Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 48 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022138--23665-3048875- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 8r>1 1. Balkon. Blieben jedoch nicht lange darauf. Eine Unruhe entstand. Alles erhob sich. In der nächsten Minute hörte man ängstliche, gellende Ruse: „Feuer!" und in der zweitnächsten sah man es schon. Es kam von der Bühne. Es kam nicht, eS lief nicht, es sprang und flog. Alles drängte den Ausgängen zu. Ich faßte meine Frau an der Hand. Die war eiskalt und zitterte. Ich muß sagen, daß ich mir im ersten Augenblicke der Gefahr, in der wir schwebten, gar nicht bewußt war. Erst später, als sich die Menge bei den Türen staute, als wirre Stiuunen sich in einen wüsten Lärm vermengten, wurde es mir klarer, daß unser Leben bedroht ist. Als aber mit einemmal das Gaslicht nach einer Explosion verlöscht und tiefe Finsternis eingetreten war, in der man nicht einmal den nächsten Menschen ausnehmen konnte, trotz des Widerscheines der gelbroten Flammen, erkannte ich, daß wir aus dieser Mausefalle bei lebendigem Leibe nicht herauskonimen werden. Ich nahm für immer Abschied von meiirer hochbetagten Mutter, die auf meine Unterstützung angewiesen war, und fühlte, wie mir daS Blut bei den: Gedanken zu Kopfe stieg: Wovon wird die Anne leben? Ich nahm für immer Abschied von meinem Sohne und meiner Tochter und mein Herz krampfte sich zusammen bei der Vorstellung, die verlassenen Waisen und deren Großmutter werden ein Gegenstand öffentlichen Mitleides fein. Wir waren in einem engen, dunklen Gange eingepfercht und eingeklemmt und kamen nicht vom Flecke. Gasgeruch und Rauch und keine Luft machten sich bereits fühlbar. Es war zürn Ersticken. „Vorwärts!" wurde geruferr. „Nicht drängen, sonst werderr rvir alle erdrückt!" wurde zurückgerufen. „Warum stehen rvir?" fragte eine Stentorstimme. „Weil wir nicht wissen, wo wir sind, weil wir nichts sehen, rveil wir den Ausgang nicht kennen," wurde geantrvortet. „Weiß jemand, irr welcher Richtung man ins Freie gelangt?" fragte wieder eine Stentorstimme. Niemand meldete sich, tiefes Schweigen folgte. „Niederträchtige Bagage! Verbrecher! Mörder! Keine eirrzige Schützkerze ist da!" Jetzt hört man zwischen Flüchen und Schimpfwörter! auch schon Weinen und Schluchzen. „Licht! Licht! Wir ersticken alle!" schrie die Stentorstinrme, „hat niemand Licht?" Ich fühlte, wie ein frostiger Strom meinen garrzerr Körper durchlief und griff in die Westentasche. Sie waren da, die Wachskerzen. Unberührt. Alle. „Ich, ich!" rief 'ich, „ich habe welches! Mailänder Zündhölzchen!" „Achtung damit!" hörte man warnende Stimmen, „daS Gas könnt' explodieren und rvir find alle kaput!" Ich zündete eines an. Es brannte, ohne was anzurichten. Es brannte lange. Man orientierte sich. Man begann wahrzunehmen, wo wir sind. „Ruhe!" kommandierte die Stentorstimme, „die Herren vorne sollen den Ausgang suchen, die Leute rückivärts sollen warten, der Herr mit den Lichtern soll durchgelassen werden und vorangehen!" So geschah es auch. Meine Frau hielt meine linke Hand, während meine rechte Hand die brennende und leuchtende Wachskerze nach oben hielt. Nach langen urrd bangen Minuten, wurde glücklich die Treppe ins Freie gefunden. „Gott sei Dank," atmeten alle auf. Rasch leerte sich der Gang. Ich stand am Treppenabsatz, die letzten Zündhölzchen verbrennend, um den Hinabsteigenden zu leuchten. Als auf den Ruf: „Noch jemand da?" sich niemand mehr gemeldet hatte, entfernten wir uns. Erlassen Sie es mir, Ihnen die Stimmung zu schildern, in der ich mich befand, als ich über den schneebedeckten Schottenring, meiner Frau Hand an mich pressend, meiner Wohnung zufchritt. Ich ivagte es nicht, mich umzusehen. Hatte nur eine Sorge: meine Frau in Sicherheit zu bringen. Denn ich fürchtete üble Folgen des ausgestandenen Schreckens. Als wir zwischen der Tür unserer beiden Zimmer stehend, die ahnungslosen, schlafenden Kinder erblickten, fielen wir uns sprachlos in die Arme, küßten uns'lange und weinten vor Glück und Freude. In jener Nacht Hab' ich