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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-12-04 · 48 (4.12.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
48 (4.12.1914)
Date
1914-12-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 834 Tr. Bloch s Wochenschrift Nr. 48 lebens erst recht wünschen: denn nur ein hehres, erhabenes, über alle Menschenkinder schwebendes Haupt gibt mir die Sicherheit meiner Existenz, meines Zeins, meines Lebens? Das gilt nun schon für die Zeit des.Friedens zur Erhaltung der inneren Festigkeit des staatlichen Lebens. Es potenziert sich jedoch im Verhältnisse des Staates nach außen hin den anderen nachbarlichen Staatengebilden gegenüber. Der Satz bricht daher noch nicht damit ab, sondern vervollständigt sich erst in der Fortsetzung des Ausspruches, der da lautet: „Wie alle anderen Völker rings um mich her". Es kann dies und darf keineswegs in dem sinne einer Konzession an die Art und Staatsform der anderen Völker aufgefaßt werden. Ter Hinweis hat .eine tiefere, realere Bedeutung. Die anderen Staaten, die einen König an der Spitze haben, sind im Falle des Krieges in einem ungleichen Vorteil gegen das eigene Vaterland, daS keinen König hat. Daruni erfordert es dein Sicherheitsgefühl: „Du wirst sprechen, ich will mir einen König einsetzen, ganz so wie die a n d e r e n Völker rings um iu i ch h e r!" Darum ist der Wunsch ein berechtigter, ein solcher, der dir von der Liebe zum Vaterlande eingegeben ist; dann ist er nicht ein aus dem Nachahmungsgefühle herausgeborener: deine Sehnsucht ist eine heilige, eine erhabene, sie ist dir vom Verstände der Erkenntnis eingegeben, von deinem Patriotismus im Kriege. Der Patriotismus ist aber auch eine Gefühlsforderung. der Religion, und ohne irgend einer Religionsgenossenschaft an Bedeutung in dieser Hinsicht etwas nehmen zu wollen, kann konstatiert werden, daß die jüdische sich auf ein kaum übersteigbares Niveau hier erhoben hat. Sie konzediert dem fürstlichen Haupte des Vaterlandes, in welchem die Majestät des irdischen Gekrönten an die 'Seite der Majestät Gottes gestellt wird, eine Erhabenheit der Anschauung, die nicht überboten werden kann. Das Gebot: „Strebet für das Heil des Vaterlandes, in dem chr wohnet", hat der Prophet Jirmijahu, der den Sturz des ersten Heiligtum?« mit erlebte und die herzergreifendsten Klagen über denselben angestimmt hatte, dieses hier angeführte Gebot seinen ins Exil wandernden Brüdern mitgegeben, die es auch treulich eingehalten haben. Aber auch auS der Zeit der späteren Diaspora haben wir eine interessante Sage, die uns für den Geist der dynastischen Treue Zeugnis ablegt, der in denr jüdischen Volke heimisch ist. Einst hatten wir nämlich ein stolzes Wappen; es zeigte einen Löwen, den Löwen Juda's, er zierte das Wappenschild des davidischen Königshauses. Die Nachkommen desselben waren die Exilarchen und eigentümlichertveise erhielten diese ein anderes Wappen, welches wie eine Satyre auf den Löwen erscheinen müßte; es war eine Stechfliege. Und doch war es ein Ehrenzeichen besonderer Art, auf das wir in der Zerstreuung in allen Ländern stolz hürweisen können. Es enthält die sonderbare Geschichte unserer selbst unter Leiden bewährten dynastischen Treue. Es war nach mehr als sechs Jahrhunderten seit der Auflösung des zweiten jüdischen Staatslebens. Der Talmud war bereits abgeschlossen; an der Spitze der Schulen standen Männer, die den Titel G a o n führten. Aber auch das politische Leben war ausgezeichnet organisiert. Da stand an der Spitze der Gesamtheit der jüdischen Gemeinden ein Exilarch, aramäisch Re sch Galutha, der Fürst des