Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 45 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Hz. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 791 behandelte. Der geniale Prinz Louis Ferdinand, der Vetter ihres Königs, offenbarte in einem „himmlischen Brief" seine ganze Seele, bevor er bei Saalfeld den .Heldentod suchte und fand. Durch ihre qualvolle Krankheit, einen immer wiederkehrenden Brustkampf, wurde Rahel zu dem Entschlüsse geführt, die Wunden des Krieges zu lindern. Sie wies auch ihren Verlobten August Barnhagen von Enfe immer wieder auf die Sache des Vaterlandes und forderte ihn auf, eindringliche, populäre Aufsätze über ihre Verwaltung der Lazarette zu schreiben. Als Rahel sich im Herbst 1814 vermählte, da fühlte sie, daß nur mehr ein Viertel von dem übrig lvar, was sie einst gewesen. Barnhagen, der stattliche, ordengeschmückte Diplomat aus altadeligem Geschlechte, war vierzehn Jahre jünger; und doch wunderte sich die romantische Welt, daß „diese Frau nach dem Herzen des Höchsten" ihn gewählt hatte. _ In zwei Epochen ihres Lebens bildet ihr Salon den Spiegel und die abgekürzte Chronik ihrer Zeit. Dieser Salon war vor ihrer Vermählung eine Dachstube in einem kleinen Hause von Berlin. Königliche Prinzen, fremde Gesandte, Künstler, Gelehrte, Aristokratinnen und Schauspielerinnen finden sich hier zusammen. In diesem Kreise wurde Ende März 1813 beschlossen, daß die Frau von Berlin ein Lazarett stiften und dreißig Vorsteherinnen aus allen Ständen und Religionen wählen sollten. Rahel verfaßte selbst einen flammenden Ausruf für die Zeitungen. In einem Brief an Varnhagen begründet sie ihr öffentliches Auftreten: „In einer solchen demütigen, gerechten Stimmung allein, die eine heilige ist — wo jede Schüchternheit und Scham wegfallen muß und kann — darf sich eine Frau, weil es jede dürfte, erkühnen, laut — das heißt gedruckt oder im Tempel — zu ihren Schwestern zu sprechen! Wie ein Gebet oder Gelübde muß so etwas von der Seele strömen. . ." An der Spitze der Frauenhilfsaktion stand auch Henriette Herz, der Schleiermacher ein praktisches Talent nachrühmte, das bis zur Unersättlichkeit geht. In drei Tagen wurden bedeutende Lummen zusammengebracht. Die Aerzte, unter ihnen Markus Herz, fuhren mit großen Sammelbüchsen herum; Wäsche und Betten schickte inan in ihre Häuser. Gleichzeitig ließen hundertfünsund- . zwanzig Frauen für das Lazarett kochen. Rahel verließ Berlin am 9. Mai 1813. Unter dem Schutze des Obersten Grafen Bentheim, dem Varnhagen durch eine ärztliche Diagnose das Leben gerettet hatte, reiste sie nach Prag und errichtete hier ein Hilfsbureau. Sie bat alle ihre Bekannten, Geld zu sammeln. -Karoline von Humboldt brachte bald mehr als 1000 Taler zusammen. Die Familien Arnstein und Prereira sandten aus Wien große Summen. Abraham Mendelssohn betrug sich wie der größte Weltpatriot. In mehreren Vierteln von Prag ließ Rahel gleichzeitig kochen; sie besorgte das Essen für 100 Verwundete, die in einem Kloster untergebracht waren, in welchem die Lebensmittel fehlten. Sie kaufte Leinwand, übergab dem Goldschmied die gesammelten Schmuckgegenständc, stellte Quittungen und Rechnungen aus und wechselte dem jungen Alexander von der Marwitz, einem Berliner Freunde, dreimal täglich den Verband. Dieser Offizier diktierte ihr auch seine dienstliche Korrespondenz. Viele Preußen baten sie, Vermißte ausfindig zu machen. Oft konnte sie zu Nachrichten verhelfen. Sie verstand es wunderbar. Leidende zu trösten; mancher lächelte trotz seiner Schmerzen glückselig bei ihren einfachen Worten. Mit dem Stabschirurgen und allen Behörden von Prag stand Rahel in Verbindung. Sie wurde von dem preußischen und russischen