Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 47 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 830 Dr. Moch's Wochenschrift . Nr. 47 Der Jüdische Nationalfonds. Wie seinerzeit bekanntgegeben, hat die Leitung des Jüdischen Nationalfonds bei Beginn des Krieges die Bureaus nach dern neutralen Ausland verlegt. Mit Rücksicht hierausHat auch Herr Justizrat Dr. Bo d e n he im e r den Vorsitz im Direktorium des Jüdischen Nationalfonds niedergelegt. Geldsendungen sind an die bisherigen Zahlstellen zu richten. zfeuMeton. Für die Kinder der Flora. (Im Jahrhundert des^Krieges.) i Schluß.) Blumenhändler und Kranzspenden. Wie aus Paris am 24. Juli 1911 gemeldet wurde, ist es dort in der letzten Zeit immer allgemeiner Brauch geworden, von der alten Sitte der Kranzspenden bei Leichenbegängnissen aüzusehen. Das paßte begreiflicherweise den Blumenhändlern nicht, und sie hielten eine große Versammlung ab, in der von mehreren Rednern ausgeführt wurde, daß die Herstellung von Totenkränzen und der Handel mit chnen 18.000 Menschen beschäftigten, und daß durch den neuen Brauch des Verzichtes auf den Blumenschmuck schon jetzt gegen 6000 Blumenarbeiter beschäftigungslos geworden sind. Die anderen 12.000 Arbeiter und Händler gehen demselben Schicksal entgegen. Die Versammlung ging nicht so weit, strenge polizeiliche Maßregeln gegen diejenigen zu fordern, die es unterlassen, den Sarg mit Blumen zu schmücken, aber sie nahm doch eine Tagesordnung an, in der sie mit sentimentalen Worteit die dichterische Schönheit des alten Brauches schildert und der Regierung anheimgibt, wenigstens die Seelsorger zu veranlassen, daß sie den Familien einschärfen, der alten Sitte treu zu bleiben.' Baron Gustav Rothschild. Aus Paris wird vom 1. Dezember 1911 berichtet: Unter großer Beteiligung fand heute um die Mittagsstunde die Leichenfeier für Baron Gustav Rothschild statt. Der im Ehrensaale des Palais in der Avenue Marigny aufgestellte L>arg mit den irdischen Resten des verblichenen Barons war von zahlreichen Mitgliedern der Familie Rothschild und 'vielen Freunden des Hauses umgeben. Im Trauerhause hatten sich eingefunden: Finanzminister Klotz, Pierre Caillaux als Vertreter des Ministerpräsidenten Paul Deschanel, der ehemalige Botschafter in Wien Loze, der österreichisch-ungarische Botschafter Graf S z e c s e n, der englische Botschafter Bertie, Paul Hervieu, Marcel Prevost, Salomon Reinach, Eduard D etaille. Bei der Bestattung am Pere Lachmse wurden, dem Wunsche des Verstorbenen entsprechend, keine Reden gehalten. Rabbiner Dreysus sprach das Totengebet. Auch Blumen und Kränze waren verbeten worden. Aus Paris, wo vor einigen Jahren noch die „Göttin der Vernunft" das radioaktive Szepter führte und wo jetzt die höllentstiegenen Geister des bestialischen Hasses und der rasenden Rachebegier hausen und von wo ein geflügeltes Wort durch die Welt ging, das gegenwärtig aktuell geworden. In einer parlamentarischen Debatte rief nämlich ein Heißsporn: „Paris ist das Hirn Frankreichs!" „Ja," unterbrach ihn ein gewaltiger Redner, „Paris ist das verbrannte Hirn Frankreichs!" Armes, argbetörtes Frankreich! Ein prächtiger Spruch von dir lautet: Ni dup, ni complice! und du ließest dich von Rußland düpieren und von England zum Mitschuldigerl seiner infamen Perfidie machen! Rußland hat dich um dein Geld gebracht und England