Exils. Er war auch feiner Abstammung nach ein Fürst, denn er war ein Sprosse des Königs David. Alle Ehren eines solchen Prinzey. wurden ihm zuteil, und zu der erwähnten Zeit war es der mit dem seltenen phantastischen Namen B o st a n a i — d. h. Rosengarten! Hier setzt schon die Legende ein mit dem Traume deS Perserkönigs, der die Juden verfolgte und es besonders auf die Nachkommen aus dem Hause Davids abgesehen hatte. Da träumte er, nachdem er schon alle zu erschlagen geglaubt hatte, er sei in einem Rosengarten, in welchem er alle Rosenstöcke bis auf ein kleines Reis umgehauen hatte, und dieses wäre so schön gewesen und hätte ihm Himmelswonnen bereitet. Die Traumdeuter bezogen nun seine Vision auf das Haus Davids, welches er erbarmungslos ausgerottet hatte, und von diesem sei noch ein Sprößling da, der ihm einst so große Freude machen werde. Der König ließ nachforschen und es fand sich die junge Witwe eines getöteten Prinzen aus dem davidischen Hause, die einem Posthumus entgegensah. Der König nahm sie in seine Obhut und als ein Knabe zur Welt kam, erhielt er, dem Traume entsprechend, den Namen Boftanai. Herangewachsen, wurde er ein großer Gelehrter und babylonischer Exilarch. Die politischen Verhältnisse hatten sich geändert. Der große Khalif Omar hatte im Jahre 642 die persische Herrschaft gestürzt und Babylon in seine Gewalt bekommen, aber Boftanai blieb das Oberhaupt der Juden, er wurde von dem neuen Herrscher besonders ausgezeichnet, indem er ihm als Zeichen seiner Gnade D a r a, die Tochter des besiegten Königs Chosru, zur Frau gab und solchermaßen der Prinz auS dem Hause David eine Fürstin heiratete, deren Ahnentafel bis auf D a r i u s, den Gründer deS persischen Königshauses, zurückreichte. Aber Boftanai blieb von Verleumdung an dem neuen mohammedanischen Herrscherhause nicht verschont. Er wurde verleumdet — erzählt die Sage —, er sei ein Verräter. Der König ließ ihn vor sich ad audienduni verbum rufen. Der Exilfürst hatte keine Ahnung, worum es sich handle. Demnach stand er, wie gewöhnlich, demütig und unbeweglich vor dem König, seiner Befehle harrend.; ' j *} Da kam eine Stechfliege und setzte sich auf die Stirne des Exilarchen. Der König betrachtete ihn in dieser Stellung und sah, daß dieser, trotz der Stiche der Fliege, unbeweglich blieb. Sie stach auf ihn unbarmherzig los, er bewegte weder den Kopf, noch die Hand, um sie zu verscheuchen. Sie stach ihn wütend, so daß ihm daS Blut von der Stirne floß, der Exilarch rührte sich nicht, er blieb unbeweglich stehen. Verwundert frug der König, warum er diese Stechfliege nicht abwehre, und der Exilarch antwortete: „O Herr und König! Ich habe es von meinen Ahnen als heiliges Vermächtnis übernommen, seitdem wir selbst nicht Mehr regieren, dem regierenden Fürsten in tiefster Demut ergeben zu sein, selbst im Zeichen des gewöhnlichen Verkehrs keine Hand vor ihm zu erheben." Zürn ewigen Zeichen der Anerkennung seiner dynastischen Treue bestimmte er demselben für alle Zeiten die Stechfliege, als Symbol derselben, in das fürstliche Wappen. Dieses Zeichen hat das jüdische Volk immer symbolisch bewährt. Wenn wir auch von giftigen Stechfliegen umgeben waren, die uns peinigend und quälend umschwirrten, wir blieben dennoch unbeweglich vor dem Herrscherthrone und erhoben nie die Hand vor demselben, um ihnen zu wehren. Die Ehrfurcht vor dem gesalbten Haupte des Fürsten, die Treue zum Herrscherhause ist uns wichtigste Religionspflicht. Die Stechfliege blieb unser Wappen in der Diaspora, in welchem sich unser unentwegter Patriotismus symbolisierte.

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