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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-11-20 · 46 (20.11.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
46 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 795 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 46 gebung einschließt, sondern auf den immer weiter sich ausdehnenden Horizont der Weltereignisse, der gleich einem Fächer sich auseinanderschlagenden Vergangenheit der Weltgeschichte, mit verständnisvollem Fernblicke ausschaut. Es geht da dem Politiker wie dem Naturforscher, der die Welt in ihrem Zusammenhänge erkennen will; auch der niuß einen Weltblick haben, der ein ganzes Universum in nch schließt; einen Blick, der nicht auf das Detail, nicht auf das Einzelne, sondern auf die große Kette der sich ineinanderschlingenden Naturphänomene des Weltalls gerichtet ist. Der dichtende Denker und denkende Dichter T o l st o i, die große Gestalt, die wie eine prophetische aus dem russischen Babel der jüngsten Zeit hervorragte und eben deshalb keine Ruhe fand, das Leben floh, sich selbst dem Tode wechte und vom Bann der zarischen Kirchenherrschaft belastet nicht einmal eines kirchlichen Begräbnisses würdig befunden wurde, zeichnete einen solchen Weltblick in einem bisher wenig bemerkten Essay. Er ist bestimnit, zu zeigen, daß der Mensch nicht subjektiv urteile, da es sonst nur oberflächlich, falsch und blindlings trügerisch sein kann. Jedes Urteil muß auf ein Ganzes gerichtet sein. Auf einer Insel fanden sich einst auf einem Platze im Innern derselben, von hohen Gebirgen umgeben, ein Blinder, ein Lahmer, ein Fischer, ein Matrose und ein Gelehrter zusammen. Die gemeinsame Diskussion führte zu einer Aussprache über die Lonne. -Aufgeregt rief der Blinde aus: „Ich glaube es nicht, was die Menschen sich von der Sonne erzählen. Ich glaube zwar, daß es Licht und Finsternis gibt, auch Hitze und Kälte, denn ich fühle es an mir selbst; aber daß all dies von einer großen leuchtenden Kugel komme, die regelmäßig erscheine und verschwinde, die so hell ist, daß tnan ohne zu erblinden nicht in dieselbe schauen kann, und so groß, daß sie wie Feuer erwärmt und erhitzt - das glaube ich nicht! Ich denke, man redet nur so vor mir herum, weil ich mich nicht vom Gegenteil überzeugen kann --- denn ich bin blind geboren." Da sprach der Lahme: „Du glaubst es nicht, und es kommt dir und mir so unglaublich wunderbar vor, weil du eben immer blind warst. Ich bin es nicht,, bin aber lahm von Geburt, und ich bin von diesem Fleck Erde nie hinweggekommen; jedoch das kann ich dir bei allem, was heilig ist, beschwören: die Sonne ist eine große Kugel, die so hell und so heiß ist, daß alles' Licht und alle Wärme vor: ihr ausstrahlen; denn ich sehe sie, obwohl ich immer an denselben Platz gebannt bin. Am Morgen steigt sie von hinter jenen Bergen hervor, zieht langsam und majestätisch empor über den ganzen großen Himmelshorizont, den ich überblicken kann, und verschwindet abends auf der Gegenseite des Gebirges, um dann am anderen Tage auf der früheren Seite wieder in ihrer ganzen Herrlichkeit emporzusteigen. Dir kommt dies unverständlich, wunderlich vor, weil du eben blind geboren bist." Da sprach der Fischer zu dem Lahmen: „Auch du bist wie von Geburt auf blind. Du behauptest, die Sonne steige, von den Bergen empor, um auf der anderen Seite hinter den Bergen wieder zu verschwinden. Du bist eben ein Lahmer, der noch nie von diesem Fleck Erde hinweggekommen. Ich aber bin ein Fischer; die ganze Insel ringsherum befahre ich täglich mit meinem Boote und ich kann dir sagen, wie es eigentlich mit der Sonne ist. Ich sehe sie täglich mit meinchr Augen aus dem Meere