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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-11-27 · 47 (27.11.1914) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
47 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seie 824 Bloch's Wochenschrift Nr. 47 .,Das goldene Wiener Aerz". Wir Galizianer haben nicht selten vön dem ,-goldenen Wiener Herz" gehört, aber es klang uns immer nur wie ein Märchen aus ülten Büchern, wo goldhaarige Feen mit holdseligem Lächein schmerzen heilten und Not linderten. Wohl beteuerten viele, sie hätten sogar während ihrer Anwesenheit in Wien jene ,,Wohltätigkeitsfeen" mit eigenen leiblichen Augen gesehen, döch es fehlte uns zu dieser Botschaft der Glaube. Erst während der Schenkern deputätion sahen wir die Wieder Wohltätigkeit durch so viele Augen, däß wir an deren Existenz nicht mehr zweifeln konnten. Eie offenbarte sich vor Tausenden von Menschenkindern und jahrelang erzählten die Leute von der Wiener Wohltätigkeit und Liebenswürdigkeit. Im Gründe jedoch war es damals mehr Gastfreundschaft als Wohltätigkeit, da fast alle Teilnehmer an der großen Deputation Zehrgeld ustd eine Heimat besaßen. Gigantisch offenbart sich die echte Wiener Wohltätigkeit seit mehreren Wochen anläßlich der Flucht der Galizianer und Bukowinaer, und jüst in der Form, wie sie Saladin in Lessings „Nathan der Weise" wünscht, daß „hold" gegeben und nicht nach der Ursache der Armut gefragt wird. Unermüdlich und unverdrossen „arbeiten" die Fürsorgebureaus wie unsere tapferen Soldaten auf dem Felde. Soldat ist jetzt einmal jeder, welcher sich anläßlich des Krieges betätigt. Nannte doch Unlängst ein Wiener Journalist die Flüchtlinge selbst ,,Soldaten ohne Waffen". Bewunderungswürdig sind eben die ,,Fürsorgesoldaten", welche in den Bursaus und draußen auf den Bahnböfen Uüd Gassen die Flüchtlinge abholen und unter Dach bringen. Es gehört eine eigenartige Energie dazu die Ellergie der Sanftmut. Es ist gar nicht so leicht, unter einem Bombardement von Fragen und Wünschen einer Schar nervöser Flüchtlinge zu stehen und die Antworten näch allen Seiten geduldig und zärtlich auszuteilen. Am meisten imponieren Uns die Unermüdlichkeit der Fürsorgesoldaten (worunter auch unsere braven Galizianer dienen), die Permanenz der Treue, die Stetigkeit der Güte. Nie wird Mir das Bild aus dem Sinne kommen, wie eine hübsche Wiener Dame im Bezirksamt II einer nicht gerade sauberen polnischen Jüdin ein in Windeln gewickeltes Kindchen entriß und damit im Korridor herumtänzelte, um es zu beschwichtigen, und dessen blaue Augen bewunderte. Die Philanthropie wirkt Wunder wie die Liebe. Sie ist ihr verwandt, weil sie ihr entstammt. Die edlen Spender und „Verteiler" wissen vielleicht gar nicht — oder wollen es nicht wissen —, welch großes Werk sie leisten. Sie erfüllen eine Pflicht, die ihnen die Humanität auferlegt. und denken weiter nicht daran. Aus Dankbarkeit möchten wir, daß sie bei jeder Tat die Freude empfänden, die eine Guttat im Gefolge hat. Nichts ist süßer als Wohltun, und Glück empfängt, wer Glück gibt. O, empfänden sie alle, alle die Wonne des Wohltuns!! Einen anderen Dank haben wir für jene Edelmenschen nicht. Die galizischen und bukowinischen Flüchtlinge werden von dem „goldenen Wiener Herz", von den Wiener und galizischen „Fürsorgesoldaten" und „Wohltätigkeitsfeen" ihren