Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 47 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 825 werden. Es erweist sich immer wieder, daß unsere Egerer Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession in bezug des Gebens nicht ermüdet, was ihr gewiß zu großer Ehre gereicht. Anfällige Spenden zugunsten der Flüchtlinge in Eger sind zu richten: An das israelitische Frauenkomitte in der Vigognespinnerei und Hecrn Doktor Kraus, Advokaten, Bahnhofstraße 24 -26. In der Vigognespinnerei surrt und summt es wie in einem Bienenhaus den ganzen Tag bis in die späte Nacht hinein. Nicht nur den Flüchtlingen, auch von anderen Leuten wimmelt es dort. Sie bringen Schuhwerk, Kleider und Wäsche, Brot und Obst; ja selbst Soldaten, nicht gerade jüdischer Konfession^ kommen und bringen den Armen Kommißtabak. „Wer ist der Herr?" fragte ein alter Jude einen Soldaten, den Spender mehrerer Tabakpäckchen: „Ich bin kein Herr", gab der Soldat zurück, „ich bin ein gewöhnlicher Soldat und habe in Galizien, wo ich meine Militärzeit verbrachte, viele Wohltaten von Juden genossen, also möchte ich meine Schuld halbwegs auf diese Weise abtragen." In einem Zimmer des 1. Stockes etablierte .sich ein Frauenkomitee, das die Spenden entgegennim!mt und sie an die Dürftigsten verteilt. Allerdings bedarf es eines besonderen Scharfblicks, wenn auch Buch über die abgegebenen Gegenstände geführt wird, um nicht düpiert zu werden. Denn die einen stürmen heran, so oft etwas zur Verteilung gelangt, die anderen sind verschämt und verabscheuen das Sichvordrängen, weswegen sie in den meisten Fällen — bis die Kontrolle klappen wird — die Verkürzten bleiben. Ein etwa 18 jähriges Mädchen wurde von einer alten 'Frau gedrängt: „Gai doch Maiderle, du kriegst a Jäckel", und nur mit Widerwillen ging die Gedrängte hin; und als man ihr das „Jacke!" anpaßte, fing sie bitterlich zu weinen an. „Ach Gott, ich soll „nehmen" müssen! In meinem Elternhaus hatte ich alles und auch die Armen verließen vollbeladen unser Haus!" Auch sonst wurde beim Verteilen von gesottenen Eiern und Tee bemerkt, daß mehrere Leute abseits standen; befragt, warum sie nicht ihre Portionen abverlangen, erwiderten sie, daß sie in ihrem ganzen Leben noch nicht die Hand nach einer fremden Gabe ausstreckten. Viele von den Flüchtlingen haben sich übrigens bereits in Privatwohnungen einquartiert und lehnen .jede milde Gabe und Unterstützung rundwegs ab. Für die aber, die in der Vigognespinnerei bleiben müssen, wäre es allerdings nötig, daß die Lokalitäten, die bisnun jeder hygienischen Vorschrift spotten, hergerichtet und möglichst wohnlich gemacht werden. Montag wurden sämtliche Frauen und Kinder auf ihr dringendes Verlangen in Dampf- und Wannenbäder geschickt; eine Dame vom Komitee beschäftigte sich mit dem Waschen und Reinigen der Kinder, deren Mütter nicht zugegen sein konnten, und Dienstag wurden auch die Männer dahin geschickt. Unserem Vernehmen nach benahm sich der Besitzer des Bades äußerst liebenswürdig und zuvorkommend gegen die Flüchtlinge, wofür ihm öffentlicher Dank an dieser Stelle gesagt wird. Man muß sich denken, wie ungemütlich den Armen sein muß, wenn sie vom Bad — in dieser unwirschen Zeit — zurückkehren und im ungeheizten Raum auf Steinfließen verweilen filüssen. Allerdings wurde ihnen Dienstag von der löbl. Kultusgemeinde ein großer Sparherd aufgestellt, auf welchen sie die Küche halbwegs werden versorgen können. Wie diesbezüglich das Richtige getroffen wird, da jede einzelne Familie eine gewisse Selbständigkeit im „Haushalte" zu bewahren wünscht, ist momentan noch unklar. Für Dienstag abends um 8 Uhr war im „Kronprinz Rudolf" eine Generalversammlung des israelitischen Frauenvereins angesagt, wozu jedermann eingeladen war. In bicfeJr Versammlung sollten Mittel und Wege gefunden werden, um den Miseren möglichst rasch Abhilfe zu schaffen. Dienstag nachm, wurde bereits die Frau eines Flüchtlings zu Grabe getragen. Einige Herren Doktoren unter Führung des Herrn Dr. Zentner beschlossen, ein Rechtsschutzbureau zu gründen, um die Familien, die ihre Mitglieder verloren, zu den Vermißten zu verhelfen. — Es bleibt noch zu erwähnen, daß. die verehrten Damen vom Roten Kreuz unter Führung der Frau Präsidentin Hoftat Hoffmann Sonntag am Bahnhofe beim Empfang der Flüchtlinge anwesend waren und den Angekommenen Labungen verabreichten, wofür hier öffentlicher Dank quittiert wird, ferner werden Parteien, die leere Zimmer stehen haben, höflichst gebeten, selbe bei Herrn Kultusvorsteher Löwy anzumelden. E^ählt wird alles im vorhinein.