Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 49 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Bloch s Wochenschrift Seite *t>y Die Namen dieser beiden roerden jetzt nicht nur als diejenigen von Großindustriellen, welche dem öffentlichen Wohle große Dienste leisten, sondern auch als erste unter denen genannt, welche von Beginn an in vorderster Reihe der an der menschenfreundlichen Fürsorgeaktion teilnehmenden Philanthropen stehen. Die Träger beider Namen haben auch im jüdischen konfessionellen Leben Ungarns einen ausgezeichneten Klang, und haben sich schon bis jetzt durch große Wohltätigkeitsstiftungen und Errichtung großer Wohlfahrtsinstitute für ewige Zeiten ein ehrendes Denkmal gesetzt. Feuilleton. Jos. PeniLrK — Das erste Honorar.*) Aus dem fünften Buche meiner Aufzeichnungen. (Nachdruck untersagt.) Alle Anhänger der realistischen, veristischen und materialistischen Schule in der modernen Literatur mögen es noch so oft und noch so steif behaupten: daß alle Themen der erotischen Lyrik, der Naturdichtung und des Weltschmerzes schon verbraucht sind, daß die Belletristik und die Menschheit sie schon satt hat, weil, lvas noch erscheinen kann, nichts anderes wäre als eine Reprise, int günstigsten Falle eine Variante längst abgespielter Melodien, längst abgehudelten Singsangs, — cs ist eine unumstößliche Wahrheit und Wirklichkeit, daß die Poesie des Frühlings, der Liebe und des Studentenelends ein unerschöpfter, ein unerschöpflicher Born ist. Und wenn sich noch. Tausende und aber Tausende Denker und Dichter damit befassen werden, sie roerden ihn nicht auf den Grund leeren. Er wird ewig fließen, so lange es auf Erden Menschen geben wird. So lange der holde Lenz Bäume und Sträucher mit neuen Knospen, Blättern und Blüten bekleiden, so lange er Wiesen und Rasenplätze mit buntfarbiger Mosaik schmücken wird. So lange es den Mann zürn Weibe, das Weib zum Manne hinziehen wird. So lange es irr diesem Jammertal Darbende, Leidende und Hurrgernde geben wird. So lange es auf unserern Planeten Licht und Schatten, Freud' und Leid geben wird. Immer. Stets und fortwährend. Für und für - - in alle Ewigkeiten. Ein langer Leidensweg war meine Gymnasialzeit. Nicht in der Schule, sondern außerhalb der Schule halt' ich viel und vieles auszustehen. Ich lernte leicht, spielend, gut. Ich gedieh an Wissen und Geist und machte Fortschritte. Aber unter welchen Entbehrungen! Jugend hatt' ich keine. Es erging rnir wie jemandem, der die drei Jahreszeiten verpaßt und mit einemmal dessen inne wird, daß der Winter bereits angebrochen ist. Meine acht in der Mittelschule verbrachten Jahre waren mit Arbeit für andere und mit anderen ausgefüllt. Ich mußte unausgesetzt Tag für Tag, nur die Sonntage ausgenommen, vier Schüler nacheinander unterrichten. Es muß nicht besonders bemerkt werden: als ich ihr Präzeptor geworden, waren qie alle sehr schwach. Nicht physisch, ich meine in bezug auf das Lernen. Wie mußt' ich mich 'mit ihnen abmühen und plagen! Als ich im Obergymnasium war, begann ich, durch vierstündigen Unterricht erschöpft und ausgehungert, erst um 9 Uhr nachts, nach dem raschen Genüsse eines spärlichen Abendessens, selbst zu lernen. Mehr Nächte durchwacht' ich damals beim trüben Scheine einer Nachtlampe, als ich schlief. Diese vier Lektionen brachten mir ivohl eine materielle Erleichterung, sonst aber nur Erschwerungen. Allzuviel hatte man auf meine schwachen Schultern gebürdet. Ich ertrug und überwand alles. Denn ich war von allem Anfänge an mit einer stahlharten Energie ausgestattet. Ost ballte ich zornerfüllt und wütend oder in ohnmächtigem *) Aus dem Tschechischen. Erschienen im „6esko-ridovskv Kalendür" (tschechisch-indischen