Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-12-11 · 49 (11.12.1914) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
49 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022139--23686-3048897
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 49 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 871 Der erste Monat seiner Pädagogischen Tätigkeit war vollendet. Als er an dessen letztem Tage sich entfernen wollte, händigte ihm die Mutter seines Zöglings, eine liebenswürdige Dame, man"nannte sie „die schöne Mina", ein Papier ein. Draußen wickelte er es auseinander. Es war eine Fünfguldennote. Ein Fünfer! In dem ersten Freudentaumel dachte er gar nicht, daß er da für eine Lektion bloß zwanzig Kreuzer erhalten, für eine Stunde des Aergers und des Schuftens, und sah nur die Summe. Fünf Gulden! Er wird sie dem Onkel geben, und wenn der Vater aus dem Dorfe angefahren kommen und für den verflossenen Monat zahlen wollen wird, dann wird der Onkel mit den Worten abwehren: „Beglichen — Markus ernährt sich schon selbst — steht auf eigenen Füßen — bedarf deiner Krücken, Gott sei Dank und Lob, nicht mehr." Und er sah im Geiste, wie ein Lächeln das sonst verdüsterte Antlitz des Vaters erhellt, und verkostete im vorhinein die Wärme, die dabei feine Brust durchrieseln tvird. Er war glücklich und selig wie noch nie in seinem Leben. In diesem Augenblicke hätt' er mir Cäsar und Napoleon nicht getauscht. Ein Portemonnaie besaß er nicht. Einfach aus dem Grunde, weil er nichts hineinzugeben hatte. So steckte er denn.die Banknote iu die Seitentasche und eilte heim. Lori war die erste, mit der er sein Glück teilte. Sie bügelte eben. Ihre Wangen waren von einer hektischen Röte bedeckt, ihre Augen hatten einen verdächtigen Glanz. Als er wie ein kleines Donnerwetter mit der Türe hereingefallen war, hielt sie unwillkürlich mit ihrer Arbeit inne. „Schau, was ich bekommen," sagte er und zog den Fünfer hervor, der zusammengerollt und verdrückt war. Er legte ihn auf das Bügelbrett, auf dem das Bügeleisen stand. „Wie du aber unachtsam bist!" schalt sie ihn, „wie leicht hättest du ihn verlieren können!" „Unmöglich," verteidigte er sich, „habe mir den ganzen Weg die Tasche mit der Hand zugehalten?" Und er lachte. Die Banknote gefiel ihm nicht. Sein erstes Honorar, sein erster Verdienst und Gewinn — lauter Höcker und Falten! Er begann ihn mit der Hand zu ebnen, zu streicheln und zu glätten. Es half nichts. In seinem Eifer erfaßte er das' .Bügeleisen und fuhr damit über die Papiernote. Zum ersten- und zum letztenmale. Sie war geebnet und geglättet — aufs gründlichste. Sie war in Staub und Asche umgewandelt. . Als er das Bügeleisen ergriffen, waren wir alle entsetzt. Wir riefen: „Es ist glühend!" Es war jedoch zu spät. Das Werk der Vernichtung war in einer Sekunde vollzogen. Der Tod durch Verbrennung war sofort eingetreten. Die Lust zu lachen war allen vergangen. Wir waren wie betäubt. Konnten vor Schreck kein Wort hervorbringen. Die innigste Liebe, der brennendste Schmerz, die tiefste Trauer — sie alle sind sprachlos und stumm. Ein Aufschrei aus Markus' Kehle störte die Grabesstille. Mit beiden Händen packte er das Bügelbrett und starrte auf die geringen Ueberreste seiner Trophäe. Dann sank er auf einen Stuhl, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und schluchzte laut. Er grunzte. Er brüllte. Sein voluminöser Körper war wie von einem heftigen Fieber geschüttelt. Lori war zu ihm hingetreten und legte teilnahmsvoll die Hand auf seine Schulter, ihn auf ihre Weise beruhigend und besänftigend. Wir anderen mirkten an dieser Tragödie bloß als der stumme und regungslose Chor mit. _ Nach dem Schlüsse des dritten Schuljahres verließ Markus das Gymnasium und die Stadt. Man brachte ihn wo in einem Geschäfte unter. Seither Hab' ich ihn nicht gesehen. Weiß nicht einmal, was mit ihm weiter geschehen und wohin er geraten ist. Ja ich weiß nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Unsere Lebenswege gingen in einem, weiten Winkel auseinander. Bald werden es 43 Jahre sein. Ich blicke diese Ziffer an und sinne. Sie enthält mein ganzes Leben und alles, was es mir beschert hat. Nichts Gutes. Allein an dessen jetziger Etappe angelangt, Hab' ich die Hoffnung auf eine bessere Zeit nicht aufgegeben. Noch nicht. Ich harre ihrer. Ich warte und glaube. Literatur. Jung-Jnda. Illustrierte Zeitschrift für unsere Jugend. 