Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-11-13 · 45 (13.11.1914) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
45 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022135--23601-3048808
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

ü.clk 790 Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschnft jede» Sonntag von 5 0 Uhr abends im Saale des Vegetarischen Speischaujes, Adlcrgajsc 3. für jedermann freie und völlig kostenlos zugängliche Vorträge uno Vorlesungen zu veranstalten. Wie sehr der Entschluß eines einzelnen vollsten Anklang fand, bewies der überaus starke Besuch des am 8. d. M. abgehalienen ersten Vortrages über Professor Gerson Woiss „Die Juden in Oesterreich-Ungarn" (Verlag von P r o ch a s l a in Teschen 1883). Nächsten Sonntag folgt ein namentlich die galizi ch.'n Zwangsgäste Brünns lebhaft berührender Vortrag: „Die jüdischen ^-peisegesetze im Lichte der modernen Physiologie (Ledenslehre)". Znaim. Julius Stuckhart gefalle n.) Die hierortige angesehene Familie Sigmund und Anna Stuckhart wurde von einem schmerzvollen, unersetzlichen Verlust betroffen. Deren einziger Sohn Julius, Hörer der deutschen Technik in Prag und Fähnrich im "k. k. 93. Infanterieregiment, fiel im Alter von 23 Jahren in treuer und heldenmütiger Erfüllung der soldatischen Pflicht in der Schlacht bei Krasnik gegen die Russen am 23. August d. I. Das unerbittliche Schicksal fügte es, daß er gerade am Geburtstage seiner Mutter sein hoffnungsvolles Leben auf dem Felde der Ehre beschloß und als ob er es geahnt hätte, gratulierte er in gewohnt kindlicher Liebe mittelst Feldpostkarte bereits eine Woche früher, für den Fall, datz es ihnr später nicht möglich wäre. Sieben lange und bange Wochen vergingen, bis die amtliche Verlustliste (Nr. 26 vom 14. Oktober 1914) die traurige Gewißheit bestätigte. Mit Julius Stuckhart verlor die Familie nicht nur den einzigen hoffnungsvollen Sohn, sondern auch die Technische Hochschule in Prag einen ihrer begabtesten Hörer, die Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler daselbst einen ihrer besten und beliebtesten Kollegen, die zionistische Bewegung einen ihrer begabtesten Anhänger. Wir sehen ihn noch lebhaft vor uns, wie er im Jahre 1913 keine Mühe scheute, um einen Lichtbildervortrag über die Fortschritte der Ansiedlungen in Palästina zustande zu bringen und sodann mit fesselnder Beredsamkeit die einzelnen Bilder über die neuen Ansiedkungen, Ortschaften und Bauten in kultureller und wirtschaftlicher Bedeutung erläuterte. Die Begeisterung für alles Erhobene und Gute, die rasche Erfassung des praktisch Durchführbaren, die gewinnende Persönlichkeit und fließende Beredsamkeit wie die Beherrschung der zionistischen Literatur zeichneten den jüdischnational bewußten Studenten ebenso aus wie die heldenmütige Erfüllung seiner militärischen Pflichten. Das innige Mitgefühl aller, die ihn kannten, sei wenn auch nur ein schwacher Trost für die trauernde Familie. Biala. (Kultuspräses Hermann Körbel.) Am 25. Oktober I. I. wurde unser hochverehrter, allseits beliebte Kultuspräses und Obmann der Chewra Kadischa Herr Hermann Körbel, der ein Alter von 70 Jahren erreicht hatte, zu Grabe getragen. Vor der Leiche hielt Ehrwürden Rabbiner Dr. Glaser im Tempeleinen ergreifenden Nachruf, in welchem vor alle'm die Tugenden des Verblichenen gewürdigt wurden. Der Verstorbene war aber auch wegen seines geraden, biederen und einfachen Wesens allgemein beliebt. In der neuerbauten Zeremonienhalle des Friedhofes sprach zunächst im Namen des Kultusausschusses Herr Dr. Josef Schmetterling, sodann der Obmannstellvertreter der Chewra Kadischa Herr Ignaz Perl. Beide Herren würdigten die Verdienste des Verstorbenen um die vertretenen Institutionen. — Der Verblichene hinterläßt zwei (söhne in angesehener Stellung: Ministerial-Oberkommissär Dr. Josef Körbel und Professor Dr. Alfred Körbel am Wiener Erzherzog Rainer- Gymnasium, und drei mit distinguierten Persönlichkeiten verheiratete Töchter: Frau Hermine Münzer in Bielitz, Frau Ella K r a s n y in Mähr.