Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 50 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 890 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr- 50 Und C* * steigt der junger Kempfer, ^?is sein hoiches Ferd gewandt, Nit kein Pinte!-) mit die Oigen, Wie sein Seede,') Schwerd in Hand! Und er flieht schoinO Pfeil vun Böigen Zum gedichten'') Flamm un Roich — Daitschland, Daitschland iber alles, Iber alle Völker hoich!" und schlicht: ,.Bessere Verse machen kann mancher deutsche Dichter, wärmer für Deutschland empfinden als dieser arme russische Jude der Newyorker Ostseite aber kann auch der allerbeste Deutsche nicht! Wie in deutschen, in amerikanischen, in irischen Versammlungen, so habe ich natürlich auch in jiddischen Versammlungen gesprochen — und nirgends vor dankbarerem, begeisterterem Publikum. Die Liebe der Iren zu uns ist entstanden aus klugen Geschäftssinn und aus gescheiter Politik — das Empfinden des Juden aber kommt aus dem Herzen! Ich werde nie den langbärtigen alten Juden vergessen, der nach einer Rede von mir auf das Podium kam, mir die Hand zu schütteln. Er hielt sie ein paar Minuten lang zwischen seinen schweren Arbeitshänden, blickte mich an, schwieg - und suchte nach irgendeinem besonders schönen, besonders anerkennenden Wort. Und schlietzlich sagte er: ,,Sie — Sie sind ä Goi mit ä jiddischen Kopp!" — Aber ich denke, er meinte nicht den Kopf, sondern das Herz — das so schlug wie sein eigenes altes Herz." Kagers der Mutier nicht. VonTLeo Adler (Stuttgart.). Vier Brüder zogen aus fürs Vaterland. Groß und stark waren sie alle - die Söhne des verstorbenen Veteranen Löwenberger — der Stolz der Gemeinde. Zwei davon ließen Frau und Kinder zurück, aber alle vier auch noch eine fast erblindete Mutter, die 1870 ihren Mann hatte ziehen lassen müssen. Heil und mit dem Eisernen Kreuz geschmückt, ward er ihr wiedergegeben. Deshalb nahm sie voll Zuversicht Abschied von jedem einzelnen chrer geliebten Kinder. Was lag nicht alles in den Worten: „Das hätte der Vater erleben sollen!" Wie viel Stolz und Freude belebten dabei die matten Züge der Ergrauten. Und wie ermutigt trennten sich dadurch die Söhne aus chren Armen. Zuerst folgte der Jüngste dem Rufe des Kaisers, von der Mutter ganz besonders bedacht. Sie hatte ihm das kleine Gebetbüchlein unter dem Waffenrock eingenäht, direkt über dem Herzen. Das hatte den Vater vor der aufschlagenden feindlichen Kugel gerettet und sollte auch ihm zum Schutz dienen. . . . Bald war das Löwenbergsche Haus leer. Denn auch die einzige Tochter trat als Helferin in den Dienst des Roten Kreuzes, nachdem Max Wolfsheimer — ihr heimlich Verlobter — ins Feld gezogen war. Nur das geschäftige Hausmütterlein war den ganzen Tag an einem der Fenster des stattlichen Hauses zu sehen, immerfort die Stricknadel drehend, um - ihre „Jungens" reichlich mit feldgrauen Strümpfen und Pulswärmern versehen zu können. Es kostete der Mutter große Ueberwindung, die Tochter ziehen zu lassen, aber im Gedanken an den Heimgegangenen Vater glaubte sie auch in seinem Namen recht zu handeln und gab die Einwilligung. Tag für Tag stellten sich die beiden Schwiegertöchter ein und lasen immer noch ab und zu Feldpostbriefe vor. Sie waren erdichtet, denn schon drei, bezw. Vier- Wochen nach Kriegsausbruch hatten sie die traurige Nachricht erhalten, daß ihre Männer den. Heldentod fürs Vaterland gestorben waren. Warum sollte die Mutter die Trauerbotschaft erfahren! Bei dem zurückgesandten Nachlaß fand man obenauf ja ein schwarzes Notizbuch — Tagebüchlein —, dessen erste Seite die vielsagenden Worte enthielt: „Saget's der Mutter nicht, wenn ich gefallen bin!" .... -) Pinkel — Zucken, also: ohne mit der Wimper zu zucken. 