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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-11-27 · 47 (27.11.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
47 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 47 Seite 8 4 Von solchen Grundsätzen ausgehend, entwickelte sich auch die Armenpflege unter den Hebräern in wunderbarer Weise. Bettler gab es in Palästina keine, denn der Arme mußte von dem Reichen ausgesucht werden. „Mehr Wohltat, als der Reiche mit dem Armen übt, indem er ihm gibt, $bt der Arme mit dem Reichen, indem er von chm nimmt. (Mid. Rab. Lev. 34 u. Jalk. Ruth 604.) So dachte der Hebräer. Seine Barmherzigkeit prägte sich in seiner Sprache aus, in der zehn verschiedene Ausdrücke für die Armen sich vorfinden; in denselben zugleich ein Adel der Gesinnung, daß unter diesen Bezeichnungen sich keine findet, die mit dem beschämenden Namen „Bettler" sich deckt. Die Armenpflege, im Lichte der jüdischen Religion betrachtet, sie kann sich auch mit den humansten Veranstaltungen und den besten Armengesetzen der Neuzeit messen, ohne von denselben verdunkelt zu werden. Sie hat auch chre Anerkennung aus Allerhöchstem Munde, gelegentlich der Feier des 60jährigen Regierungsjubiläums unseres vielgeliebten Kaisers, erhalten. Als bei dieser feierlichen Gelegenheit der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Herr Dr. Alfred Stern, vor den Stufen des Thrones erschien, um im Namen von eineinviertel Millionen Glaubensgenossen die Huldigungsadresse mit den Unterschriften von 450 Kultusgemeinden zu überreichen, da wurde der jüdischen Gemeindedeputation die huldvolle Ansprache zuteil, die nach ihren: Inhalte uns Juden immer als ewige Denkwürdigkeit wie eine himmlische Offenbarung der Gnade voranleuchten wird. Sie lautete: „Die israelitische Bevölkerung hat immer eine staats- und ge setze streue Gesinnung, Ergebenheit für Mein Haus und Anhänglichkeit an Meine Person bekundet; Ich schätze auch chren Familiensinn und ihre Freude am Wo hl tun!" Aus der Verbindung des letztangeführten Vorzuges mit dem erstangeführten der staats- und Zesetzestreuen Gesinnung, der Ergebenheit für das Kaiserhaus und der Anhänglichkeit für die geheiligte Person des Monarchen setzt sich nun die Opferwilligkeit im Kriege zusammen. Die Freude am Wohltun haben die Juden, selbst nur bei einer Uebersicht der materiellen Leistungen derselben in den letzten zehn Jahren — gewiß eine kurze Spanne Zeit.—, u. zw. für rein humane und wissenschaftliche Institutionen, ohne Unterschied der Konfession, also nicht von dem beschränkten Gesichtspunkte der Konfessionalität, in hervorragender Weise bewährt. Da ist die Stiftung des seligen Barons Nathaniel Rothschild von 20 Millionen zur Errichtung einer Heilstätte für Nervenkranke in Niederösterreich, der sich erst jüngst eine solche von 3 Millionen des seligen David Ritter von Gutmann anreihte zum Baue eines Kinderspitales in Wien. Die Familie Gon: perz vermachte ein Schloß mit großem Park in Wien — im Werte von Millionen — zum Wohle der Bevölkerung der Residenzstadt. Bei der Errichtung der naturwissenschaftlichen Akademie durch Kaiser Wilhelm II. in Berlin haben besonders Juden sich durch Millionenspenden ausgezeichnet; in gleicher Weise bei der jüngst errichteten Universität in Frankfurt a. M. waren es Juden, die sich durch imponierende Beiträge ausgezeichnet haben. Ein Jude in Südafrika namens Barnato hat für allgemeine Wohlfahrtszwecke 20 Millionen Mark gespendet. Ein jüdischer Lord in England stiftete ein Waisenhaus für 30 Millionen Mark. Der Sonderling Osiris