Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 48 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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N>. 48 Dr. Bloch's Wochenschrift tarennachrichteu hinaussendenist klar. Die Juden Ruß lands zeigen in diesem Kriege einen bewundernswerten Patriotismus für ihr Heimatland, das sie unterdrückt hält. Die russische Regierung verspricht den Juden nun nicht etwa eine Besserung ihrer Lage, sie weist vielmehr daraus hin, daß die feindlichen Deutschen die Juden ja noch schlimmer behandeln. So will sie jeden Keim einer möglichen Deutschfreundlichkeit in den russischen Juden ersticken, vor allem aber auch der ganzen Welt zeigen, daß sie mit ihren eigenen Methoden auch in Europa nicht allein dastehit. Cs ist notwendig, diese Kamps art einmal niedriger zu hängen." Der alle Kurs in HLußtand. In Paris wurde folgende Erklärung des Auslandskoinitees des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes veröffeutlicht: In einem in der „Humanite" erschienenen Artikel über die Pflichten der Sozialisten der neutralen Länder wird dem russischen Zarismus im Gebiet der Inlandspoliti? die Absicht zugeschrieben, sich auf den Boden „der Gerechtigkeit und der Zivilisation" zu stellen. Der Zar, wird dort behauptet, habe Polen wiederhergestellt, die Pogrome abgeschafft und die Juden seines Reiches aus der Sklaverei befreit. Die Behauptungen widersprechen in schärfster Weise den Tatsachen. Die russische Regierung führt auch jetzt, genau wie vor dem Kriege, ihre traditionelle Politik der Unterdrückung und .Verfolgung. Nicht um ein Iota wurde die Lago der Juden erleichtert: alle schmachvollen Ausnahmsgesetze das Ansiedlungsgebiet, die Beschränkungen bei Aufnahme in Lehranstalten usw. — bleiben in voller Kraft. Mit einer der russischen Regierung eigenen gehässigen Kleinlichkeit wird die Erlaubnis zum zeitweiligen Aufenthalb außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes auch solchen Juden verweigert, welche gezwungen waren, aus Ortschaften zu flüchten, die von feindlichen Truppen besetzt wurden; gänzlich unberücksichtigt wird der Umstand, daß der Krieg sich im Ansiedlungsgebiet der Juden abspielt und die jüdische Bevölkerung neben der polnischen allen Verwüstungen und Schrecken dies Krieges ausgesetzt ist. Nicht die mindeste Erleichterung wird sogar solchen Juden zuteil, die sich im aktiven Heeresdienst befinden und ihr Leben für ihr „Vaterland" hergeben. Ihre Gesuche um ungehinderte Aufnahme ihrer Kinder in Lehranstalten, um zeitweilige Aufenthaltsbewilligung für ihre Familien außerhalb des jüdischen Siedlungsrayons, wodurch allein diese dem Hungertode entgehen könnten, werden ihnen entschieden verweigert mit einer herzlosen Begründung, die jedem menschlichen Empfinden hohnspricht: „In Ermangelung gesetzlicher Veranlassung." Auch im Verhältnis zu den F i n n e n ist sich die russische Regierung treu geblieben. Den besten Beweis ihrer brutalen Rachsüchtigkeit lieferte sic durch die Tatsache, daß sie sich — in den ersten Tagen des Krieges — entschieden geweigert hat, einem Gesuch nachzukommen, eine Anzahl finnischer Bürger, die für mannhafte Verteidigung der finnischen Verfassung auf dem Verwaltungsweg nach Sibirien verbannt wurden, zu „begnadigen" und nach der Heimat zurückkehren zu lassen. Was die Polen betrifft, gibt es in bezug auf diese vorläufig nur gewisse Versprechen des Truppenbefehlshabers, die kaum mehr wert sind als viele andere nicht minder feierliche Verpflichtungen des Zarismus, die bisher auf dem Papier geblieben sind. Es muß noch hervorgehoben werden, daß die russische Regierung den Kriegszustand benützt, um die Arbeiterbewegung und jede oppositionelle Strömung noch grausamer als zuvor zu unterdrücken. Sämtliche Arbeiterblätter sind sistiert worden, die letzten Ueberbleibsel der Arbeiterorganisationen werden ausspioniert und eingekerkert, neue politische Prozesse werden inszeniert. Die politischen Gefangenen, Untersuchungshäftlinge sowie die für politische Delikte zu Katorga Abgeurteilten, die in den Gefängnissen des