15. Jahrgang. Nr. 18. Prag, den 4. Dtzember 1914. (16. Kislew 5675.) Redaktion und Administration: Prag, II., Stefansgasse 629. Inhalt: Chanuka 5675. - M. Ant sch erl: Warum sollen unsere Kinder hebräisch lernen. Aus eisernen Tagen. — Josef Hart: Die vier Kameraden. E. M. Lilien: Wohltaten des Hauses Romanow. (Jllustr.) Das Dorf Lieben. — Dr. Nathan Grün: Die Entdeckung Amerikas und die Juden. — Josef Hart: Wie die Alten sungen. Hein.ich L o e we: Jüdischgeschichtliches Quartettspiel. Babette F.ied. - Aebersetzungs- Aufgabe. — Rätsel. Krirfkafte«. M. Up. Wir haben uns bei der kompetenten Stelle erkundigt und haben erfahren, dah die Regelung dieser Angelegen» heit bevorsteht. B. in Wien. Der in der vorwöchigen Nummer veröffentlichte Nekrolog betrifft den Einj.-Freiw.-Korporal Bernhard Löwenherz und nicht, wie es irrtümlich lautete, Bernhard L ö w e n b e r g. S. R. Diese Leute, die von Haus und Heim geflüchtet sind und hier selbstverständlich nicht die bequeme Wohnung haben, müssen sich zumeist in den Kaffeehäusern aufhalten. Diese Opfer des Krieges, die genug Martyrium auszustehen haben, noch einer öffentlichen Kritik zu unterwerfen, scheint uns ungerecht und verstößt in der Tat gegen die Pflichten der Gastfreundschaft. Diese Märtyrer des Krieges haben Leid genug zu tragen und wir brauchen uns nicht zu bemühen, ihnen den Kummer durch allerlei Ausstellungen an ihrem Betragen noch zu vermehren. Dr. I. P. in Karlsbads Für diese Nummer zu spät^ Karl Ritter von Hruby, Wien. Sie schreiben uns: Sie waren von 1871—1909 Beamter der St.-E.-G., noch dazu im Personalbureau, und haben die Namen aller Angestellten, vom Generaldirektor bis zum letzten Wachtel, gekannt» und versichern, daß es einen Regierungsrat „Janda" dort nie gegeben hat. Herr kaff. Rat Penizek antwortete uns: Er habe einfach von der llesntia pstien Gebrauch gemacht und sich eines Pseudonyms bedient. „I a n d a" hieß in Wirklichkeit Klima, war Chef des Kommerzialbureaus. An diesen wird Herr von Hruby sich wohl erinnern. or z. Selchwarensabrik und Fleischoerschleih (20. Bezirk, Klosterneuburgerstraße 60). Nunmehr hat die unter der Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner S. F ü r st des Vereines „Adatz Jisroel" (Schiffschul) stehende Kofcher-Selchwarenfabrik und Fleischverfleitz G. m. b. H. auch ihre Selchwarenfabrik im 20. Bezirk, Klosterneuburgerstraße Nr. 60 eröffnet und gelangen die in erstklassiger Qualität hergestellten Wurst- und Selchwaren zum prompten Verkauf. Am 20. Dezember wird auch die Selchwarenniederlage. 2. Bezirk, Obere Donaustraße Nr. 91 eröffnet; dieselbe verspricht eine Sehenswürdigkeit Wiens zu werden, auf welche wir das P, T. Publikum schon heute hüfl. aufmerksam zu machen uns erlauben. , Jüdische Bühne. Dir. M. Siegler, Regie S. Leresku. Hotel Stefanie, 2. Bezirk, Taborstraße 12. Freitag den 11. Dez. der Schlager der Saison: „Chantsche in Amerika". — Samstag den 12. und Sonntag den 13. Dezember zum' ersten Male „Reisale", Lebensbild von Leresku. — Sonntag den 13. Dez., nachmittags halb 4 Uhr, „Die jüdische Welt". — Montag den« .14. Dezember „Der D eserteur". — Dienstag den 15. Dezember „Die Weiber". — Mittwoch den 16. Dez. „Chantsche in Amerika". — Donnerstag den 17. Dez. Gordin-Abend: „Gott, Mensch und Teufel". — In Vorbereitung „Die blinde Liebe".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.