Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 50 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022140--23705-3048917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 889 zeit mit Ueberwindung vieler Schwierigkeiten ins Leben rief und organisierte. Seine Bescheidenheit, sein makelloser Charakter und das vornehme Wesen schafften ihm viele Freunde und sichern ihm ein freundliches Andenken bei allen, die ihn gekannt haben. Freitag, den 11. Dezember, fand das Leichenbegängnis unter überaus großer Beteiligung vom Trauerhause aus statt. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner S. Fürst hielt daselbst eine tief empfundene Trauerrede. Auf dem Friedhofe sprach Herr Rabbiner Baumgarten ergreifende Abschiedsworte. Wien. (Todesfall.) Donnerstag, den 10. d. M., verschied Herr Hermann Kohn, Restaurateur, 20. Bezirk, Heinzelmanngasse 1, ein Mann, der wegen seiner Wohltätigkeit und seines guten Herzens viele Sympathien in weiten Kreisen genossen. Zahlreiche Freunde und Verehrer beteiligten sich an der Beerdigungsfeierlichkeit am 13. Dezember. Die Trauergesänge rezitierte Herr Oberkantor Joses Nasser und Herr Rabbiner Dr. Abeles hielt dem Verewigten einen seine Verdienste würdigenden Nachruf. Baden. Samstag den 12. d. M., abends, veranstaltete der hiesige israelitische Frauen-Wohltätigkeilsverein, wie alljährlich, ein Fest für unsere schulpflichtige Jugend, wobei dieselbe mit Winterkleidern und Wäsche reichlich bedacht wurde und eine angemessene Jause erhielt. Zu diesem Wohltätigkeilsakte erschienen die Vorstandsdamen Präsidentin Frau Julie Leitner, Vizepräsidentin Frau Rosa Schneider, Frau Oberrabbiner W. R e i ch, Frau Sofie Leitner, Frau Rosa Scheu, Frau Lina Kohn und Frau Freiwillig; von den Herren waren anwesend Herr Oberrabbiner W. Reich und die Herren Beiräte Moriz Leitner und Anton Schneider. Das Fest erössnete Se. Ehrwürden Herr Oberrabbiner W. Reich mit einer erhebenden Ansprache an die Kinder, die nicht nur ihnen, sondern allen Anwesenden tief zu Herzen drang. Während des dargebotenen Males, das auf Kosten der Vorstandsdamen dargereicht wurde, trugen die Schülerinnen Marta Weist, Ludmilla Frucht, Borisowitz und zwei Schwestern Baumsteiger recht hübsch Gedichte vor, wofür sie allgemeines Lob und Anerkennung einheimsten. — Der bezeichnete Frauenverein wird diese Woche ein weiteres Chanukafest bereiten, das den Kindern der hier weilenden Flüchtlinge aus Galizien gewidmet sein wird. Vukovar. (Trauung.) Sonntag, den 20. d. M.. V->12 Uhr vormittags, findet die Trauung des Fräulein Ada Diamant, Tochter des Herrn Oberrabbiners Dr. Julius Diamant, mit Herrn Edmund Bier statt. zfeuületon. Mo stehe» die Inden? Unter diesem Titel veröffentlicht Hanns Heinz Ewers in der „Vossischen Zeitung" folgenden interessanten Artikel: „Newyork ist die größte jüdische Stadt der Welt — wie es die größte irische Stadt und eine der größten deutschen und italienischen Städte ist. Weit über eine Million Juden wohnen in Newyork, ganz: Straßenzüge weisen nur jüdische Namen aus — und zwar durchaus nicht nur im Ghetto der Ostseile, sondern gerade in den allerersten Geschäftszentren. Das Telephonbuch bringt die charakteristischen jüdischen Namen gleich zu vielen Hunderten hintereinander; von den Weltgeldmagnaten der Wallstreet bis zu den kleinsten Althändlern der Bowery findet man Juden in allen Berufen. Nur — und das scheint mir sehr merkwürdig — gerade da sehr wenig, wo sie in Europa besonders herrschen: beim Theater und bei der Presse. So jüdisch ist heute schon Newyork — und wird es mit jedem Tage mehr —, daß einem immer wieder mit etwas sauersüßer Miene der Scherz aufgetischt wird: Uns:re Stadt h'eß Nieuw Amsterdam in der holländischen Zeit, dann Newyork unter der englischen Herrschaft. Es ist höchste Zeit, daß wir sie Neu-Jerusalem nennen! Eine politische Macht freilich, wie die Iren, besitzt das jüdische Element durchaus nicht, noch weniger wie die Deutschen. Das deutsche Element ist ja überall im Lande sehr stark, während die Juden zum weitaus größten Teile nur in Newyork sind: da freilich spielt — vor 1>en Wahlen! — das „Jewish Bote" dieselbe große Rolle wie das „German Bote". Die Juden sind, wie die Deutschen, gespalten in alle möglichen Parteien und Parteichen, die sich untereinander befehden; der politische Tagesinstinkt der Irländer fehlt ihnen vollkommen. Und so waren sie — wieder wie die Deutschen — im großen und ganzen bisher nur sehr geschätztes und sehr brauchbares Stimmvieh für Tammany und dessen irische Führer. Und da hat — wie bei den Deutschen — der Krieg eine seltsame, rasche Wendung heroorgerusen, er hat eine Einigkeit gebracht! Durch ihn ist das zur wichtigsten Tagesfrage geworden, was jedem jüdischen Herzen tief eingewurzelt ist: der Haß gegen den russischen Henker! Nicht die Liebe zu Deutschland läßt den Juden wie den Iren für unseren Sieg beten, nein, der Haß gegen Rußland, der Haß gegen