den heiligen Eid geschworen, zum Danke dafür, daß ich und meine Frau und mit uns viele andere vor dem sicheren Tode nur durch die Wachskerzen gerettet worden sind, jeden Hausierer mit Zündhölzchen, auch jeden jüdischen, reichlich zu beschenken. Ich habe diesen meinen Schwur bisher getreulich erfüllt. Wie Sie gesehen, auch heute." Er hatte diese Erzählung, trotz der starken Rührung, die sich seiner, insbesondere gegen den Schluß bemächtigte, rasch gesprochen. Als er sie beendet, schwiegen rvir alle tiefergriffen. Erst nach einer Weile fragte jemand: „Und konnten Sie sich Ihrem jüdischen Lebensretter dankbar erweisen?" „Leider nicht," erwiderte Regierungsrat I a n d a, „ich Hab' ihn nie wiedergesehen. Er ist nie mehr hiehergekommen. Ich suchte ihn in allen Lokalen der Stadt. Er ist wie verschwunden. Ich bewahr' ihm ein bleibendes und dankbares Andenken. Und was mir der einzelne getan, lohn' ich der ganzen Gattung. Das ist alles. Das ist des Rätsels einfache Lösung. Jetzt wissen Sie, warum ich um fünf Gulden italienische Wachszünder von einem jüdischen Hausierer gekauft habe und noch wieder kaufen werde, solang' ich lebe und Geld habe." 8ctireiben an 8e. Exzellenz Herrn Hugo Freiherr Glanz von Eicha, Seiner Majestät Geheimem Rat, k. k. Handelsrninister a. D., Herrenhausmitglied etc. Euere Exzellenz! Als Sie Handelsrninister im Kabinett Badeni waren, erfreute ich mich Ihres Wohlwollens und Vert auens. Sie teilten mir manches mit, was nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt war, wohl wissend, daß ich verschwiegen und diskret wäre. Ich glaube, Ihnen niemals Anlaß gegeben zu haben, den in mich gesetzten Glauben zu bedauern. Seither sind 16 Jahre vergangen. Ich ersehe zu meinem Vergnügen, daß dieser Ihr mich so sehr ehrende Glaube keine Minderung erfahren hat, und schmeichle mir, dessen Erhaltung zu verdienen. In einer Nachtsitzung des Abgeordnetenhauses, als im Silzungssaale eine wüste Obstruktion tobte, luden Sie mich zu einem Spaziergange im Couloir ein. Sie waren damals — ich erinnere mich ganz gut — heiser und verzehrten sehr viel Malzbonbons, obwohl ich Ihnen gesagt hatte, daß sie den Magen verpappen. Das hinderte Sie nicht, mich in das Geheimnis einzuweihen, wie Sie es bewi kt haben, daß die Sanktion dt s Hausierergesetzes verschoben wurde. Ich werde jetzt, nach 16 Jahren, den Charakter Ihrer Eröffnungen ebenso respektieren wie vor 16 Jahren. Ich werde nichts profanieren, nichts verraten. Aber sagen will ich: daß Sie ein edler Mensch waren und sind. Daß Sie Mitleid hatten und weckten mit den Hunderten, denen der Hausierhandel einen armseligen Gewinn abwarf. Daß Sie von erworbenen Rechten alter, hinfälliger Männer sprachen. Daß Sie 700 Juden,— so viele zählten Sie damals selbst — vor dem Unglück bewahrt haben, aufs Pflaster geworfen zu werden. In jener Nacht erzählte ich Ihnen, Exzellenz, die voranstehende wahre Geschichte von dem jüdischen Hausierer, dessen. Wachskerzen sehr viele Menschen vor dem Erstickungs- oder Verbrennungstode gerettet haben. Beim Brande des Ringtheaters am 8. Dezember 1881. Nun hab; ich diese Geschichte niedergeschrieben uni gedenke dankbar Ihrer reinen Humanität, die umso wertvoller ist, je seltener sie ist. Ihr ergebener -Jos. P e n i z e k. Alrratur. Dr. Isaak Bamberc er. Nürnberg. Jüdisch-geschichtliches Q u a r t e 11 j p i e I. Verlag .Jüdischer K i n d erf reu n d" Nürnberg. Preis 1 Mark. Tie Jugend spielt gerne, und im Spiel ihr auch jüdisch-geschichtliche Kenntnisse beizubringen — der Autor stellt uns noch ähnliche jüdische Spiele in Aussicht — ist verdienstlich. In diesem aus einzelnen Karten bestehenden Spiele — die kommenden Serien dürften auch gute Abbildungen aufweisen — ersährt das Kind wichtige Daten über M e n a s s e b. Israel, G a b i r o l A b r a v a n e l, Joses Karo :c. bis Mendelssohn und will von diesen berühmten Namen dann noch mehr hören. Darum darf dieses belehrende Spiel vor Eintritt des sd)önen Chanukasestes unseren Familien für ihre Kinder warm empfohlen werden, diese werden wielend sehr Nützliches lernen. M. A.