in Paris bestimmte sein Vermögen von 30 Millionen Francs für das berühmte Institut P a st e u r. Der Jude Meürthe de Deutsch hat Millionen für die Aeronautik in Frankreich geopfert. Sir Ern st Cassel hat 20 Millionen, Sir Jacob Schiff nicht weniger für Wohltätigkeits- und Universitätszwecke in Amerika gegeben. Ein Jude A l t m a n n in Newyork vermachte seine auf 60 Millionen bewertete Sammlung von Skulpturen und antiken Münzen dem Staate. Wer sich diese gewaltigen Summen vor Augen hält, die Juden der Allgememheit geopfert haben, muß sich sagen, die Allerhöchste kaiserliche Anerkennung der -Freude am Wohltun war in den Tatsachen der neuesten Geschichte begründet. Das dankbare jüdische Gemüt spielt aber hiebei auch eine Rolle. In dem Staate, in dem sie Entgegenkommen und Anerkennung , fanden, haben sie von chren Reichtümern einen edlen Gebrauch gemacht, ihn als treue Patrioten unterstützt und sich durch große Wohltaten ausgezeichnet. Eine solche Dankbarkeit erfüllte die portugiesischen Juden von Amsterdam, wo sie vor den düsteren Zeiten der Inquisition in ihrem früheren Heimatlande Spanien und Portugal ein ruhiges Refugium gefunden haben. So bestimmte der Krösus unter den Juden Hollands, Isaak de Pinto, zwei Millionen Taler dem Staate, jeder christlichen Kirche 10.000 und jedem christlichen Waisenhause 25.000 Gulden. Ebenso zeichnete sich durch hervorragende Legate die Familie Pereyra aus, wobei der Wert des Geldes in der Zeit von vor 300 Jahren, um die es sich da handelt, mit dem in der Neuzeit vor Augen gehalten werden muß, und sich da der Wert dieser Stiftungen auf das Zwanzigfache erhöht. Was das jüdische Herz in Kriegszeiten an Opferfähigkeit zu leisten imstande, darüber gibt uns die Geschichte Aufschluß. Als die Belagerung von Jerusalem durch die Römer in Aussicht stand, wohnten daselbst drei reiche Juden. Der eine, NakdimonbenGorion, erklärte, die Stadtbevölkerung für 21 Jahre mit Kornfrüchten zu versorgen; der zweite, der Sohn des Kalba- Sebua, erklärte sich bereit, dieselbe für die gleiche Zeit mit Wein, Salz und Oel zu versehen; der dritte, Zizitih-hakesseth, sagte in gleicher Weise die Versorgung mit Holz zu. Jedoch solch ein grandioses Exempel von Opferwilligkeit im Kriege hat der Jude nicht nur für sein Herzenspfand Jerusalem, sondern auch in fremden Ländern gezeigt, wo er menschlich behandelt wurde. Ein solch glänzendes Beispiel zeigten die Juden in Neapel im Jahre 536. B e l i s a r, der Eroberer des vandalischen Reiches für den byzantinischen Kaiser Justinian, bedrängte auf seinem Siegeszug durch Italien auch die herrliche Stadt Neapel. Die Juden, die den Ostgoten, unter deren Herrschaft damals Italien stand, gut gesinnt waren, hielten mit ihnen. An der Spitze der für die Ostgoren eintretenden Juden standen zwei gebildete Juden, P a st o r und Asklepiadotus mit Namen. Diese begeisterten ihre neapolitanischen Glaubensgenossen zu einem solcher: Patriotismus für die Stadt, daß dieselben versprachen, dieselbe während der Belagerung mit allen Bedürfnissen zu versehen, um der Furcht vor dem Mangel an Lebensmitteln zu begegnen. Leider harte weder ihr bei der Belagerung bezeigter Heldenmut, noch ihre patriotische Opferwilligkeit einen Erfolg und die Stadt wurde doch von Belisar bezwungen. Erfolgreicher hatte sich der jüdische Patriotismus in der Zeit der Kämpfe der Perser mit den Byzantiner:: im Heiligen Lande gestaltet. Da war es ein Jude, Benjamin aus Tiberias, welcher ein gewaltiges Vermögen besaß und es dazu verwendete, jüdische

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