annehmen und uns unterstützen, damit wir nicht vor Hunger sterberw Dein unglücklicher Freund I . L . . . E