Kindern (nein, diese erleben es ja mit), ihren Kindeskindern mit Tränen der Rührung erzählen. N. Lothringer. Die galizischen Klüchtlinge in Eger. Auch nach Eger, der Hochburg Schmierers, sind galizische Flüchtlinge dirigiert worden und wir erachten es für unsere Pflicht, der dortigen christlichen Bevölkerung für die menschenfreundliche Aufnahme dieser Märtyrer des Krieges öffentlich Dank zu sagen. Den dortigen deutschradikalen und Schöncrerianischcn Blättern entnehmen wir nachstehende Berichte: Ankunft polnisch-jüdischer Flüchtlinge in Eger. Sonntag den 15. d. M. kamen im Verlaufe des Vormittags 335 polnisch-jüdische Flüchtlinge an und wurden in der Vigognespinnerei untergebracht. Es sind zumeist ältere Leute, Frauen und eine Unmasse von Kindern verschiedenen Alters. Die wehrfähigen Männer jedoch stehen zumeist in der Gefechtslinie. Sie waren mehrere Tage auf dem Transport, ihre christlichen Leidensgenossen stiegen in Olmütz, Ehotzen und Pardubitz aus, die jüdischen wurden nach Karlsbad, Kaaden und Eger gebracht, woselbst ihnen vermutlich ein längerer unfreiwilliger Aufenthalt beschieden sein wird. Die meisten sind von den Bezirkshauptmannschaften Tarnow und Böchnia ustd ward ihnest von dsn Behörden die Flucht äufgetrcigem Eitler 8er Flüchte linge erzählte, daß er bereits 19 Tage in Kölbüszöwa bei Rzkszöw unter der brutalen Herrschaft der Kosäkest oäs Leben fristen mußte. Es war eine Schreckenszeft, versicherte der Erzähler,-, Mord, Raub, Brand und Schändung der Frauen waren von Wüstlingen täglich verübt worden. Gänz besonders scharf gingen die Rohlinge gegsn die Juden, die überall als österreichische Patrioten gelten, vor.- Drift angesehene Juden wurden am Marktplatz niedergeknallt. Auch vier polnische Notabein wurdest als Geiseln nach Rußland geschleppt. Von ihren irdischest Gütern konnten die Armen nur wenig an sich bringen, sie mühtest alles stehen und liegen lassen, nur den Kinderreichtum (viele von ihnen besitzest 10, . äuch 12 Kinder) retteten sie voll u,nd ganz, mit Ausnahme vckn ein,- zwei Parierest, die bei Herrn Rabbiner Dr. Erünfeld in Eger den Verlust einiger Kinder anmeldelftr. Einigen Frauen offenbarte sich auf der . langwierigen Reise der Storch und sie mußten auf verschiedenen Stationen auswaggoniert werden. Am Bahnhof empfing die Flüchtlinge Herr Kultusvorsteher Löwy mit einigen Vorstandsmitgliedern, auch erschienen von der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Eger die Herren k. k. Bezirkskommissär Dr. Neudert, k. k. Oberbezirksarzt Dr. Beck und k. k. Statthallerei-Konzipist Dr. Köppl Natürlich fehlte es bei dieser Gelegenheit auch an Neugierigen nicht. Das Aussehen dieser Aermsten war ein so klägliches, daß man viele bon den Zuschauern laut schluchzen hörte. In der Vigognespinnerei fanden sich sogleich mehrere Vorstandsdamen des isr. Frauenvereines ein und verabreichten den, ausgehungerten und vor Kälte halb erstarrtest Flüchtlingen eine Jastse; gegen Abend erschien Herr k. k. Konzipist Dr. Köppl und verzeichnete die Generalien derckrdie in Hotels zu übernachten. wünschten. Diese Parteien mußtest sich ausweisen, daß sie über eine Mindestsumme von 200 Kronen verfügen. Alle andern mußten sich mit einem Ströhläger v begnügen. Herr Dr. Köppl beänstästdete, daß eine Frau eine Kerze anzündete, da doch eiste Festersgefahr