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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-12-18 · 50 (18.12.1914) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
50 (18.12.1914)
Date
1914-12-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 886 Dr. Blorh's Wochenschrift Nr. 50 1 Ein Damenkomitee unter Leitung der Frau Rabbiner Dr. Ziegler sorgte für die Beklewung, und so wurde alt und jung mit Winterkleidern versorgt. Die ganze Stadt, ohne Unterschied der Nationalität, der Konfession und des Standes, nimmt daran Anteil, um die Lage der unglücklichen Flüchtlinge zu lindern. Wir können daher nicht umhin, allen mitbeteiligten Faktoren auch öffentlich den tiefempfundenen Dank aller Flüchtlinge auszusprechen. Genehmigen Sie den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung Dr. Juda P e i p e r. Galizifchc Flüchtlinge in Reichenberg. Die schöne Industriestadt, die abseits von den Hauptlinien liegt, welche das arme Galizien mit dem Zentrum der Monarchie verbinden, war bisher von den Schrecknissen des Krieges nur insoferne berührt worden, als ja viele Söhne dieser Gegend den Tod für das Vaterland gefunden haben oder verwundet hierher zurückgekehrt sind. Seit einigen Tagen beherbergt die Stadt und ihre Umgebung an die 2000 jener Unglücklichen, zumeist aus der Umgebung von Rzeszow und Dombiea, die Haus und Hof, Beruf und Erwerb, die Stätte ihrer Kindheit und die Gräber ihrer Ahnen verlassen mußten, um sich und vor allem ihre Familien vor dem argen Treiben trunkener Kosakenhorden zu schützen. Sie taten es um so mehr, als die meisten von chnen bereits vor einigen Wochen diese liebwerten Gäste beherbergten, ihr Schalten und Walten zur Neige ausgekostet hatten, und nachdem sie damals kaum mit dem Leben weggekommen, nicht zum zweitenmale die Gnade des Himmels erproben wollten. Der augenblickliche Stand der militärischen Operationen hat es notwendig gemacht, diese und jene Ortschaften Mittelgaliziens vorübergehend zu räumen. Da war keine Zeit mehr, irgend welche Reisevorbereitungen zu treffen. Es hieß, so wie man dastand, bis zur nächsten Bahnstation eilen, um den letzten Zug zu erreichen. Es ist herzzerreißend, wenn man sich die Einzelheiten dieser Reise erzählen läßt. Ohne das Ziel zu kennen, fuhren die Bedauernswerten zusammengepfercht sechs Tage ohne Unterbrechung. Was irgendwo auf den Bahnstationen an Eßwaren aufzutreiben ist, muß jetzt in erster Reihe zur Labung unserer braven Verwundeten verwendet lverden, und so kam es, daß unsere Flüchtlinge durch mehrere Tage keinen warmen Trank, keinen warmen Bissen über die Lippen brachten. Ein trauriges Bild entrollte sich vor unseren Blicken, als der erste Flüchtlingstransport am Abend des 8. November in die hiesige Bahnhofshalle einfuhr. Es waren 359 galizische Juden, in ihrer Mehrzahl Frauen und Kinder, aber auch viele Männer, darunter hochbetagte Greise. Die Unglücklichen wurden von den Notabeln der Stadt und der Kultusgemeinde, dem Bezirkshauptmann Ritter v. S t e s f e k, dem Bürgermeister Dr. Bayer, dem Vorsteher der Kultusgemeinde Dr. Fleischer und dem hiesigen Rabbiner Dr. Hoffmann, wie auch von den Damen des Roten Kreuzes und des jüdischen Frauenvereuns erwartet, gelabt und in das Mässenquartier geleitet. Hier mußten sie vorläufig mit einem Strohlager vorlieb nehmen, da es unmöglich war, so viel Bettstellen aufzutreiben. Unsere guten Glaubensgenossen in Reichenberg haben jedoch> das Möglichste aufzubieten versucht, um den so schwer heimgesuchten Brüdern das harte Los zu erleichtern. Einen traurigen Eindruck machte es. die Reihen der Flüchtlinge zu mustern. Stumm und resigniert sitzen die meisten von ihnen da, die Leiden der letzten Monate haben sie hart mitgenommen. Um so ergreifender wirkt es, als