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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-11-27 · 47 (27.11.1914) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
47 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 47 Dl». BlOCh’S Jahrgang M Zentralorgan kür die gesamten linteressen des Judentums. -ooc- Wien, 27. November 1914 Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie«, II/i, Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wie«. K. kr. Poftsxarkslfenamt Cleartng-Verkebr Mr. S10.S76. Redaktion und Administration: Wien II/i, Praterstraße 9. Telephon 45.359- OCr =ÖO p Vexugsprers für Vefterreirh: Q Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für das Ausland: Halbjährig tO Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2mal gefpal tcnc Petitzeile 48 Heller. oO- . ...OÖ Inhalt: Leitartikel: Opferwilligkeit im Kriege. — Lom Jahrmarkt des Lebens: Kriegsauszeichnungen jüdischer Offiziere. Silberne Tapferkeitsmedaille. Die jüdische akademische Verbindung „llnitas" im Felde. Inden auf dem Schlachtfelde. Heldentod eine» jüdischen Bildhauers. Vom Zugsführer zum Offizier befördert. Belohnte Todesverachtung. Fähnrich Isidor Raab. Das reichsdeutsche Rote Kreuz gegen den Antisemitismus. Anteil der deutschen Juden am gegenwärtigen Krieg. Auszeichnungen jüdischer Krieger mit dem Eisernen Kreuz. Der Heldentod eines jüdischen Radfahrers. Die „lieben Inden". Eingesendet. — Die Jugendlehrer der talmudischen Zeit. — Korrespondenzen: Aus der öffentlichen Plenarsitzung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde vom 19. November 1914. Aufruf. „Das goldene Wiener Herz". Die galizischen Flüchtlinge in Eger, Oderberg-Bahnhof. Prachatitz. Durchreise von jüdischen Flüchtlingen in Budweis. — Vermischtes. — Feuilleton: Für die Kinder der Flora. (Schluß.) Literatur. — Briefkasten. — Inserate. GpkervMigkeit im Kriege. Zum 2. Dezember 1914. Von Oberrabbiner W. Reich in Baden bei Wien. Es ist gewiß eine nüchterne Binsenweisheit, wenn man den Satz, ausstellt, daß zur Erreichung eines Sieges das erste Erfordernis 'der Kämpfer sei, sich durch heroischen Mut und heldenmütige Tapferkeit auszuzeichnen. Nicht so allgemein anerkannt ist es jedoch, daß auch der viel größere Teil der Nichtkombattanten den zu erreichenden Sieg durch hervorragende Opfer Willigkeit herbeizuführen habe. Opferwilligkeit im Kriege ist nicht im Sinne einer Wohltat, nicht in Form eines Almosens aufzufassen, zu dem nur ein gutes Herz gehört, sondern es hat sich hierzu ein patriotisches Herz zu gesellen, welches die gebrachten Opfer auf ein erhöhtes Niveau erhebt, das in der Kriegsopfersähigkeit nicht als Geber und Spender, sondern als der Mitgenießende erscheint. Um diese Höhe der Anschauung zu erreichen, muß man aber durch Gefühl für das Wohltun überhaupt prädestiniert sein. Wohltätigkeit im allgemeinen ist die Vorstufe und Vorfrucht der Wohltätigkeit im Kriege; sie trainiert das Herz im Frieden für die schwere Zeit des Krieges fürs Vaterland. Eine solche Vorschule hat der Jude stets in seinen religiösen Vorschriften, in seiner alten Bibel gehabt. Die Bibel hat hierüber ein trauriges, düsteres Wort ausgesprochen; sie enthüllt uns einen niederdrückenden, den Genius der Menschheit niederschmetternden Gedanken. Sie sagt: „Denn der Dürftige wird nicht verschwinden innerhalb des Landes". (5. Buch Moses, XV. 11.) Wie sitzen sie nun da, die Diplomaten und Staatsmänner, die Gelehrten und Philosophen und sinnen und spinnen Gedanken und Entwürfe, wodurch die Armut, das Elend, der Hunger, die Not, die Dürftigkeit endgiltig zu bannen feien. Eure Mühe, sie ist nutzlos, eure Geistesanftrengung, sie ist vergebens, eitre Spitzfindigkeit, sie ist umsonst aufgewendet? Der Dürftige wird nie aufhören im Lande und die vier Jahrtausende der Menschheit, die, seitdem dies behauptet wurde, sich vom Rade der Zeit abgerollt haben, legen Zeugnis ab von der traurigen Wahrheit dieses monumentalen Satzes. Wie immer nian vorgeht, was immer imm unter nimmt, in welcher Weise immer die Staats- und Gesellschastsnormen bestimmt werden, „der Dürftige wird nicht Vers ch winden innerhalb des Landes". Eine endgiltige, ganz ausgleichende Lösung, wie die Stürmer der gesellschaftlichen Ordnung sie denken, gibt es also im Sinne des alten Judentums nicht; jedoch es gibt eine Abschmächung. eine Milderung dieses Krebsschadens. die dessen Schmerz und Weh verursachende Wunde lindernd vernarben lassen und erträglich machen können. „Denn der Türftige wird nicht v e r i ch iv i n d e n innerhalb des Landes, darum gebiete ich dir, öffne immerfort deine Hand deinen Brüdern, dem Armen und dem Dürftigen in deinem Lande!" Es ist die Wohltätigkeit in ausgiebigem Maße, die da nicht nur als ein Gebot der Menschlichkeit im allgemeinen hingestellt wird, sondern als eine Schuld dem Armen gegenüber, die pflichtgemäß abgetragen werden muß. Der Dürftige hat ein Recht, die Unterstützung zu fordern, und die Religion macht sich zum Richter, der sie für ihn redlich einkassiert. In der hebräischen Sprache findet sich daher nicht daS beschämende Wort „Almosen", diese erniedrigende Bezeichnung für eine milde Gabe, wie sie anderen Sprachen eigen ist; das Almosen, welches dem Dürftigen wie ein Gnadenbrod mitleidsvoll hingelegt wird; sondern es heißt: „Zedakah", d. h. ein Akt der (Gerechtigkeit. Die Humanität, die ihre Gaben austeilt, die Milde, die sie betätigt, sie sei „Zedakah", ein Gebot der Gerechtigkeit, dessen Einhaltung strenge gefordert wird. Die Talmudisten haben diese Pflicht der „Zedakah" besonders eindringlich dadurch betont, indem sie die Uebung derselben als einen Gegenseitigkeitsvertrag zwischen Gott und Menschen hinstellen, das die Letzteren geben, damit Gott ihnen gebe.

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