Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 49 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 810 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 49 ist er durch diese Wallfahrten nicht geworden und das von ihm betriebene Gewerbe hatte fürwahr keinen goldenen Boden. Die sechs Arbeitstage der Woche weilte er außer Hause, und da er keine Fleischspeise zu sich nahm, nährte er sich zu sechs Siebenteln mit trockenem Brote und mopsen. Feist wurde er bei dieser Kost keineswegs. Das Leben dieser Wanderglaserer war in der Tat nicht beneidenswert. Unter allen armen Leuten waren sie die elendsten. Im Vergleiche mit ihnen waren die Federnhändler Nabobs. Diese mühsamen, jedoch uneinträglichen Gänge mußte er gänzlich ausgeben, als ihm Lunge und Füße den Dienst gekündigt hatten. Er blieb nun zu Hause und widmete sich der Masscnerzeugung billiger Regenschirme für eine Wiener Fabrik. Er nahm sich hiezu einen eben aus dem aktiven Militärdienste Entlassenen. Es war dies ein starker, dicker, wohlgenährter Jüngling mit regsamen Händen und feurigen Augen. Arbeitete für Vier und aß für Zwei. Alles konnte er. Auch mit der Maschine nähen, die damals noch eine große Seltenheit war. In der Stadt gab es nur zwei Exemplare davon. Die erste Zeit, als sie noch eine Neuheit war, wurden wir nicht müde, das Klappern der Nadel, den Laus des Schiffchens und die Bewegung der Räder ganze Stunden lang zu verfolgen. In dem einen Zimmer wurde gekocht, gespeist, geschlafen und gearbeitet. Dort schrieben und lernten wir unsere Ausgaben in der Ausdunstung der frischen Farben der Regenschirmftoffc, beim Klappern der Hammer, beim Surren der Nähmaschine bis zur sinkenden Nacht. Zum Ankäufe einer Kerze langten damals unsere Finanzen nicht aus. Als wir im Dorfe bei einem Bauern wohnten, konnte ich wenigstens, auf dem lehmigen Boden am Ofen kauernd, bei Kienbeleuchtung lesen. Unsere Quartierfrau hatte das Aussehen einer Zwerghenne. Den ganzen ^agssorb war siaweim Ofen. Kochte, - briet oder scheuerte dort. Sie sprach kein überflüssiges Wort. Mußte sie dennoch sprechen, tat sie das spöttischen und gereizten Tones. Das Unglück hatte sie cholerisch und brüsk gemacht. Zwei völlig ungleiche Töchter waren im Hause. Die eine, Lori, eine blasse Blondine, eine Schönheit, wie der Vater hochgewachsen, schlank, dünn, zart wie eine Silfilde, mit schönem Haarwuchs und feinem Teint, mit blaugrauen, beseelten Augen. Alle verhätschelten, alle beteten sie an. Wie eine Prinzessin. Als der Vater seinem Leiden erlegen war, verheiratete inan sie an den Gesellen, der das Geschäft übernommen, sie starb jedoch schon wenige Wochen nach der Verehelichung. Die andere, Lisi, war ein Puttchen. Rackerte von in der Früh bis in die späte Nacht hinein. Stets beschäftigt und geschäftig. Bescheiden, zutunlich, gutherzig. Alle hatten sie deshalb in gleichem Maße gerne. In einem Verschlage neben unserem Zimmer, wo ein ganzes Lager aller Regenschirmbestandteile, Gläser und Glasscheiben war, hatte ein Neffe des Quartiergebers Moriz — sein Bett aufgeschlagen. Man nannte ihn jedoch Markus. Auch sein Vater war Glaserer. Der Sohn hatte bereits volle vier Jahre im Handwerke mitgeholfen, hatte an der Seite seines Erzeugers den Tragkorb geschleppt — davon war sein Rücken gekrümmt und sein Gang mit dem vornübergebeugten Kopfe —, als in ihm mit elementarer Kraft die Sehnsucht zu studieren ausbrach. Man erfüllte seinen Wunsch und gab ihn zum Onkel in die Stadt. Er war ein selten-braver Bursche. Aus reine Wäsche und blankgeputzte Schuhe hielt er wie ein Stutzer. Er war verträglich, duldsam, dienstbereit — ein geduldiges L-chaf. Niemals eiferte er, niemals zankte er, niemals schimpfte er. Er hatte ein goldenes, gutes und weiches Herz, aber einen schlechten und harten Kopf. Was ihm an