aus einer Ecke lautes Schluchzen hörbar wird. Es sind zwei Schwestern, die aus einem Dorfe hart an der Grenze zu Fuß flüchteten, denn sie hatten gehört, welche Gefahren jungen Mädchen von Seiten der Kosaken drohen. Null konnten sie die alte kranke Mutter nicht mit sich nehmen und weinen ihr bittere Tränen nach. Ein Greis von mehr als 70 Jahren erzählt mir von verschiedenell Greueltatell, die sich die Kosaken in den umliegenden Ortschaften gegenüber der jüdischen Bevölkerung geleistet. Aber auch die Besitztümer des polnischen Adels seien zum Teil geplündert worden. Seine Angaben bestätigt ein junger Mann, der mitten aus seinem Handwerksberuf fliehen mußte. Ein anderer erzählte, wie grausam ein achtzehnjähriger Jüngling ermordet wurde, bloß weil er sich weigerte, geschlossene Geschästsläden nach Weisung der Russen zu ihrer Verfügung zu öffnen. Ein wohlhabender Kaufmann, dessen Haus bereits vorher verbrannt wurde, hat nunmehr den Rest seines Besitztumes, Feld und Waldungen verlassen, mit der Ungewißheit, in welchem Zustande er sie wiederfinden werde. Ein Flüchtling besaß einige hundert Aepfel als Betriebskapital. Infolge der Choleragefahr wurden die Aepfel beschlagnahmt und der kleine Obsthändler fuhr mit leeren Hcmden von dannen. Und so die meisten anderen. Die vielen kleinen Kinder, sie schlummern auf dem Schoße der Mutter oder kaueru irgendwo am Boden, auch ihr Antlitz spiegelt eine Traurigkeit wider, wie wenn sie ihnen vom Augenblicke der Geburt anhaften würde. Die älteren Mädchen haben zumeist die Bürgerschule beendigt und dann auch Schneiderei gelernt, auch die jungen Männer haben sich zum Teil als Handwerker betätigt. Nun sind sie alle zur Untätigkeit verurteilt. Und dennoch, wenn man die Unglücklichen fragt, wie es um den Krieg in Galizien bestellt sei, da sind sie alle, die jungen wie die alten, voll Zuversicht und betonen, daß unsere Generale es wohl wissen, warum sie einzelne Ortschaften für den Augenblick wieder dem Feinde überlassen. Man werde ihn dann um so siegreicher vertreiben. So mancher Zaghafte aus unseren Tagen möge sich diese armen Leute zum Muster nehmen, die obdachlos dahinwandern, ihr Hab und Gut preisgeben mußten und einer ungewissen materiellen Zukunft entgegensehen. Sie beten täglich für den alten guten Kaiser, den sie mit jeder Faser ihres Herzens lieben, sie beten für den Sieg unserer Waffen. Und Gott wird die Gebete dieser Armen erhören. Jakob Bodek. Israelitisches Mädchenheim in Frankfurt a. M. >Jm ruhigen Westend und doch nur wenige Minuten von der lebhaftesten Verkehrsader Frankfurts entfernt, liegt zwischen anderen vornehmen Villen eine Villa, die heute ausgesondert ist von ihren Genossinnen, geadelt durch den höheren Beruf, dem sie nunmehr dient. Denn aus dem Wohnsitze einer einzelnen reichen Familie ist eine Stätte sozialer Wirksamkeit geworden. Eine Villa mit den Vorzügen verfeinerten Geschmacks und den technischen Erleichterungen verwöhnter Lebensbequemlichkeit für erwerbstätige junge Mädchen! Warum auch nicht? Gerade das arbeitende junge Mädchen bedarf eines Heims voll Licht und Sonne, reich an Schönheit und Geschmack, damit in der eintönigen Tretmühle des Berufes ihr nicht der zarke Tau der Weiblichkeit schwinde. So ist es nichts Ueberflüssiges, sondern Notwendiges und zeugte von der sozialen Erziehung seines Schöpfers, was hier den jungen Mädchen gegeben wurde. Und man kann sich nur freuen mit der stilvollen Einrichtung der Gesellschaftszimmer, der künstlerischen Wandbemalungen, den Veranden, dem Garten. Aber auch die überall waltende Rücksicht auf Bequemlichkeit kann man nur loben. Ein Geist des Frohsinns waltet in diesem Hause, er durchweht jeden Raum, umstrahlt seine Leiterin Frau

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