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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-12-11 · 49 (11.12.1914) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
49 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 864 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. LS Unlcryaltungsabend in Karlsbad für die Weihnachtsbescherung unserer Loldaten im Felde und für die galizischen Flüchtlinge. Wir Juden sind unserem Temperamente nach Sanguiniker, Enthusiasten, unverivüstliche Optimisten. All unser Leid und alle unsere Freude durch die Jahrhunderte fließt aus diesen Eigenschaften, unsere Fehler wie unsere Vorzüge stammen daher. Ter kleinste Glückstrahl hat stets genügt, um Pein und Drangsal uns vergessen zu lassen, und wenn es je ein Volk gegeben hat, das von seinen bösen Erfahrungen nichts und nie hat lernen wollen, ist es unser Volk gewesen. Möge es nie anders werden, denn das allein ist unsere Größe und unsere Zukunft, der Schöpfer unserer mcssianischen Hoffnung. Die Karlsbader Judenschaft ist nicht verwöhnt, freundschaftliche Gesinnung gegen sie ist seit Jahren ziemlich schwach geworden, ohne daß man eigentlich sagen könnte warum: Karlsbads Juden find nicht die Reichen, nicht die Mächtigen, besonderen Luxus treiben sie nicht, Einfachheit und Sparsamkeit sind vorherrschend, sie sind mit geringen Ausnahmen weder arrogant noch zudringlich, nicht genußsüchtig und nicht vorlaut. Das hat den Judenhaß hier nicht gehindert, da still, dort offen Siege zu feiern. Und dennoch, kaum zeigt sich eine -kleine Regung, als ob es anders werden könnte, sind wir schon wieder die alten Sanguiniker, die alten Enthusiasten, die ewigen Optimisten. Will's Gott, wird der Krieg auch bei uns Wandlung schaffen. Fast hat es den Anschein. Wenn man sieht, wie den galizischen Flüchtlingen alle Kreise mildtätig entgegengekommen sind - rüde Gehässigkeit gehört wenigstens derzeit noch zu den Ausnahmen an manchen Bierbänken —, wie Familien, deren Judenhaß „notorisch" war, voll Erbarmen sich zeigten, wagt man es, in dem Glauben sich zu wiegen, es werde vielleicht doch eine der segensreichen Folgen des entsetzlichen Krieges der innere Friede sein. Zu dieser Hoffnung berechtigt auch der am 29. November stattgesundcne Unterhaltungsabend, für ben Di rektor Modl in dankenswerter Weise die Räume des Orpheums unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat. Alle Bemühungen, den Abend zum besten Gelingen zu führen, sind Hand in Hand gegangen von Christen und Juden. Mitwirkende und Publikum frugen nicht nach Konfession und Nationalität, hatten nur eines vor Augen: Not zu lindern und Freude zu bereiten. Und als die schwungvollen Worte der Einführungsrede zu Ende waren, die Herr Bürgerschullehrer Ernst B a u m g ä r t l an die Versammlung richtete, lösten sie einen Sturm des Beifalls ans, wie er nicht zu oft in Festräumen ertönt. „Heimat?" so rief der Redner dem Publikum zu - , „ob himmelhohe Berge sie schmücken, ob der Zauber des blühenden Heidekrautes die Herzen gefangen nimmt... ob selbst das geheimnisvolle Düster lebensfeindlicher Sümpfe das Kolorit bildet... die Sehnsucht nach der Heimat wohnt in allen Herzeil. . . . Auch wer sie freiwillig verläßt, um in der Fremde das Glück zu erjagen . . . wie zieht das Herz ihn immer tvieder hin zu de.n einfachen Hütten, wo reineres Glück wohnte als in der kalten Fremde. . . . Unter all den Wunden, die der Krieg den Nichtkämpfern schlägt, ist wohl eine der schmerzlichsten die, welche die armen Flüchtlinge empfinden müssen. Traurig schon ist das Los des Besitzenden, dem in die Fremde nicht das graue Gespenst der Sorge folgt, unsagbar traurig aber das Los des Armen, dem die Flucht auch das so Wenige und doch so unendlich Biele genommen, das ihm das Leben in der Heimat auch in der ärmsten Hütte als lebenswert erscheinen ließ. Der