Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 46 (20.11.1914)
- Date
- 1914-11-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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seile 798 Dr. Bloch's Wochenschrift kr. 46 Hauplleutcn Rochvl und Bodek. Dieser Komps halte an einem Waldabhang stattgefundeil, der zum l^rabe vieler tapferer Krieger wurde, weil verräterische Elemente dem Feinde die Positionen unserer Truppen verrieten. Hier geriet unser junger Held mit 36ö arideren Kameraden in Gefangenschaft. Etwa 150 russische Soldaten führten sie durch weile, öde Felder, mehrere Stunden, bis sie in ein Torf gelangten, wo sie in einer Baracke untergebracht wurden. Die Russen legten ihre Gewehre ab und stellten sie in Pyramiden vor den: Hause auf, während sie selbst aus die Suche nach Schnaps gingen. Zwei Soldaten hielten Wache. Holder war unter den Gefangenen die einzige Charge. Nach kurzer Beratung faßte man den Entschluß, sich zu befreien. Die zwei Postensoldaten wurden rasch überwältigt; man bemächtigte sich der Gewehre, und als die Russen zurückgekehrt waren, kam es zu einem starken Handgemenge. Die Russen wurden zum Teile niedergemacht, während ein anderer Teil sich flüchtete. Bier von ihnen wurden — gefangen. So wurden die Gefangenen befreit, während jene, die sie in die Gefangenschaft führten, nunmehr Gefangene waren. Nach einigen Stundeil kam eine starke Abteilung deutscher und österreichisch-ungarischer Truppen an, denen sich jene anschlossen. So entging Holder der Gefangenschaft, worauf er und die anderen zu ihrem Regimente zurückkehrten. Man rastete einige Stunden und dann ging es weiter, zu neuen Kämpfen. Das Kriegsglück war sehr wechselvoll. Aber unsere tapferen Einundvierziger stürmten init wahrer Todesverachtung immer gegen den Feind los. Nach den Kämpfen bei Kumarno fanden fast ununterbrochen größere Gefechte bei Dörnfeld, Populani, Stryj, Sambor, Turka und Medika statt. Holder war immer dabei. Bon Medika zog man über die Karpathen nach Ungarn und von da nach Krakau. Nach einer kleinen Unterbrechung trat das Regiment den Marsch nach Russisch-Polen an. Hier nahm der junge Holder neuerlich an Kämpfen teil, die namentlich bei Sabicrczow heftig waren. Besonders bewegt schildert der junge Zugsführer die Vorgänge, die sich da abspielten. Die Russell hatteil Maschinengewehre auf beit Bäumen und in den Heuschobern. Der Kamps war heiß und erbittert, aber der Feind wurde zurückgeschlagen. Hier wurde Holder neuerlich ziemlich schwer verwundet. Den Hergang der Verwundung schildert er wie folgt: Wir führten Verwundete in 16 Automobilen und sollten sie nach Krakau bringen. Aus dem Wege sahen wir mehrere Pferde, die an Bäume allgebundeil waren. Wir glaubten anfänglich, es seien die Pferde unserer Ulanen, die gerade einen Patrouillenritt unternahmen. Aber als wir näher kamen, sprangen aus den Gebüschen etwa hundert Donkosakeil mit Lanzen hervor und machten auf uns einen Ueberfall. Unsere Kameraden gingen sofort zum Angriff über, viele Kosaken wurden verwundet, andere gingen durch. Einer von ihnen schlich sich von der Seite an das Automobil heran, auf dem ich neben dem Regimentsarzt M. saß. Gegen diesen führte der Kosak einen tätlichen Lanzenhieb. Ich wurde gleichfalls am Fuße verletzt. Aber es gelang uns doch, die Automobile mit den Verwundeten zu retten. Sehr erschöpft kamen wir ill Krakau an. Auf dem Bahnhöfe in Krakau wurde Holder verbunden und in ein Spital gebracht, wo er 14 Tage blieb. Hier erhielt er als vorläufiges sichtbares Zeichen der Anerkennung seiner Unerschrockenheit zwei Medaillen. Eine goldene, auf der die eine Seite die Bildnisse der beideil verbündeten Monarchen Kaiser Franz Josef und Kaiser Wilhelm trägt, währeitd die Kehrseite einen österreichischeil und einen deutschen Soldaten, die sich die Hände reichen. enthält. Die Inschrift der Medaille lautet: „Ich habe einen Kameraden, einen besseren sindst bit nicht." Die andere Medaille trägt die ungarische Inschrift: „Für die tapferen