Talent abging, ersetzte er durch Fleiß. Sein Gedächtnis war ein schütteres Sieb. Alles ließ es durch, nur wenig behielt es. Hätte man das Lernen klassifiziert, so würde er lauter „Ausgezeichnet" bekommen haben. Da mail jedoch das Können, die Leistung klassifiziert, und da Markus noch voll dem, was er zu Hause mit großer Mühe in seinen Dickschädel 'eingepaukt, auf dem Wege zu dem bloß füllfzig Schritte entfernten Gymnasiunr manches verlernte, so hatte er m den Gegenständen, in bezug auf welche das Memorieren und das Reproduzieren die Hauptsache sind, fast lauter „genügend". Das wurmte, schmerzte, giftete ihn sehr. Besonders als er Vergleiche zog. Wenn die Menscheil einmal anfangen, Vergleiche anzustellen, so ist das Ergebnis immer für jenland von Uebel. Und Markus mußte sich dabei sagen: „Meine Mitschüler lernen welliger als ich, haben jedoch bessere Zeugnisse". Auf diese Weise wurde er..auf uns andere eifersüchtig. Es kränkte ihn, daß er sich über seine eigenen Anlagen einer Täuschung hingegeben. Er wurde menschenscheu, schwarzseherisch, einsam. Er peitschte sich selbst. Devalvierte sich mit einer gewissen Wollust, stellte sich noch schwerfälliger und massiver, noch ungelenker und steifer als er in Wirklichkeit war. Es gibt schon solche Käuze: sind gefühllos, erbarmungslos, rücksichtslos gegen sich selbst und peinigell sich bis zur Selbstvernichtung. Sind wie Blüten, die sich zusammenrollen, wenil man sie berührt. Mir tat er oft unendlich leid, ivenn er mit dem Lernen nicht zu jener Zeit fertig war, zu welcher ivir anderen alles, was wir aufhatten, schon-kannten und die zu einem gemeinsamen Ausgange bestimmt war. Ich pflegte ihm dann zu helfen. Namentlich brachte ich ihm Mnemotechnisches bei. Mit den lateinischen Vokabeln schon hatte er seine liebe Not. Bevor er sich deren zwanzig merkte, mußte er sie zwanzigmal wiederholen. Als dann später die Notwendigkeit an ifjit herangetreten warauch - noch griechische Vokabeln zu lernen und er sie nicht bewältigte, geriet er in Verzweiflung. Er weinte und hatte dann entzündete Augen. In solchen Fällen setzte ich mich zu chm und prüfte ihn so lange, bis er keinen einzigen Fehler machte. Noch größere Schwierigkeiten bereitete ihm die Algebra. Er war außerstande, sie zu begreifen, sich in sie hineinzufinden. Eine Mathematik ohne Ziffern — das überstieg die Grenzen seiner Aufnahmsfähigkeit, seines Verstandes. Er klagte, er bekäme davon die Drehkrankheit. Er war deprimiert und tiefunglücklich. Zumal er allmählich zur Erkenntnis gelangte, daß er sich überschätzt hatte, daß seine Kräfte für das Studium nicht ausreichen. Der bloße Gedanke an die Dinge, die da noch kommen sollten, an die Zukunft erschreckte ihn. Das beängstigte ihn. Er ward irre an sich selbst. Er verlor die Sicherheit, als fühlte er den Boden unter den Füßen wanken. Seiner hübschen Cousine war er ganz und treu ergeben. Er las ihr aus einer Zeitschrift vor, während sie nähte. Schnitt ihr nach einer Modozeitschrift Muster zurecht. Stäubte die Nähmaschine ab und speiste sie dann mit Olivenöl. Suchte Gelegenheiten, um Fräulein Lori behilflich zu sein und sich dienstlich zu erweisen. War wie der Page, der seine Gebieterin leidenschaftlich verehrt. Es war das seine erste Liebe. Eine stille, tiefe und starke Liebe. Seine einzige Sehnsucht war, eine Lektion zu erhalten. Er hatte die Ambition, jemand zu lehren itnb den Ehrgeiz, soviel zu verdienen, als der Vater dem Onkel für ihn zahlte. Diese heiße Sehnsucht ging in Erfüllung. Er durfte unterrichten. Einen Primaner vertraute man ihm an. Einen ungeratenen Bengel. Markus flößte ihm jedoch einen solchen Respekt ein, daß er kirre wurde, und folgte. Ja er besserte sich. Markus war zufrieden. Mehr: er war stolz. Der Glaube an sich selbst, das Selbstvertrauen waren gehoben.