England! Freilich, die Bande zwischen Deutschen und Juden sind noch viel engere! Ist doch „Jiddisch", die Sprache des ganzen russischen, und damit des Newyorker Judentums, diese Sprache, die gerade in dieser Stadt schon ihre bedeutenden Dichter hat, wie David Pinski, Morris Rosenfeld, Ossip Dymow, nichts anderes als das Mittelhochdeutsch Walters von der Vogelweide mit ein paar aramäischen und hebräischen Fremdworten. Das Ohr gewöhnt sich außerordentlich leicht an diese Sprache; mir zum Beispiel fällt sie viel, viel leichter als etwa das Niederdeutsch Fritz Reuters. Und umgekehrt versteht jeder Jude sehr leicht Hochdeutsch, kann also deutsche Bücher und Zeitungen lesen. Die Sprache aber ist die Grundlage jeder Kultur: so ist der Jude des gesamten Ostens ein Träger der deutschen Kultur, wie die Iren, nachdem ihnen der Brite ihre eigene Sprache geraubt hatte, Träger englischer und nicht mehr keltischer Kultur wurden. Sheridan Wilde, Shaw sind englische Dichter und nicht gälische, sowie Maeterlinck und Verhaeren französische Dichter sind und nicht flämische. Dem Juden der Ostseile sind Schiller, Goethe, Heine die großen Dichter, Shakespeare freilich auch, den wir Deutschen ja wie einen eigenen betrachten?. Wenn die jüdischen Theater „Klassikerabende" geben, so bringen sie Faust, Schiller und Lessing; und Shakespeare spielen sie in der deutschen Tradition und nicht in der englischen. So steht, in fremdem Lande, der Jude dem Deutschen viel näher als dem Pankee. Beide fühlen, daß sie Fremdlinge sind, trotz aller schönen Phrasen der Verfassung, gerne willkommen geheißen, gerne geduldet, aber dennoch niemals Vollbürger. Und so schließen sie sich enger aneinander an, lernen einander besser kennen, wobei das Mittelglied natürlich der deutsche Jude ist. Und da dieser Krieg ja im letzten Grund ein Krieg gegen den gemeinsamen Feind, gegen Rußland ist, so wird das Bündnis zwischen Deutschen und Juden enger und stärker von Tag zu Tag. Der Ire tritt in seiner Presse gegen England auf und scharf genug. Der Jude aber kämpft in seinen Blättern nicht nur gegen Rußland, sondern auch für Deutschland. Alle jüdischen Zeitungen und Zeitschriften des Landes sind (mit einer kleinen Ausnahme) ebenso viele Vorkäinpfer der deutschen Sache, ganz einerlei, ob sie nun orthodox, liberal, sozialistisch oder gar anarchistisch sind. Und dabei bedeuten die großen jüdischen Blätter wirklich eine Macht! „Die Wahrheit", „Der Tag", „Der Vorwärts", „Das jüdische Tageblatt", alles Tageszeitungen, haben jede eine Auflage von mehreren Hunderttausend, die Wochenschrift „Die Zukunft" hat wenigstens sechzigtausend Abonnenten. Das charakteristische an allen Blättern Amerikas sind die gewaltigen „Headlines", die Ueberschriften; aus ihnen läßt sich sofort die ganze Tendenz der Zeitung erkennen. Hier einige Proben solcher „Headlines" jiddischer Blätter: Daitsche geben Franzosen wieder ihre tägliche Portion! General Renn — in — Kampf kriegt Mapolle! (Erbärmliche Niederlage.) Fonje kriegen Klöpp! (Fonje — verächtlicher Ausdruck für Moskowiter.) Gewalt! Mer schlagt ä Fonje! Mit außerordentlicher Freude und Genugtuung hat die jiddische Presse die Nachricht aus Deutschland aufgenommen, daß die antisemitischen Blätter, wie di? „Staatsbürgerzeitung", ihren Kamps gegen das Judentum einstellen, mit nicht geringerem Jubel die Nachricht von der guten Behandlung und Freilassung der russischjüdischen Gefangenen. (Man sollte ähnlich auch mit den Irländern handeln!) Dagegen hat die Proklamation des Zaren: „An meine lieben Juden" nur einen wilden Hohn heroorgerusen. Die Juden, die auf diesen Köder anbissen, sind an den Fingern aufzuzählen, wie der anglophile. Rabbi Wise, der Millionär Oskar Strauß und ein paar andere! Das geschlossene Judentum hatte nur ein grimmiges Lachen über dieses russische Gaukelspiel und steht nach wie vor Schulter an Schulter mit den Deutschen, ja es betrachtet diesen Krieg völlig als seine eigene Sache! Die Ernennung jüdischer Offiziere, die Verleihung Eiserner Kreuze an tapfere jüdische Krieger wird als persönliche Ehrung betrachtet. Die jüdischen Massen empfinden stark, daß sie ihre heutige Kultur dem Deutschtum verdanken, und sie trggen diesem Deutschtum einen großen Dank ab durch ihre jetzige Haltung, die das deutsche Judentum stets den Trägern deutscher Kunst und Kultur gegenüber zeigte — wie vielen deutschen Künstlern und Gelehrten half nicht jüdische Großmut! Nur ist es heute das ganze Deutschtum, dem das jüdische Volk zur Seite tritt mit seiner ganzen Kraft und all seinen Wünschen, mit seinem Gebet wie mit seinem Geldbeutel!" Ewers zitiert in diesem Artikel ein jüdisches Gedicht, dessen letzte Strophen lauten: „Henriette, Heißgelibte, Sei gesund, ich geh in Krieg — Küß' dein Liebsten ein viel Kresten Un sar Daitschland bet Gott Sieg! Alle Velker vun Europa Messen sich mit uns in Koich*) Daitschland, Daitschland iber alles, Iber unser Liebe oich! 0 Koich — Kraft.