- Bettgestelle und Strohsäcke mangeln und könnte mancher ein gutes Werk tun, solche leihweise zu überlassen. Dderberg-Bahnhof. Galiziens flüchtende Bevölkerung Hgibt den im sicheren Hinterlande Daheimgebliebenen wohlbegründeten Anlaß zur Entfaltung der privaten Wohltätigkeit. Mag aber die Hilfe den in Not Geratenen zu jeder Zeit genehm sein, am willkommensten ist sie doch, wenn sie die erste ist. Der Ruf nach der ersten Hilfe schuf in unserem verkehrpolitisch wichtigsten Orte Oesterreichs seine notlindernde Institution: das israelitische Hilfskomitee. Unter der rührigen und ausgezeichneten Leitung des Herrn Rabbiners Dr. Friediger, seit dem Beginn der Mobilisierung wirkend, ist es nicht nur für die Wehrpflichtigen, sondern insbesondere für die notleidenden Flüchtlinge zum Segen geworden. Will man die große und segensreiche Wirksamkeit dieses Komitees, dem neben dem Obmann Dr. Friediger und dem rastlos tätigen Kultusvorsteherstellvertreter Josef Zänker, noch die Damen Frau Dr. Friediger, Charlotte Zänker, Olga Haas, Rosa K oh y> Gisella Sme 1 ana und die Herren Sigmund Eichenbaum und Ignatz Kohn angehören, richtig würdigen, so muß daraus hingewiesen werden, daß der Bahnhof Oderberg auf der Wanderung der Flüchtlinge die erste Ruhepause und zugleich die allererste Quelle des Rates bedeutet. Mit großer Umsicht steht das Komitee den in Not Geratenen mit Rat und Tat behilflich bei und führt, dank dem fteundlichen Entgegenkommen der Grenzpolizei-Erpositur, alles was im Interesse der Flüchtlinge für notwendig erscheint, durch. Aus diese Weise konnte man den Wünschen einer großen Zahl dieser Flüchtlinge gerecht werden, und sie alle werden dankbar der Hilfe gedenken, die ihnen hier zuteil geworden ist. Einige Schwierigkeiten ergeben sich jetzt allerdings für das Komitee dadurch, daß es nicht in, der Lage ist, materielle Unterstützungen zu gewähren, wie dies bis jetzt der Fall war. Das Komitee hatte die reichlichen Mittel bis jetzt ausschließlich aus seinem eigenen Kreise aufgebracht und die weitere Oeffentlichkeit nicht in Anspruch genommen. Nun aber sind die Mittel erschöpft, weshalb wir die Wohltäter bitten, die Wirksamkeit des Komitees durch Zuwendungen zu unterstützen. Spenden sind zu richten an die israelitische Kultusgemeinde Oderberg- Bahnhof, für das israelitische Hilfskomitee. Oderberg-Bhf., 17. Nov. 1914. An die verehrt. Redaktion der „Oesterreichifchen Wochenschrift" Wien. Zn dem traurigen Los, das unsere Glaubensgenossen aus Galizien getroffen, gesellt sich in unzähligen Fällen die Tragik, daß Eltern und Kinder, Männer und Frauen einander verloren haben. Nur in wenigen Fällen hat die Zeitungsannonce das gewünschte Resultat gezeitigt. Um die einzelnen Familienmitglieder wieder zusammenzuführen, erlaube ich mir folgenden Vorschlag zu machen: Aus irgend einer Zentrale ergeht ein Aufruf an alle Gemeinden, in denen Flüchtlinge sich befinden, binnen angegebener Frist die Namen und den Wohnort derselben aufzuzeichnen und diese Liste der Zentrale einzusenden. Diese Listen würden in alphabetischer Reihenfolge der Namen als ein Büchlein herausgegeben und an die Interessenten gratis verteilt. Es würde mich freuen, wenn mein Vorschlag bald konkrete Form annehmen könnte. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. M. Friediger, Rabbiner. Prachatitz. Die galizisch-jüdischen Flüchtlinge in Prachatitz in Böhmen haben sich ganz nach ihren religiösen Bedürfnissen eingerichtet. Aus dem Briefe eines der Führer dieser Flüchtlinge an Herrn David F a n t l, Bethausvorsteher in Wolin, entnehmen wir: „Wir find himmelsfroh, daß wir es so weit brachten und schon einen Schächter besitzen, und wäre es uns sehr darum zu tun, noch ein S e f e r Thora zu erhalten. Wir hoffen daher, daß Sie, hochgeschätzter Herr Vorsteher, uns diesen Wunsch erfüllen und uns baldmöglichst diese Sefer Thora zukommen lassen werden. Wir verbleiben, Ihnen hiefür tausend Dank sagend, untertänigst Für die Flüchtlinge aus Prachatitz. Es offenbart sich hier wiederum das tiefe religiöse Bedürfnis, welches im galizischen Juden festgewurzelt ist; selbst in den traurigsten Verhältnissen bemüht er sich, dieses religiöse Bedürfnis zu befriedigen. Herr Vorsteher F a n t l hat selbstverständlich sich beeilt, dem Wunsche der galizischen Flüchtlinge in Prachatitz zu entsprechen, und ein Mitglied der Gemeinde Wolin hat das Sefer Thora persönlich an Ort und Stelle überbracht. Durchreise von jüdischen Flüchtlingen in Budweis. Am 13. d. M. kamen mit dem um 3 Uhr 45 Min. abends eingetroffenen beschleunigten Lastzüge aus Prag 400 Flüchtlinge aus Galizien, der Mehrzahl nach aus Krakau, an, welche mit dem um 9 Uhr 15 Min. abgelassenen Zuge nach Krummau weiterfuhren und in der