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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-11-27 · 47 (27.11.1914) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
47 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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I ©eile 813 Dr. Bloch « Schwatmlinie. Ich schreite in der Mitte der Schwarm - linie. Wir gehen vor, die Kugeln pfeifen von allen Leitern Ein 27 er Leutnant führt russische Gefangene zurück, wir rufen ihm ein kräftiges Hoch zu und gehen vorwärts.. Im größten Feuer erreichen wir die erste Schwarmlinie, rechts eine Kirche, links auf einer Höhe der Feind: der erste, der von meinem Zuge fällt, war ein Mann namens Meie r, dem eine Kugel den Kopf zerschmetterte, der zweite ein Lehrer namens D u s. Wir aber stürmen vorwärts. In der ersten Linie, im größten Feuer rauchen wir eine Zigarette an. Ich verteile meineir schwarzen Kaffee unter meinen Leuten, ein Lehrer namens Burger beginnt im Schützengraben einen Witz zu erzählen, mitten drin unterbricht er ihn uird sagt: „Jetzt schieße ich erst, dann werde ich den Witz fortsetzen." Er schießt, aber er setzt den Witz nicht fort, er verstummt, er ist tot. Neben mir trinkt Blau von meinem Kaffee, er will mir eben die Flasche zurückreichen, läßt sie jedoch fallen, eine Kugel traf feine Brust. Zwei Seufzer und dann ist's mit ihm zu Ende. Wir nehmen ihm die Patronen ab. Wir befiirden uns in fürchterlichen: Feuer, wir gehen vorwärts, dann wieder zurück in die Deckung. Zugsführer Stockmann zieht seine Mütze, kniet nieder: „Herr Kadett, zum Gebet!" Rechts, links, vor unS der Feind. Von allen Seiten kommt Kugelregen. Wir glaubten, daß kein einziger von uns von hier lebend fortkommt. Wir feuern liegend, kniend, stehend. Endlich kommandiere ich Sturm. Die Jungen stürmen wie Helden vorwärts gegen den russischen Schützengraben. Das Bajonett war auf die Flinte gepflanzt, aber inzwischen hielten wir auch, um'zu schießen. Das war der schönste Augenblick in meinem Leben, als wir bei den Russen anlangten. Sie pflanzten weiße Tücher auf ihre Bajonette, hielten die Hände hoch und warfen alle Gewehre von sich. Der eine umklammerte meine Knie und jammerte: „Auch ich bin ein Deutscher, mich zwang man, gegen meine Brüder zu kämpfen." Ich lasse die Gefangenen hinter unsere Front transportieren und stürme dann ins Dorf hinein. Im Kirchturme arbeitete ein russisches Maschinengewehr. Drum los, hinauf mit es zu holen. Zwei Maschinengewehre und die ganze Mannschaft nahmen wir gefangen. Wieviel deren waren, fei nicht bös, lieber Freund, aber ich hatte wirklich keine Zeit, sie abzuzählen. In einer kleinen Vertiefung fand ich unseren armen Hauptntann Andor Wettstein. Der Arme lebte seine letzten Minuten. Noch abends vorher sprachen wir von unseren gemeinsamen Szegediner Bekannten Max Weiner, Bak usw. Und jetzt.... Unter furchtbarem Kanonendonner bringe ich meine Leute in Ordnung. Nach unserem siegreichen Kampfe kehren wir in das Dorf zurück." „Als ich von ihm Abschied nahm," erzählt der Journalist weiter, „übergab er mir ein abgenütztes Notizbuch mit Leinendeckel. Sein Tagebuch. Ich ersehe daraus, daß er am Verföhnungstage auf dem Kampfplatze zum Fähnrich befördert wurde. Jetzt ist er zur königlichen Auszeichnung vorgeschlagen und wird in kurzer Zeit auch befördert werden. Als er bescheiden meinte, daß er um diese Auszeichnung nicht ansucht, sagte sein Major: „Wenn du es nicht verdienst, dann verdient es niemand! Auch Erzherzog Josef belobte ihn einmal vor der Front. Ich blättere in dem zerknitterten Notizbuch und lese die mit Bleistift hingeworfenen Zeilen: 20. September. (Sonntag abend.) Brachte ich 10 Männer zusammen, beteten bei einem jüdischen Gastwirt. Heute abend haben wir Neujahr. Wer weiß, was sie zu Hause machen? Gestern erst bekam ich zum erstenmal Brief. Wochenschrift Nr. 47 21. September. Marsch. Wir kommen durch mehrere kleine Ortschaften, wo meine Glaubensgenossen sich anschicken, in den Tempel zu gehen. Auch wir haben gebetet. 