Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-12-04 · 48 (4.12.1914) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
48 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022138--23664-3048874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Scilc 850 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 48 großen Finanzinstitules war ihm aus dem l>iebiete der Tarifpolitik überlegen. Er beteuerte übrigens jedesmal, feine Gegnerschaft gälte bloß den reichen Juden — die armen täten ihm leid, denn auch er stammte ans einem sehr armen Hause. An einem Wintervormittage am Abend zuvor hatten die Antisemiten eine liberale Versammlung im 5. Bezirk gesprengt war der Wärmegrad der Kontroverse bereits zu einer beträchtlichen Höhe hinaufgekrochen, als auf der schwelle unseres Abteiles leisen Schrittes ein jüdischer Hausierer erschien. Er trug eine lichtbraune, ziemlich flache Schachtel unter dem Arme. Das Gespräch verstummte mit einem Schlage. Alle blickten den Anköminling an. Er hielt einen schon borstigen Zylinder in der linken Hand. Sein Haar war spärlich, aber noch schwarz und glatt gekämmt. Ter kurze Vollbart hingegen schwarzrotweiß. In dem abgemagerten, jedoch intelligenten Gesichte schien die spitze Nase noch größer, die dunklen Augen noch tiefer. Seine Kleider waren rein, blau, glänzten aber schon. Der tief übers Knie reichende Schoßrock, der einst seiden gewesen fein mochte, war stark abgeschabt, verlieh jedoch der hohen Figur ziemliche Eleganz, Haltung und' Würde, die noch durch die wohlgepflegten, mageren, langfingrigen, reinen Hände und durch die korrekte Aussprache des Deutschen gehoben wurde. Er klappte die Schachtel auf, die ausschließlich mit verschiedenen Zündhölzerschachteln gefüllt war, und sich einem Herrn am oberen Tische zuwendend, sagte er mit seiner leisen, zarten, wie flehentlichen Stimme: „Bitte, mein Herr, kaufen Sie mir was ab." „Von einem Juden kauf ich nicht," fuhr ihn der Angesprocheue an und schob die Schachtel mit einein so starken Rucke von sich, daß der Hausierer in der Furcht, seine Ware könnte ihm zerstreut werden, unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Dann sagte er festen Tones: „Mein Herr, ich häb'^ ' an Sie eine Bitte gerichtet, ich Hab' Ihnen mein Lager offeriert, Sie haben mich beleidigt und gestoßen." „Ist denn das Wort „Jud" eine Beleidigung?" replizierte der Gast. „An sich gewiß nicht, ebensowenig wie das Wort Christ oder Katholik, mais c'est le Ton, qui fait la musigne." Der Gast am oberen Tische lachte laut auf, schlug mit beiden Händen auf die dicken Knie, wackelte rasch mit seinem Kopfe und schrie: „Parlieren tut er auch noch!" „Mein Herr," enlgegnete der Hausierer und man merkte es seiner Stimme an, daß er sich beherrschte, „ich habe bessere Tage gesehen, an denen ich mehr französisch als deutsch diktierte und sprach; meine Verwandten haben mich ruiniert, meine eigenen Kinder an den Bettelstab gebracht. Ein Hausierer hat zum Bettler so nahe, wie ein Totkranker zum Friedhof. Aber mein Unglück gibt Ihnen kein Recht, mit mir per „er" zu sprechen, mein Herr!" Den letzten Satz trug er mit vibrierender, weinerlicher Stimme vor. In diesem Augenblicke geschah etwas ganz Unerwarletes. Regierungsrat Janda vom Kommerziellen Bureau der k. k. priv. Staatseisenbahngesellschaft sprang von seinem Sitze auf, trat rasch an den Hausierer heran, berührte dessen Hand und sagte: „Kommen S' mal her!" Dann kehrte er wieder auf seinen Platz zurück. Der Hausierer folgte der Einladung und war mit wenigen Schritten an unserem Tische so nahe, daß wir sein Assortissement leicht überblicken konnten. Es