westlichen Grenzgebietes interniert waren, wurden schleunigst nach entfernteren Gouvernements des Reichsinnern abtransportiert, in der Befürchtung, das deutsch-österreichische Militär könne dir Gefangenen aus freien Fuß setzen. Auf diese Weise ist die Behauptung, die russische Regierung habe den Weg der Reformen betreten oder sei geneigt, dies zu beginnen, völlig aus der Luft gegriffen und muß naturnotwendig beim französischen Proletariat eine ganz verkehrte Ansicht über das wirkliche Wesen des russischen Absolutismus entstehen lassen, der tatsächlich genau wie ehedem auch jetzt die schlimmste Form der politischen Despotie bleibt. Auslandskomitee des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes Rußlands. Veite 843 -Korrespondenzen. Jeltgottesdienlt und AelMung anläßlich des 66 jährigen Megierurrgsjubiläums des Kaisers. Dienstag, den 1. Dezember, am Vorabende des 66. Regierungsjubiläums des Kaisers, fand im Stadttempel ein F e st g o t t e s d i e n st statt. Der festlich beleuchtete Tempel war von einem Festpublikum dicht gefüllt. Nach dem Abendgebete uird nachdem Oberkantor Don Fuchs mit Chor- und Harmoniumbegleitung unter Leitung des Herrn Prof. Joseph Sülze r einige Psalmen vorgetragen hatte, hielt Oberrabbiner Herr Doktor M. Güdemann die Festpredigt. Dr. G ü d e m a n n wies aus die Herrschertugenden unseres Monarchen hin und sprach die Zuversicht aus, daß unsere tapferen Truppen den endgiltigen Sieg über alle Feinde de» Vaterlandes davontragen werden. Die Predigt, welche einen tiefen Eindruck machte, schloß mit einem Gebet für das Wohl des Kaisers und den Sieg unserer Armee. Den Abschluß des Gottesdienstes bildete die Absingung der Volkshymne. Im Anschlüsse an den Gottesdienst hielt der Vorstand der Kultusgemeinde eine öffentliche Plenarsitzung ab, in welcher der gesamte Vorstand und zahlreiche Festgüste anwesend waren. Präsident Dr. Alfred Stern hielt die folgende Festrede: „Verehrte Vorstandskollegen und Glaubensbrüder! Wir kommen aus dem Gotteshause. Wir kommen von einem Festgottesdienste, von einer Gedenkfeier, welche unser Herz, unsere Empfindung mächtig bewegte. Wir gedenken des Tages, an welchem heute vor 66 Jahren, nahezu zwei Dritteilen eines Jahrhunderts, unser erhabener Monarch Kaiser Franz Josef I. den Thron seiner Väter bestieg, und da tauchen vor unserer Erinnerung all die Wohltaten, die Segnungen auf, mit denen er in seiner unerschöpflichen Güte, in unwandelbarer Gerechtigkeit, in nimmermüder Sorgfalt seine Völker beglückte. Die Erinnerung vor allem an die uns Juden verliehene Gleichberechtigung, ein Gut, welches wir durch Jahrhunderte zu erlangen vergeblich angestrebt hatten und für dessen Erlangen durch sein kaiserliches Machtwort, durch Gesetze, welche seine Allerhöchste Signatur tragen, wir uns zu tiefstem, unauslöschlichem Danke für alle Zeiten verpflichtet fühlen. Glück und Segen erstehen mir für unseren Landesvater. Möge es ihm noch durch viele, viele Jahre, bis an die äußerste Grenze menschlichen Daseins beschieden sein, seines kaiserlichen Amtes zum Heile und Wöhle seiner Völker zu walten! Alle Völker unseres weiten Vaterlandes umringen heute den heißgeliebten Herrscher, in Wehr und Waffen scharen sie sich um den kaiserlichen Thron, bereit, Gut und Blut für Kaiser und Vaterland herzugeben, eine Opferfreudigkeit, welche uns Juden gleich allen Söhnen unseres Vaterlandes erfüllt und welche pflichtgemäß ganz und voll wir auch betätigen. Es ist eine ernste, schwere Zeit, in der wir leben, eine Zeit bedeutender, weltgeschichtlicher Ereignisse. Es ist, als ob im Norden der heranbrausende Sturm einer neuen Völkerwanderung hereinbreche, unser Vaterland überflute, ein Verschütten aller durch jahrhundertelange Kulturarbeit mühsam errungenen und aufgehäusten Segnungen der Zivilisation uns bedrohe. Dort im Nordett das weitausgedehnte Reich, denen maßgebende Führer die Vernichtung, die Ausrottung von Millionen seiner Untertanen als Ausgabe der Staatsverwaltung laut und öffentlich verkünden. Wenn wir in unserem Vaterlande, im zivilisierten Europa als Belange