Umgang mit den Jugendfreunden, die gleiche Denkungsart der Stammesgenossen, die gleichen, den Fremden oft so unverständlichen und durch den langen Gebrauch geheiligten Sitten, die nur von ihm gewürdigten und verstandenen Schönheiten der heimatlichen Scholle: es sind reiche Schätze, deren Verlust in der kalten Fremde doppelt fühlbar wird. Solchen armen, aus der Heimat verstoßenen Unglücklichen das Leben in der Fremde erträglich zu gestalten, ist Pflicht jedes wahren Menschenfreundes. Wer darf in solchen Fällen Anstoß daran nehmen, daß die Weltanschauung der Flüchtlinge nicht die unsrige ist? Fürwahr, die große Zeit, in der wir leben, muß und soll auch große Herzen finden, in denen das zartduftende Blümchen Mildtätigkeit blühen und grünen möge." Diese Worte, an die sich packende Worte über das Heimatsweh der Soldateil anläßlich der Weihnachtszeit schlossen, griffen jedem ans Herz und machten tiefen Eindruck, der hoffentlich auch nachhaltig bleiben wird. Der innere Friede soll uns versöhnen mit den furchtbaren Opfern an Gut und Blut, die wir alle bringen. Hat der deutsche Reichskanzler in seiner letzten gewaltigen Rede das Gelöbnis getan, von nun ab bei alten Kämpfen und Parteiungen des Landes doch . nur Deutsch e zu keimen, so wird hoffentlich auch unsere Bevölkerung trotz alter politischen, wirtschaftlichen und nationaleil Differenzen auch nach dem Kriege in jedem Bürger nur den Oesterreicher sehen, den Oesterreicher mit gleichen Pflichteil, aber auch mit gleichen Rechten. Uiid wenn die Erwartung in Erfüllung geht, daß auch in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben friedliches Zusammenarbeiten seinen Einzug hält, bann werden wir alle unter Tränen dem großen Kriege dankbar fein, der unser Vaterland zur Macht und Einheit geführt haben wird. Nikolsburg. (Die Unverbesserlichen.) Der Gesangsvercin „Nikolsburg" und der Geselligkeitsvereill „Harmonie" veranstalteten ani Samstag, 5. d. M., zugunsten des Roten Kreuzes einen „patriotischeil" Vortragsabend. Mail hat wohl infolge Raummangels llicht die Mitglieder des Roteil Kreuzes, unter beiten sehr viele Juden sich befinden, geladen, doch wurden offiziell die Mitglieder des Vereines „Frohsinn",,.Freiwillige Turnerfeuerwehr", „Militärveteranenverein", „Turnverein" und „Schützenverein" durch die Vereinsleitung geladen. Es ist klar, daß man aus nationalen Gründen die Vertretung der Stadtgemeinde Nikolsburg II. (Jsraelitengemeinde» iveder offiziell, noef» sollst irgendeines der zahlenden jüdischen Mitglieder des Zweigvereines des Roten Kreuzes geladen. Wenn noch darauf hingeiviesen wird, daß sowohl unsere Gemeindevertretung als solche, wie auch deren Mitglieder bisher in munifizentester Weise ihre patriotische Opferwilligkeit betätigen, ein Lazarett mit 24 Betten, das Kaiser Franz Joses-Jsraelitische Bersorgungshans vier Betten für verwundete Krieger, selbstredend ohne Unterschied der Nation und Konfession, widineteil. ist ein Koinmentar zu dem Patriotismus obiger „deutschnatioiial" sich nennenden Vereine überflüssig Mögen sie weiter unter ilatioilaler und konfessioneller Flagge segeln, täuscheil werden sie niemand mit dem hehren Worte „Patriotismus", das hier entehrt. Wenn man in Erwägung zieht, daß in den Statuten des Roten Kreuzes, das unter dem Protektorate Sr. kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Franz Salvator steht, ausdrücklich es heißt: „Man frage nicht, welchen Stammes', welcher Religion, welcher Nationalität?c.", so manifestiert sich in diesem Vorgehen die geistlind herzlose Bierbniikpolitik dieser Patrioten. Die Juden in Lodz. Ein Flüchtling aus Lodz schreibt uns: „Auf der Flucht von Lodz mich befilldend, möchte ich die durch die letzten Kriegsereignisse dort gewonnenen Eindrücke nnb Erfahrungen der Oeffentlichkeit übergebeil,

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