Freiwilligen." Ein Dekret wurde ihm noch ill Aussicht gestellt. Von Blldapest kehrte der jugendliche Held nach Czcrnowitz zurück. Samuel Holder ist fünfzehn Jahre alt, besuchte die, fünfte- Klasse des ersten Staatsgymnasiums und war stets eilt guter, fleißiger Schüler. Er ist der Sohn des Restaurateurs Max Hold e r. Der Klnpalßenführer. Eine der schönsten und romantischesten Episoden des Krieges, so schreibt „Egyenlöszeg", ist wohl diejenige, welche wir hier zu in unauslöschlichen Gedenken der Oeffentlichkcit übergebcn: Es geschah am 28. September, in den traurigen Tagen des russischen Einbruches in Ungarn, daß in Havasmezö, einem Dorfe unserer Karpathen, 200 unserer Soldaten unter Führung eines Leutnants lagerten. Es waren Landsturmmänner, ein Bruchteil des Landsturm-Bataillons. Bei Einbruch der Russen wurde das Bataillon, dem sie angehörten, unerwartet von der Gegend weggenommen, und während in der ganzen Umgebung die Alarmgerüchte über die großen russischen Kräfte, welche über die Karpathen eingedrungen seien, sich immer mehr häuften, waren unsere Soldaten nicht imstande, irgend eine Nachricht zu .erhalten oder mit ihrer Haupttruppe in Verbindung zu treten. An dem genannten Tage gelangten sie zu dem Bewußtsein, daß sie von ihrem BataiKon abgeschnitten und in katastrophaler Weise isoliert sind. Nun war es Zeit zu handeln. Von der Umgebung langten immer mehr Alarmnachrichten ein. Die russischen Truppen umringten das kleine Dorf und die 200 Soldaten entschlossen sich, um der schmachvollen Gefangenschaft durch den Feind zu entgehen, sich aus den Weg zu machen, um, wenn irgendwie möglich, zu einer größeren Abteilung unserer Truppen zu stoßen. Sie selbst waren nicht mehr kampffähig, denn sie verfügten über kaum mehr als 70 bis 80 Patronen. Es konnte jedoch nur ein einziger Weg gewählt werden. Ueber die Karpathen, durch unbekannten Urwald, Nebel, Eis und Schneefelsen hindurch. Von den Soldaten — es waren zumeist Polen aus Lemberg — kannte keiner den Weg. Der Leutnant beriet mit dem Dorfrichter. Man suchte einen Führer. Schließlich empfahl der Richter einen Mann, Eugen Feuer, Beamten einer Holzniederlage, einen stämmigen kräftigen jungen 20 jährigen Menschen, der gerade bei seinen Eltern im Dorfe zu Gaste war und von dem in der ganzen Umgebung die Sage ging, daß keiner die verborgenen Wege und geheimen Pfade der Karpathen so genau kenne, wie er. Man sandte einen Boten aus den Holzplatz in den Wald und ließ Feuer bitten, daß er sofort mit ein Paar Pferden komme. Der Dorsrichter erklärte, daß man diesem jüdischen Jüngling sich ruhig anvertrauen könne. Eugen Feuer kam vom Holzplatz herunter, stellte sich dem Kommandanten der kleinen Truppe vor und übernahm ohne Zögern die Aufgabe, die 200 Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee durch die Karpathen gegen das Komitat Szilägy zu, wo die Haupttruppen vermutet wurden, zu führen. Spät abends begann der Marsch in die Berge. Voran zu Rosse Eugen.Feuer, ihm folgte die Vorhut, dann die kleine Truppe und zum Schlüsse, auf Siöde gestützt, die Maroden, die sich müde auf den unwegsamen Pfaden hinschleppten. Feuer kannte den Weg. Die Hauptstraßen mußten vermieden werden, man mußte auf verborgenen schmalen Pfaden sich durch das Gestrüpp durchwinden, jedem bekannteren Fußweg ausweichen, denn die Gegend war voll von Feinden und Verrätern. In der ersten Nacht kreuzten sie die Kampflinie der Russen. Sie blieben unbemerkt. Der Kanonendonner, der in dem Laub des uralten Gehölzes einen Höllenlärm entwickelte, brüllte über ihre Köpfe hinweg. Man mußte warten, bis das Feuer vorüberzog. D>ann gings weiter. Feuer erhielt vom Leutnant ein Fernrohr, um immer vorher den Weg auszukundschaften. Am nächsten Vormittag tauchte unter ihren Füßen ein Dorf auf. Feuer ging zunächst allein in das Dorf, um festzustellen, ob nicht dort russische Soldaten wären. Wie er so in den schmutzigen, vom Gesträuch zersetzten Kleidern und blutig geritztem. Gesicht durch die Dorsstraße ritt, hielt man ihn für einen Russen.