3) Seede — Großvater. schoin — wie ein. •r') gedichten — dichten. Ueber etwas konnten sie die viel sinnierende Alte nicht hinwegbringen — das Geschick ihres Albert ließ ihre Gedanken nicht zur Ruhe kommen. . . . Was wird mit ihm geschehen? .... Drei ihrer Söhne komrte sie beinr Abschied noch in ihre Arme schließen, konnte sie segnen, küssen und zum Lebewohl ihnen die Hand reichen. Nur ihren Albert konnte sie nichts Liebes mehr erweisen. Dieser war mit vierzehn Jahren nach Paris gegangen und dort seit Jahren französischer Untertan. Trotzdem wollte er bei Ausbruch des Krieges irr seine alte Heimat fliehen und in den Reihen seiner Kameraden für das Vaterland kämpfen. Man hielt ihn aber fest, und nach wenigen Wochen der militärischen Ausbildung stand er mit Schwarzen in vorderster Gefechtslinie. Ein Schaudern überfiel ihn, als er die erste Kugel gegen die gegenüberliegenden Deutschen abfeuerte. Wie? Wenn sie gar einen seiner Brüder träfe, dachte er bei sich und hielt inne. „Ich habe sicher nichts getroffen," meinte er einen: Landsmann gegenüber, im Lazarett 8 zu St. . . ., wohiir man ihn als Schwerverwundeten einlieferte, „und war froh, als ich wieder in deutsche Hände kam." Wochen waren vergangen; die Nachforschungen der alten Frau Löwenberger nach ihrem Albert blieben erfolglos. Da 'kam der Vorabend des Versöhnungstages. Wie sah es diesmal im Gotteshaus aus! Die Reihen der Gemeinde waren stark gelichtet. Sie wollte sich ihren Schwiegertöchtern gegenüber heldenhaft beherrschen, brach aber plötzlich in ein herzzerreißendes Schluchzen aus, so daß sie nach Hause gebracht werden mußte. Waren es bange Zchnungen, die sie quälten, oder war es gar ein Vorgefühl der Freude, daß sie zu Hause einen Brief von ihrem Albert findet? . . . Jedenfalls war es gut für sie, daß sie nicht Zeuge jener Szene war, die sich um diese Zeit im Lazarett 8, Saal 5 zu St. . . . abspielte. Am Morgen des genannten Tages 'kamen wieder Verwundete im Lazarett 8 an. Im Saal 4 waren einige Betten leer geworden. Dorthin brachte man den jüngsten Löwenberger, der infolge eines Brustschusses mit dem Tode rang. Als der Arzt den Ankömmling untersuchte, fragte er ihn: „Haben Sie noch einen Bruder?" Ein leises „Ja" folgte der Frage. . . . .„Aber das 'kann nicht sein, der ist doch . . .!" „Jawohl, Herr Doktor, er ist bei den Franzosen!" Der Arzt schwieg und der Kranke forschte in seinem großen Schmerze nicht weiter nach. Krankenwärter bekamen den Befehl, dieses Bett nach Saal 5 zu schaffen. So lagen jetzt beide Brüder Seite an Seite, ohne sich wieder zu erkennen; die inzwischen gewachsenen Bärte entstellten sie zu sehr. Da! Ein halberstickter Schrei — „Albert!" — erschreckte die Kranken. . . . Ein flüchtiger Blick nach dem Nachttischchen ließ ihn das Bild der Mutter erkennen. Tränen in den Augen, reichten sich die Brüder die Hände, die sie nicht mehr lösten und ein langandauerndes Wimmern und Stöhnen erfüllte den Saal. Dann wurde es ruhig. . . . In demselben Bau wurde Max Wolfsheimer von seinen Wunden geheilt. Er erfuhr von diesem Wiedersehen und benachrichtigte sofort telegraphisch die Schwester, die in B. . . . pflegte. Sie traf in der Nacht noch ein und weinte zu Füßen ihrer friedlich schlummernden Brüder heiße Tränen der Freude und des Schmerzes. Halbträumend las sie sowohl auf dem Bilde wie in: aufgeschlagenen Gebetbüchlein ihres jüngsten Bruders die Worte: „Saget's der Mutter nicht, wenn ich gefallen bin!" ....