Kalender) und separat. Grame die Fäuste und knirschte mit den Zähnen, allein ich beherrschte mich später und sagte: „Dulde, leide, arbeite! Andere haben's vielleicht noch ärger!" Wer selbst das bittere Brot eines solchen Frohn dienstes, einer solchen Taglöhnerarbeit nicht verzehrt, der weiß nicht, iuie es schmeckt. Wer selbst das Joch der Erniedrigung nicht getragen, der weiß nicht, wie es drückt. Und sonderbar! Diese armen Studenten, die aus den Dörfern gekommen waren, die jeden Tag dreimal anders wo ihr erbetteltes Mahl einnehmen mußten, die waren die erstert und besten in Sitten und Fleiß. Sie wurden als Vorbild und Beispiel für die städtischen vermögen den und reichen hingestellt. Die Absolventen der ein tlassigen Landvolksschulen überflügelten jene der vier klassigen im Sitze der Mittelschule. An manchen Stellen hatte man die ersteren sehr gerne und unterstützte sie allmöglich, aber an anderen Stellen war man ihnen ab hold und mißgünstig. Dort wo man eine Ahnung hatte, daß sie später im Kampfe ums Dasein diese verdrängen werden. In dem kleinen Zimmer, das ich im Untergymnasium bewohnte, waren wir Vier untergebracht. Zwei von ihnen, für die besser gezahlt wurde, schliefen im Bette. Ich und der Vierte, für die weniger gezahlt wurde, in einer Schublade aus dem Fußboden. Wir pflegten uns Holzstücke unter den Kopspolster zu legen, um nicht zu verschlafen. Ein fünfter Mitschüler, der über uns im ersten Stockwerke logierte, erfand einen eigentümlichen Wecker. Sein Lager stand am Fenster. Durch dieses ließ er einen um seine Hand gewickeletn Strick hinab. Wenn der Nachtwächter in der Frühe seine Runde beendet hatte, zog er daran und weckte so den Schläfer. Es war etwas unsanft, dafür jedoch sicher. Patentiert ist dieser Wecker meines Wissens bis heute nicht. Das ganze liebe Jahr verausgabten wir keinen ein zigen Kreuzer. Wir besaßen eben keinen. Als wir uns einmal mit ausgeliehenen fünf Kreuzern eine Maß Zwergäpfel gekauft hatten, beuchten wir uns Krösusse zu sein. Der Genuß dieses Obstes war jedoch durch die Sorge sehr beeinträchtigt, wie wir in der Lage sein werden, dieses außerordentliche Anlehen zu decken. Nachher sahen sich 'die Väter genötigt, zur Tilgung des Defizits einen Nachtragskredit zu bewilligen. Unsere Verrechnung, unsere Budgetierung überhaupt war durchaus nicht komplizierter Natur. Eine Kassa gab es nicht. Weil keine Bestände dafür vorhanden waren. Schlußrechnungen und Schuldenkontrolle war auch keine. Ob in Oesterreich die Silberwührung oder die Goldwährung oder die hinkende Valuta staatlich eingesührt ist, war uns gleichgiltig. Für uns existierte weder Papiergeld noch Münzen. Als Hütten wir uns im Urzustände der Menschheit befunden - in einer Zeit, in der es keine Tauschwaren und deshalb auch kein Tauschmittel gab. Nur auf diese Weise läßt sich die Tragödie erklären, die ich jetzt erzählen will. Unser Ouartiergeber, Herr und Wirt, war, als ich in der dritten Klasse mich befand, Glaserer, Glashändler und Regenschirmmacher. Er hieß Scheck und war ein stets kränkelnder, oft hüstelnder und sich räuspernder, fortwährend durch Atemnotanfälle geplagter, schon ältlicher, abgezehrter, hochaufgeschossener, meistens moroser Mann. Seine Krankheit war für uns eine Oual. Sie störte nachts unseren Schlaf, tagsüber dursten wir uns nicht mucksen, wenn ihm übel war. Wir voller Jugend lichkeit, Frische, Rüstigkeit und Kraft neben einem Greise, der in mehreren Fortsetzungen starb. So lange er noch gesund war, durchwanderte er, einen Tragkorb aus dem Rücken, in dem er einen geringen Vorrat Glasscheiben hatte, die Dörfer der Umgegend, zerschlagene Fenster reparierend!,oder neue eiusetzend. Reich