war nicht reichhaltig. Schwedische Zündhölzchen, damals noch importiert, Windlichter und italienische Wachskerzchen, diese Mailänder Ursprungs. Zehn Kreuzer per Schachtel. Groß war der Vorrat auch nicht. Mit fünfzehn Gulden war er überzahlt. Der Regierungsrat legte eine Fünfguldennote in die Schachtel und sagte: „Da haben S'!" Höflich und sachte legte der Hausierer das Papiergeld auf den Tisch vor den Regierungsrat zurück und bitter und vorwurfsvoll klangen seine Worte: ,Mein Herr, Sie verkennen mich: ich bin kein Bettler, ich bin ein Handelsmann." Mit einer geschickten und zarten Wendung entzog der Regierungsrat seiner Gabe den Stachel eines Alinosens, indem er nicht ohne einen Anflug von Aerger antwortete: „Sie befinden sich in einem Jrrtume. Ich will Ihnen gar nichts schenken, ich will Ihnen bloß eine größere Partie abkaufen. Geben Sie mir fünfzig Italienische." Der Hausierer zählte fünfzig Schachteln italienischer Langbrenner ab und stellte sie zu je zehn geschichtet vor Herrn Janda auf. Dann nahm er den Fünfer, wartete einen Moment, ob sich noch ein Käufer finden wird, und als sich niemand gemeldet, verneigte er sich und entfernte sich, kaum hörbar auftretend. Wir blickten ihm stumm nach. Unsere Augen irrten vom Regierungsrate zum lauten Herren am anderen Tische, der ganz erstaunt die Vorgänge an unserem verfolgte. Als der Hausierer die Schwelle überschritten, schob Regierungsrat Janda einem jeden von uns einige schachteln der gekauften Italiener mit der Aufforderung zu: „Ich bitte die Herrschaften, dies von mir anzunehmen." Man nahm das Geschenk noch nicht an, man wies es auch nicht ab, man ließ es vorläufig vor sich liegen und bestürmte den Spender mit Fragen wie: „Was hat dieser Kauf en gros zu bedeuten?' Wollen Sie uns nicht das Rätsel lösen? Ist der Hausierer ein Bekannter von Ihnen?" „Ich kenne den Hausierer nicht, ich habe ihn hier das erstemal in meinem Leben gesehen," erwiderte der Regierungsrat auf alle Anfragen, „und doch wollt' ich, mußt' ich ihn beschenken. Denn es handelte sich mir lediglich um einen Vorwand, wenn ich von einem Geschäfte sprach. Es steckt kein Rätsel, kein Geheimnis, kein Gelübde hinter der Sache. Höchstens ein Entschluß, ben ich in der ernstesten stunde meines Lebens gefaßt und den ich bisher getreulich erfüllt habe. Wenn ich diesem Hausierer um fünf Gulden seiner Ware abkaufte, so war dies lediglich ein Akt der Dankbarkeit, eine einzige Abschlagsfumme auf eine Schuld, die ich niemals abtragen werde. Wollen Sie mich gefälligst anhören?" „Erzählen Sie!" riefen wir alle unisono. Wir rückten zusammen. Das Geräusch am Nebentisch war verstummt. Man horchte dort ebenso gespannt wie bei uns. „An einem Feiertage des Jahres 1881, am 8. Dezember, an dem ich zum zweitenmale geboren wurde, saß ich hier auf demselben Platze wie heute. Und wie heute trat ein jüdischer Hausierer ein. Der noch elender aussah. Und wie heute, so wurde damals der Jude von einem Gaste behandelt. Ich weiß nicht,, war es Mitleid mit dem armen Manne, mar es der Wunsch, von ihm nicht belästigt zu werden und ihn sobald als möglich los zu werden, ich legte ein Zehnkreuzerstück auf dessen Schachtel und entnahm chr eine Schachtel italienischer Wachszündhölzer und steckte sie in die Seitentasche. Ich vergaß sie so sehr, daß ich mir im Laufe des Tages meine Zigarren mit anderen Zündhölzchen ansteckte. Vormittags war ich mit Frau und Kindern spazieren, nachmittags blieb ich zu Hause, abends ging ich mit meiner Gemahlin ins Ringtheater. Man gab „Hoffmanns Erzählungen". Wir hatten sehr schöne Plätze auf dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.