-Ostrau und Frau Herta Jerusalem in Reichenberg. Prag. (Auszeichnung..) Herr Josef Thein, Chorsänger im israelitischen Tempel, erhielt für 40jährige. treue Dienste von der k. k. Statthalterei die Ehrenmedaille. Deutsche Feldprediger. Herr Dr. Georg Salzberger, Rabbiner in Frankfurt a. M., befindet sich als Feldprediger aus dem französischen Kriegsschauplatz. Reichenberg. In den nächsten Tagen werden hier ungefähr 2000 Flüchtlinge aus Galizien, zum größten Teile Juden, eintreffen. Seitens des Vorstandes und Rabbinates der hiesigen Kultusgemeinde wie auch seitens des jüüdischen Frauenvereines werden bereits umfassende Vorbereitungen getroffen, um das Los der Bedauernswerten nach Möglichkeit besser zu gestalten. Landesrabbinerkomitee für Kroatien und Slavonien. Pie kgl. Landesregierung zu Agram hat mittels Dekretes vom 19. Oktober 1914 im Sinne des §3 der Landesregierungsverordnung v. 7. Juni 1910, Zl. 7745, die ehrlvürdigen Herren Oberrabbilier Dr. H. Jacob i Agrain, Dr. S. U n g a r- Essegg, Dr. I. Diamant- Vnkovar, Dr. Jg. Ern st-Warasdin und Dr. M. Fran kfu rte r-Biilkovci zur Mitgliedern des Landesrabbinerkomitees für die Königreiche Kroatien und Slavonien mit dreijähriger Mandatsdauer ernannt. Die Einnahmen des Jüdischen Rationalfonds im Monat Oktober ' beliefen sich auf Mark 22.035.06. Hievon entfallen aus Nordamerika Mark 11.871.52, Deutschland 2430, Canada 1691.80, Palästina 1218.80, Griechenland 1054.24, südslavischc Länder 941.47, Oesterreich 1910.62, Ungarn 370.96, Rußland 213.52, Brasilien 193.50, der Rest auf Südafrika, Ostasien und Australien. Aus Rußland sind noch größere Spcndenbeträge angekündigt, konnten aber infolge der schlechten Kommunikationen nicht sogleich überwiesen werden. Aus London wird gemeldet: Lord Leopold von R o t h s ch i l d veröffentlicht einen Aufruf an die Juden Englands zur Unterstützung der belgischen Juden, die durch die Kriegsnot furchtbar jgelitten haben. Lord R o t hschild schreibt in dem Aufruf, daß eine große Anzahl belgischer Juden Hunger leide und Hilfe dringend notwendig sei. zfeuttteton. Gin Kriegsbureau im Jahre 1818.*) „Gute Menschen, wenn etwas Gutes für die Mensch heit geschieht, dann gedenkt in eurer Freude auch meiner." — Diese Worte bestimmte Rahel Varnhagen von Ense (1771 bis 1883) zu ihrer Grabschrift. Die Nachwelt bewahrte vor allem die geistige Erscheinung Rahels: ihr Name ist unauslöschlich verknüpft mit der gesellschaftlichen Gleichstellung des Judentums und der geistigen Befreiung der Frau. Das beste an Rahel war jedoch das „gut bestellte Herz". Sie konnte von sich sagen: „Wenn mir Gott Menschen schickt, bei mir ist kein Atemzug, kein Pulsschlag, kein Blick verloren". Im Befreiungsjahr suchten unzählige Menschen ihre Hilfe; damals rief sie jubelnd aus: „Mein ganzer Tag ist ein Fest des Gutestun. Mittett ün Unglück solch ein Glück!" Rahel war mimosenhaft empfindlich; ihr Psychophysisches Befinden war von der Witterung und Natnrftimmung abhängig. Auch für die seelische Atmosphäre, welche die Menschen ihr bereiteten, war sie äußerst empfänglich. In ihrer Kindheit wurde sie durch ihren ftrengen Vater, den Bankier Markus Levin, niedergedrückt. Dann litt sie unsäglich durch ihre Liebe. Von allen Geistesströmungen wurde sie mitgerissen: mit den Romantikern sehnte sie sich mach dem „katholischen, musikalischen Italien" und wurde selbst katholisch. Für das Deutschtum begeisterte sie Fichte durch seine erweckenden Reden. Als er starb, schrieb sie: „Deutschland hat sein eines Auge zugetan." Sie liebte die theosophischen Werke Saint Martins und, als nach endlosen Krankheiten ihre Kräfte und Funktionen sich verwirrtet!, vertiefte sie sich in die Erbauungsschriften der Madame Guyon, die im Schmerz einen.Genuß findet. Ihre eigene tiefaufwühlende Leidenschaft lehrte Rahel auch fremdes Liebesleid verstehen. Sie wurde die Vertrante des feurigen Wilhelm von Burgsdorf, den die vornehme Gesellschaft wie den Neffen des lieben Gottes *) Aus der Oesterr. „Rundschau".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.