lvill dich verbluten lassen — (Geld und Blut bedeutet das Wort „Domim"). um bann allein Neptuns Dreizack über alle Meere zu schwingen und großsprecherisch in die Welt sein Quo* ego! hinauszurufen — und alles das in diesem heiligen, dem Zweibunde durch unerhörte Niedertracht aufgezwungenen Kriege, den unsere Monarchie und Deutschland nicht nur für den eigenen Fortbestand, sondern auch für die kostbarsten und höchsten Güter der Menschheit, für das Heil und Gedeihen, für den Aufschwung und den dauernden Frieden der ganzen gesitteten Welt, ehrlich und ehrenhaft, mit beispielloser Heldenhaftigkeit führen. Beinahe ganz Europa steht ja in Kriegesflammen. Und wo die. grelle, gräßliche Lohe noch nicht von Orkanen wildester Leidenschaften gepeitscht himmelan schlägt, da glimmt und knistert es gar bedenklich schon unter der Asche. — Welcher Wundervogel Phönix wird aus der Asche des entsetzlicher: Weltbrandes emporsteigen? . . . Die besprochene Mahnung hatte ihre Spitze einzig und allein gegen den dem altjüdischen Gebote und Gebrauche widerstreitenden und widerstrebenden maßlos verschwenderischen Blumenprunk bei jüdischen Leichenbestattungen gerichtet. Dem Dr. Pl. lag es ganz ferne, auf Gebräuche bei anderer: Konfessionen irgendwie anzuspielen oder Einfluß zu üben. Der echte und rechte Jude ehrt und achtet, was andern heilig ist, er betrach!- tet religiöse Frager: eines anderer: Bekenntnisses, welche nur dieses angehen, als ein noli me tangere und hütet sich wohl, wenn solche in parlamentarischen Verhandlungen oder in der Presse zur Diskussion kommen, durch Mangel ar: Takt und schuldige Rücksicht die Nichtjuder: zu reizen oder zu perletzen und dadurch den Geist, die Ehre, das Anseher: des Judentums zu schädigen. — Zusehen, wie ganze Blumenlawinen in offene Gräber hinabkollern, in Schollen und Schlamm eingestampft werden, eine Beute für Wind und Wetter, bei einem solchen Anblick U:uß sich jedes menschlich fühlende, paturfreundlich gestimmte Herz krampfhaft zusammenzieher:. Diese Empfindung, in welcher zarte Gemütssaiten mitvibrieren, ist eine interkonfessionelle. Weit ab vor: dem Einscharren ganzer Blumengärten in die Erde liegt die fromme, ethisch und poetisch verklärte Sitte, am Allerseelentage als rührendes Symbol dafür, daß die Heimgegangenen in dem wehmütigen Gedenken der Zurückgebliebenen fortleben, Blumengrüße, allerdir:gs ohne verschwenderischen Ueberschwang, auf die Gräber teurer Dahingeschiedenen zu legen ... Die hochherzige Gräfin Wels-Colloredo machte Ende September l. I. den Vorschlag, den Betrag für alle Kranzspenden, die am Allerheiligen- und Allerseelentage aus den Gräbern niedergelegt werden sollen, dem „Roten Kreuz" zu widmen und empfiehlt ihren Vorschlag, der auch in Wiener Tagesblättern Aufnahme fand, mit sehrschönen Worten. Dabei dachte sie gewiß an Lessings bedeutsames Wort: „Weniger wäre mehr!" Vor einigen Tagen haben hier edelherzige Damen ihrer Widmung für Kriegszwecke den feinsinnigen Ausdruck zum Begleiter gegeben: „Für vereinfachten Gräberschmuck", und so für das rechte Tun das rechte Wort gefunden. Warum all diese Umstände und Begleiterscheinungen einfacher, durchsichtiger Selbstverständlichkeiten betont wurden, darüber mag ein Auszug aus einem Briefe aus Kunst und Handelsgärtnerkreisen, der kürzlich u. a. an Dr. Pl. gelangte, Auffchluß geben: „Mit Genugtuung