20. September. Wir wollen feiern, aber eS geht nicht. Gegen abend kommen wir beiin Gastwirt zusammen, 3 Offiziere und 20 Mann. Ich bin der Vorbeter. Wir singen auch das Kol-Nidre. 30. September. Jomkippur. Fastend marschieren wir von Mißlitz nach Cirokabela. Unterwegs beten wir mit dem Gebetbuch in der Hand. Wir begegnen Szekler Soldaten, sie führen Munition auf Wagen. Die jüdischen Soldaten sitzen nicht auf dem Wagen. Ein Korporal geht hinter dem Wagen im Tallis und betet. Als er mich einholt, frug er mich: „Herr Kadett! Kommen wir zu Mussapy ins Dorf?" Wir kamen rechtzeitig an. Beinr Dorfwirt halte ich Gottesdienst ab. Während desselben werde ich zum Fähnrich ernannt. Des Nachts schlafen, wir 7 Leute in dem kleinen Zimmer, ein glänzendes, königliches Quartier. Wir essen ein Feiertagsnachtmahl. . . ." Das reichsdeutsche Wote Kreuz gegen den Antisemitismus. In den ersten Kriegswochen wurden verschiedenfach aus jüdischen. Kreisen Beschwerden lnut, die von einer antisemitischen Behandlung in verschiedenen Organisationen des Roten Kreuzes berichteten. Das „Israelitische Familienblatt" in Hamburg teilt nunmehr einen Erlaß des Herrn Generalleutnants v. Pfuel, des Vorsitzenden des Zentralkomitees des preußischen Landesvereines pom Roten Kreuz,, mit. Er ist,für die einzelnen Abteilungen des Kontrollkomitees bestimmt und lautet: „Zentralkomitee des preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz. Schon mehrfach sind Beschwerden laut geworden über eine kränkende Behandlung von Angehörigen des israelitischen Glaubens durch Mitglieder des Roten Kreuzes in Berlin. Nicht nur in den ersten bewegten Tagen der Mobilmachung seien solche Fälle vorgekommen, sondern bis in die letzten Tage. Diese Fälle haben sich nun zu bestimmten ernsten Anklagen verdichtet, die heute von maßgebenden Vertretern der hiesigen israelitischen Gemeinde bei uns in glaubwürdiger Weise erhoben worden sind. Es handelt sich beispielsweise darum, daß Bittsteller bei Bejahung der Frage, ob sie Israeliten seien, den Bescheid erhielten, sir möchten sich an teils schon im Frieden verhanden gewesene, teils erst für den Krieg geschaffene israelitische Anstalten und Vereine wenden. Diese Mitteilungen haben uns aufs peinlichste berührt. Das Rote Kreuz ist interkonfessionell, die in die Erscheinung getretenen Zeichen von Unduldsamkeit widersprechen vollkommen seinem Geist und ebenso der Allerhöchsten Willensmeinung unseres erhabenen Protektors, Seiner Majestät des Kaisers und Königs. Eine Erklärung für diese Vorkommnisse ist vielleicht in dem Umstande zu finden, daß seit Ausbruch des Krieges das Rote Kreuz in großer Anzahl von Damen und Herren bei der Arbeit unterstützt wird, die seinen Vereinigungen nicht angehören und mit seinen Grundsätzen daher weniger vertraut sind. Jedenfalls aber tritt an alle unter dem Roten Kreuz tätigen Damen und Herren die dringende Pflicht heran, dafür Sorge zu tragen, daß bei ihrer Arbeit niemand in seinem religiösen Empfinden verletzt wird. Wir Deutsche wollen doch zu Hause in der Erfüllung unserer, großen Ausgaben der Nächstenliebe ebenso einig zusammenstehen, wie unsere Kriegsmacht draußen. Der Vorsitzende: gez. v. P f u e l." Anteil der deutschen Juden am gegenwärtigen Krieg. In der vierten Kriegssitzung, die der Mi.'itärverein Deutsches Baselland im Marinehaus am Kölnischen Park veranstaltete, sprach Rabbiner Dr. Blumenthal über den Anteil der deutschen Juden am gegenwärtigen Kriege. Er hob dabei besonders, hervor, daß noch keine amtlichen Unterlagen über die Zahl der im Felde stehenden Juden und über Verwundungen und Todesfälle der jüdischen Soldaten vorhanden seien. Zwar hätten große jüdische Verbände Fragebogen an alle jüdischen Gemeinden in Deutschland gesandt, doch sei das auf diesem Wege erhaltene Material sehr lückenhaft. Vielfach seien überhaupt keine Antworten eingegangen.

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