Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 46 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Set. 810 Dr. BVochs Wochenschrift. Nr. 46 über fährt: Welch nutzlose Vergeudung! WoS du ein Blumenkranz kostet, das würde hinreichen, um mich und meine darbende Familie einen ganzen Monat zu ernähren, und der Preis der ganzen Blumenladung könnte mich und die Meinen fürs ganze Leben versorgen. Und all das mit den kostbaren, goldbedruckten Bändern muß hinab, nutzlos, zwecklos in den Schoß der Erde! Sehet, rufen höhnisch unsere Feinde, der Jude fängt au, auch hier uns Konkurrenz zu bieten. Er überflügelt uns in dem übertriebenen Leicyeupruuke. Nun ja, der Jude hat leichterworbenes Geld; er kann es auch seinen Toten mit vollen Händen ins Grab nachwerfen . . . Und angesichts solcher Totenopfer seufzt die einfache altjüdische Litte: Soll denn daS leidige Prunken, Gleißen und (Glitzern auch nicht dem traurigen Ernste des Todes weichen? Lotten denn die leidigen Unterschiede und Gegensätze, die im Leben Neid, Mißgunst, Eifersüchteleien, Haß und Groll erwecken, entzweien und verfeinden, selbst am Large sich vordrängen, wo nur Bescheidenheit und Demut am Platze sind? O, es gibt Blumen, die nie welken, Kränze, die nie unter Lchollen modern, deren liebliches Blinken nie erlischt, deren süßer Duft nie verweht, mit denen Ihr die Särge Eurer Entschlafenen schmücken sollet. Fromme Werke, edle Taten, mildherzige Gaben, ewig segensreich fortwirkende Stiftungen, welche in einem allgemein tief empfundenen, anerkennenden Nachrufe eine Bahre umschweben, sie sind es, die den Verstorbenen ehren, die die Ueberlebenden tröstend erheben und heilvollen Nacheifer erwecken. Herrlicher als Kränze und Gewinde aus Tropenländeru ziert ein dichter Kranz, der den Sarg umgibt: ein Kranz von aufrichtig Trauernden, die einen unersetzlichen Verlust beweinen und in dem Verblichenen einen hilfreichen Freund, einen gemütvollen, aufopfernden Wohltäter, eine seelengute Frau beklagen. Ein dankbar wehmutvolles Erinnern, das den Scheidenden mit deu Zurückbleibenden im steten Zusammenhänge erhält, welch ein lieblich lichtes Band ist es mit goldener Inschrift. ..." s Die rechten Worte am rechten Orte führen nicht nur zu den richtigen Taten, sie sind zuweilen selber Taten. — Nicht lange nachher war schon auf jüdischen Partezetteln zu lesen: „Kränze werden dankend abgelehnt" - und die Tagesblätter brachten das Verzeichnis der Spenden, die an Stelle der Blumen wohltätigen Vereinen gewidmet wurden. Eine Reihe von Jahren bedurfte es indes; noch, bis derselbe Brauch anderwärts, zumal in Wien, Nachahmung fand, daß nämlich ebenso dort wie in Brünn die Blumenhckatomben, die Totenopfer, sich auf den Hilferuf der Not zu Leben erhaltenden Gaben umwandelten. Die Kranzablösungen haben so edle Menschlichkeiten ausgelöst. Noch einige Jahre vergingen, da brachten auch Partezettel unter dem „Kreuzeszeichen" jene Formel mit der stummen Aufforderung, dem Toten zuliebe der lebenden Armen zu gedenken. Ist das nicht gleichfalls die Lösung des Simson-Rätsels: „Vom Verzehrer kam die Speise, vom Gewaltigen kam das Süße — vom Erbarmungslosen die Milde. . .?" Vernimmt man in jener „Blumenklage" nicht einen Nachklang von Freckigraths prächtigem, ans Herz greifendem Gedichte „Blumenrache"?! Auf des Lagers weichem Kissen Ruht die Jungfrau, schlafbefangen, Tiefgesenkt die braunen Wimpern, Purpur auf den heißen Wangen, Schimmernd auf dem Binsenstuhle Steht der Kelch, der reichgeschmückte, Und im Kelche prangen Blumen, Duft’ge, bunte, frischgepflückte. s rüteixl hat. sich dumpfe Schwüle Durch das Kämmerlein ergossen, Denn der Sommer scheucht die Kühle, Und die Fenster sind verschlossen. Stille rings und tiefes Schweigen! Plötzlich — horch! — ein leises Flüstern! In den Bäumen, in den Zweigen Lispelt es und rauscht es lüstern. Aus den Blättern der Narzisse Schwebt ein Knab’ mit düstern Blicken, Tritt ans Bett, um heiße Küsse Auf des Mädchens Mund zu drücken. Doch ums Lager dreh’n und schwingen Sich die andern wild im Kreise; Dreh’n und schwingen sich und singen Der Entschlafnen diese Weise: »Mädchen, Mädchen! von der Erde Hast du grausam uns gerissen, Daß wir in der bunten Scherbe Schmachten, welken, sterben müssen! 0 wie ruhten wir so selig An der Erde Mutterbrüsten, Wo durch grüne Wipfel brechend Sonnenstrahlen heiß uns küßten. Wo uns Lenzeslüfte kühlten, Unsre schwanken Stengel beugend, Wo wir Nachts als Elfen spielten, Unserm Blätterhaus entsteigend. Hell umfloß uns Tau und Regen; Jetzt umfließt uns trübe Lache; Wir verblüh’n, doch eh'wir sterben, Mädchen! trifft dich unsere Rache!« Der Gesang verstummt; sie neigen Sich zu der Entschlafnen nieder. Mit dem alten dumpfen Schweigen Kehrt das alte Flüstern wieder, Welch ein Rauschen, welch ein Raunen; Wie des Mädchens Wangen glühen! Wie die Geister es anhauchen! Wie die Düfte wallend ziehen! ... Da begrüßt der Sonne Funkeln Das Gemach; die Schemen weichen. Auf des Lagers Kissen schlummert Kalt die lieblichste der Leichen. Eine welke Blume selber, Noch die Wange sanft gerötet, Ruht sie bei den welken Schwestern — Blumenduft hat sie gelötet! Welche riesige Dimensionen jener Appell auch in christlichen Kreisen und im Auslande^was seine Verbreitung betrifft, angenommen, ist aus einigen eklatanten Berichten zu ersehen: Kardinal Fürsterzbifchof Dr. Gruscha in Wien, welcher im August 1911 in die ewige Ruhe eftiging, hat in seinem Testamente den Wunsch geäußert, daß von Kranzspenden abgesehen werde. Zahlreiche von geistlichen Orden und in vielen Bevölkerungsschlichten bis in die höheren Kreise ausgegebeneu Parten enthielten gleichartige Kundgebungen. Verständnisvolle hervorragende Pädagogen haben am 17. Mai 1908 den gelungenen und packenden Aufruf ergehen lassen: Vor allem mögen die Eltern und die Lehrer au den Schulen dahin wirken, die Kinder der Stadt darüber zubelehren, daß es keine löbliche Unterhaltung, sondern ein Frevel ist, sich an den blühenden, wehrlosen Geschöpfen der Natur zu vergreifen, daß Pflanzenzerstörung ebenso verwerflich ist wie Tierquälerei. . . (Schills; so. >.)