Kommandanten ausgesucht. Durch die Anstrengung zog sich Rahel endlich ein Fieber zu. Drei Tage setzte sie ihre Tätigkeit noch in gewohnter Weise fort: dann mußte sie das Bett hüten. Nun wurde ihr Krankenzimmer zum Kriegsbureau. Scharenweise kamen die Soldaten an ihr Lager. Nach der Schlacht von Dresden wurden unzählige Verwundete nach Prag gebracht: hier mußten sie tagelang auf den Wagen liegen bleiben. „Diese Zeit vergesse ich nie", schreibt Rahel, „auf so viele war die Regierung nicht gefaßt, man hätte glauben sollen aus nichts! Die Einwohner taten wie in biblischen Zeiten alles! Man verband, man speiste in den Gassen, in den Hausfluren. Unsere vom Platzregen begossenen Straßen waren mit unbehausten Verwundeten bedeckt. Meine Landsleute! Ich chürzte auf meine Knie und schrie zu Gott. Ergab mir einen Brief nach Wien ein, und Geld, unzählige Kleidungsstücke und Wäsche erhielt ich. . ." Rahel hatte eine glückliche Art, rasch mit Angehörigen aller Stände bekannt zu werden: ihr stellten sich immer viele Hilfskräfte zur Verfügung. Unzählige Frauen folgten ihrem Beispiel. Bald waren in Berlin die Verwundeten „vergriffen". „Für Geld märe keiner mehr zu haben," wurde einer reichen Frau gesagt, die noch sechs Betten zur Verfügung stellen wollte. In Berlin, Breslau und Prag organisierte sie die Kriegsfürsorge. Man rühmte ihre Tätigkeit auch in Wien. Fichte hatte Rahel deutsch fühlen gelehrt; sie schreibt: „Wir Deutsche müssen uns mit dem echtesten Schmuck schmücken; das ist Gerechtigkeit, Mäßigung, Rechtlichkeit und Gesetzmäßigkeit." In dem namenlosen Kriegselend empfand sie es jedoch als ein Glück, den Verwundeten aller Nationen helfen zu können. Sie läuterte sich empor zu einer Seelengröße, wie sie in jüngster Zeit in Deutschland oft geübt wurde: „ . . . Verwundete Feinde sind es nicht mehr! Und wie soll es unfern Gefangenen dort gehen! Kann ich auf französische Herzen rechnen, wenn meins nichts taugt? Ich habe so einen Plan im Herzen, alle europäischen Frauen auszufordern, daß sie den Krieg niemals mitmachen wollen: und gemeinsam allen Leidenden helfen wollen: dann könnten wir doch ruhig sein, von einer Seite; wir Frauen mein' ich. Sollte so etwas nicht gehen? Doch zu viel tat ich den Fremden nicht. . . Aber wie sehen die Armen aus; oft weine ich; sie, haben Mütter wie wir, die sich tot weinten, wenn sie sie sehen." Dr. Elsa von Klei n. Literat«». Rabbiner Dr. Armin Abeles: Sind wir Juden oder Israeliten? Wien 1914. Im Selbstverläge des Verfassers. (Wien, 2. Bezirk, Rembrandtstraße 2.) In gewohnt formvollendeter und gründlicher Weise untersucht hier der Verfasser den Ursprung der Bezeichnungen „Juden", „Israeliten" und „Hebräer", verfolgt die verschiedenen Wandlungen derselben, wie sie auch aus dem jüdischen Schrifttum ersichtlich sind, und gelangt schließlich zu einem Resultate, das sicherlich von allen jenen gutgeheißen werden wird, die selbstbewußt ihr Judentum zur Schau tragen. Es sei mir nun gestattet, einiges ergänzend und berichtigend zu dieser kleinen, aber höchst aktuellen Abhandlung nachzutragen: Wenn der Verfasser bemerkt, daß „man in den Quellenschriften, wie Bibel, Talmud und Midrasch, das Wort mosaisch vergeblich suchen würde", so mag dies im großen und ganzen seine Richtigkeü haben, nicht zu übersehen aber war hier jene Stelle in Mischna Kethuboth 7. Abschnitt 6, wo von ,Tw*C FH, von mosaischem Gesetze oder Brauch die Rede ist. — Damit wird noch lange nicht erschüttert, was Dr. Abeles richtig betont, daß „im Gegensätze zu anderen Religionen, die nach Personen genannt werden, Moses nicht Stifter, sondern nur Lehrer unserer Religion ist", eine Ansicht, die übrigens auch im Kusari (II. § 56) ausgesprochen wird,