emporsteigen und da ist sie blutrot, wie das heiße Eisen, welches mit kaltem Wasser -überstürzt wird; dann zieht sie über beit Himmelsdom, heller und weißer und blendender, bis sie wieder auf der anderen Seite in das große Meer wie eine glutrote, ins Wasser getauchte heiße Metallkugel versinkt, um bann am anderen Tage wieder aus dem großen Ozean emporzusteigen. Du glaubst cs nicht; es scheint dir unnatürlich wie ein Wunder. Du bist eben auch uugläubig wie der Blinde!" Da sprach der Matrose zu dem Fischer: „Auch du bist blind! Du urteilst nur oberflächlich, weil du nie außerhalb der Küsten dieser meerumschlungenen Insel warst. Ich aber bin schon um die ganze Erde herumgekommen und kann dir sagen, wie es mit der Sonne ist. Ich bin schon von England aus über den großen Ozean gefahren und um die neue Welt herum, und dann wieder um ein großes Weltmeer bis nach Japan, vorbei vor China, Indien, Kleinasien, Afrika und wieder zurück zu meinem früheren Ausgangsorte. Ein Jahr brauchte ich zu dieser Rundfahrt um die Erde, und ich sah, daß die Sonne um die ganze Erde herumzieht, bald aus Bergen, bald aus Wüsten, bald aus Wäldern, bald aus den Wassern hervor; sie übernachtet nirgends, versinkt und verschwindet nirgendwo, sondern wandelt nn Kreise um die ganze Erde herum. Das konnnt dir unglaublich vor, weil du nur oberflächlich urteilst, du bist ebenso blind wie der blind Geborene!" Da erhob sich der Gelehrte und sprach zu denn Matroseir: „Du bist wohl um die ganze Erde herumgekommen, bist aber auch so blind wie der andere, wenn du glaubst, die Sonne gehe um die Erde. Auch du urteilst, falsch. Die Sonne wandert nicht um die Erde. Im Gegenteil, die Erde wandert um die Sonne. Die Erde dreht sich um sich selbst und gleichzeitig um die Sonne, aber die Sonne selbst steht still. In der Bewegung her Erde um sich selbst wird Tag und Nacht, und in der um die Sonne wird es 'heißer Sommer oder kalter Winter, je nach ihrem Stande zur Sonne. Du glaubst es nicht, es ist dir zu kompliziert, zu verwickelt; auch du bist so blind wie die anderen!" Diese ewigen, so komplizierten, und doch so gleichbleibenden Vorgänge in den sich täglich wiederholenden Wundern der Natur, die der so sybillinisch blickende Seher Tolstoi an dem Beispiel von den Urteilen über die Sonne so schlagend exemplifiziert, sind jedoch auch für die nicht minder komplizierten Vorgänge in der Geschichte der Menschheit maßgebend. Sie ist kompliziert und gleichzeitig sich immer, in gleichem Auf- und Niedergange, wiederholend. Weltherrschaft ist der große Hebel, der alle Ereignisse auf der weiten Weltbühne in Bewegung setzt und die Kompliziertheit der Individualitäten ist mit der Differenzierung derselben in ewigem Kämpfe, bis derselbe einst in der allgemeinen Erlösung seinen Ruhepunkt finden wird — und das ist die erhoffte goldene Zeit des in der gesamten Menschheit seit Jahren zerrütteten Zentralnervenbündels. Der stille seelische Kern, der in jedes Menschen Herzen geheimnisvoll sich entwickelt, ist kristallengleich tausendfarbig strahlend, und jeder Strahl seines Geisteslichtes läßt nun myriadenfälrig sich zusammensetzen. Und wie seine Ansichten sich entwickeln, feilte Anschauungen sich ändern, seine Vorstellungen sich unterscheiden, so wird jedes Herz eine eigene Gefühlswelt, jede Seele eine eigene Gemütswelt, jedes Hirn eine eigene Sinnenwelt, jeder Geist eine eigene Gedankenwelt. Und jeder Mensch bildet sich seine eigenen Bestrebungen, jede Schichte, jede Kaste, jeder Kreis, jede Gesellschaft und in weiterer Gesamtentwicklung jedes Volk, jede Staatengemeinschaft ihre eigenen Ziele, Zwecke und Ideale. Dar-

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