zu befürchten ist; darauf sagte die Frau: „Sie sehen ja, gnädigster Herr, daß mein Sahst das Abendgebet verrichtet. Ich leuchte ihm dabei und bis er sein Gebet beendet, will ich sofort die Kerze aüslöschem" Der Betende jedoch kümmerte sich um das Gespräch nicht und setzte seine Andacht fort. — Es steht wohl auch zu erwarten, daß die Gemeindevertretung ist Eger ihre Unterstützung den Aermsten der Armen, die dem- Väterlande die größten Opfer brachten,, angedeihen lassen wird, zumal die jüdischest Staätsangehörigest sich vön keiner Wohltätigkeitsveränstaltustg ausschließen ustd freudigen Hekzests geben ustd wieder geben. - Mittwoch den 18. d. M. gegen 2 Uhr nachmittags langte in Eger ein neuerlicher Trupp von polnisch-jüdischen Flüchtlingen ein, von dem 130 Personen nach Pograth, 100 nach Wies weiterbefördert und 73 dem Massenquartier in Eger zugesührt wurden. Das Aussehen dieser Flüchtlinge ist noch jämmerlicher als das des ersten Trupps. Angst und Verzweiflung sprechen aus den Zügen dieser der Heimatscholle Beraubten. Mit vor Kälte klappernden Zähnen standen sie am Bahnhof. Weinende Kinder, auch elternlose, verzweifelte Greise, zumeist in mangelhafter, zerschlissener Gewandung. So starrten sie uns an, ohne zu wissen, ohne zu fragen, welchen Plan wir mit ihnen habem' Zu ihrem Empfange waren am Bahnhofe anwesend: Kultusvorsteher Löwy mit mehreren Herren vom Kultusvorstande, Hosrat Kaiser, Doktor N e u d e st t, k. k. Oberbezirksrat Dr. Beck und die verehrten Damen vom Roten Kreuz unter Führung der Frauen Hofrat Ho ff mann und Dr. Stanka, die in liebenswürdigster Weise den Angekommeinen Labungen verabreichen, Herr Doktor Stanka, der Sonntag bei der Ankunft der ersten Flüchtlinge erschienen war, was wir bei dieser Gelegenheit gerne nachtragen, war diesmal verhindert. Montag den 16. d. M. um 8 Uhr abends fand im „Kronprinz Rudolf" eine überaus gut besuchte Generalversammlung, vom Vorstande des israelitischen Frauenvereins einberufen, statt, zu der auch Fräulein von Schosulan mit mehreren Vorstandsdamen vom Roten Kreuz erschienenen war- Mittwoch 8 Uhr abends fand sich der Vorstand der Kultusgemeinde im gleichen Lokale zu einer Besprechung ein, bei welcher nachstehender Beschluß gefaßt wurde: Nach vielen Erwägungen wurde es den Beratenden klar, daß nur eine Massenausspeisung ersprießlich sein kann und dem idealen Bestreben, jeder einzelnen Familie eine gewisse Selbständigkeit im Haushalte zu belassen, leider als unmöglich keine Rechnung getragen werden kann. Nachstehende Herren wurden zu Sektionsvorständen gewählt: Kultusvorsteher Löwy zum Obmann aller Sektionen, Dr. Grünfeld Wohlfahrt, Doktor G r ü n h u t Rechtsschutz, Dr. Zentner Küchenverwaltung, Doktor Glaser Medizin, Dr. Kraus Finanzen, Ferd. K o r e tz Spedition, Viktor Gelber Polizei, Oberkantor Wilkowitsch Berichterstattung und Verdolmetschung, Wilhelm Herrmann Wirtschaft, Isidor Springer, Spenden. Als Sektionsvorständc wu de für Pograth Herr Hugo K arpeles und für Wies Herr Josef Lenk gewählt. Von einem Aufruf an die Bevölkerung von Eger und Umgebung um Zuweisung von Spenden für die Flüchtlinge konnte Abstand genommen werden, da ohnedies großzügige Spenden, die nach und nach ausgewiesen werden, dem israelitischen Frauenkomitee ununterhrochen überwiesen

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