Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 45 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 782 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 45 „Kn weine lieben Juden!" — eine für Amerika bestimmte Mge. Aus Newyork wird uns geschrieben: Nun wird es auch in Amerika lichter. Mehrere Newyorker Blätter brachten dieser Tage die folgende Mitteilung: Der Lügenfeldzug der alliierten Mächte, der mit so großem Erfolg im Gegensätze zum Schlachtfeldzug geführt wird, bewirkte es, daß man außerhalb Rußlands an eine bereits erfolgte Besserung der rechtlosen Lage der russischen Inden glaubte. Es tauchte sogar in sehr bestimmten Formen das Märchen von einem Manifest des Zaren „An seine liebeil Juden" aus. Es scheint voll russischen Agenten speziell für das Ausland fabriziert worden zu sein. In Rußland selbst weiß man nicht das geringste davon. Namentlich in Amerika gibt inan sich dem Glauben hin, daß die politische Gleichstellung der Juden eine bereits vollzogene Tatsache sei. Alle diese Annahmen entbehren jeder tatsächlichen Grundlage. Im Gegenteile: die Lage der russischen Juden hat sich infolge des Krieges noch Hundertfach verschlechtert. Alle mittelalterlichen Härten und Grausamkeiten, die die Judengesetzgebung in Rußland mit sich führt, treten gegenwärtig doppelt scharf hervor. Der Ansiedlungsrayon besteht uad) wie vor. Sogar jetzt werden zahllose jüdische Familien aus ihren Heimatsorten, die von der korrupten russischen Polizei als außerhalb des Rayons liegend gedeutet werden, ausgewiesen. Während per Krieg an der östlichen Grenze, dem Hauptsitz der jüdischen Bevölkerung, tobt, während 350.000 bis 400.000 jüdische Soldaten für das „Väterchen Pogrom" kämpfen, werden ihre Angehörigen außerhalb des Rayons nicht geduldet. An den alten Orten dürfen sie nicht bleiben, ins Innere des Reiches dürfen sie nicht kommen. Als Rußland vom Eingreifen Englands in den Krieg noch nicht völlig überzeugt war, trug sich die Regierung mit der Idee, den Ansiedlungsrayon aufzuheben und noch ein paar andere liberalere Formen zu versprechen, um auf die liberale öffentliche Meinung einzuwirken. Dies erwies sich aber überflüssig, denn England beeilte sich, seinen Anschluß an das Kosakentum kundzugeben. „England hat leider zu früh Ja gesagt", seufzte mancher fortschrittliche Russe. Aosakerrjustiz. Das barbarische Vorgehen der Kosaken gegen die polnischen Juden schildert folgender Feldopstbrief des Prager Arztes Dr. Josef Poppe r aus einer Stadt in Rußland. Der Brief lautet: Rußland, 8. Oktober 1914. Ein tragisches Ereignis, dessen Augenzeuge ich gewesen, veranlaßt mich, einen freien Moment zu benützen, um Ihnen folgenden krassen Fall russischer „Justiz" zu Ihrer Kenntnis zu bringen. Zum besseren Verständnis schicke ich eine persönliche Bemerkung voraus: Ich bin einem Feldspitale zugeteilt und seit 18. August ununterbrochen im Felde. Viel Leid hatte ich Gelegenheit zu sehen, nie geahntes menschliches Elend hier in Russisch- Polen wahrgenommen, ständig in Fühlung mit der Bevölkerung, unter der bedauernswerte Juden die Unglücklichsten der Unglücklichen sind. Wie mit diesen armen Geschöpfen umgegangen wird, beleuchtet eben der Fall, den ich kurz mitteiken will. Am 6. d. M. rückte unser Feldspital bei furchtbarem Wetter — Kälte, Regen und Hagelschauer — in dein Städtchen St. ein. Eingangs des Ortes fiel mir eine Gruppe von Juden auf, die trotz des jüdischen Feiertages mit Hacke und Schaufel eine Grube aushoben, und, wie ich mich bald überzeugte, eine Exhumierung Vornahmen. Elf Juden waren wenige Tage vorher hier eingescharrt worden. Warum mußten sie sterben? Kosaken kamen ins Dorf Se. und fragten nach Tabak; ein Bauer nannte einen jüdischen Händler, der angeblich Tabak vorrätig habe. Diese Annahme erwies sich als unwahr. Trotz Ausplünderung seines kleinen Geschäftes wurde Tabak nicht gefunden, was umso glaubhafter ist, als Tabak hier selbst in größeren Städten absolut nicht zu haben ist und wir überall um Papirosy (Zigaretten) selbst von wohlhabenderen Leuten angebettelt werden. Nun wollte es das Unglück, daß einige Tage nach dieser vergeblichen russischen Tabakrequisition die Hütte jenes Bauerndenunzianten in Brand geriet. Was bedeutet jetzt hier ein Brand? Viele Brandschäden entstehen durch Unvorsichtigkeit der in Scheuern einquartierten Soldaten, vott den durch Kanonaden und aus taktischer: Gründen verursachten Bränden nicht zu reden. Allein der Bauer glaubte einen anderer: Grund zu finden — aus Rache habe ihm der obenerwähnte jüdische Händler seine Hütte artgezündet, und dies., am Versöhnungstage (Jom Kippur) der Juden! Sofort ging er in das Städtchen St., meldete den Brand und die vor: ihm ersonnene Ursache beut daselbst kommandierenden Kosakenoffizier. Dieser beorderte eine Patrouille in das Dorf Se., um den „Schuldiger:" zu bestrafen. Ir: inbrünstigen: Gebete sind die Juden des Dorfes versammelt. Diese Art Gottesdienst muß mar: selbst gesehen haben, dieses vor: Angst und. Weh durchzitterte Stöhnen und Flehen. Plötzlich dringt in die Betstube die Kosakenpatrouille ein, von 31 betenden Juden fliehen 20, 11 werden festgenommen und in das Städtchen St. gebracht, hier mit ihnen kurzer Prozeß gemacht, noch an: selber: Tage wird ihr Vorbeter gehängt, die übrigen zehn erschossen ur:d an der Stelle eingescharrt. Nachdem unsere Truppen vor: diesem Städtchen Besitz ergriffen, erschien eine Abordnung beim Stationskommandanten, der ihr die. Erlaubnis gab, ihre Glaubensgenossen auszuscharren und am Ortsfriedhofe beizusetzen. Als wir einmarschierten, vollzogen die Juden eben diese Exhumierung. Die Ihnen gegebene Schilderung des Sachverhaltes stammt über Befragen meinerseits nicht nur von Juden, sondern auch vom Hausverweser eines-eingerückten christlichen Arztes, iw dessen Haus wir einquartiert waren. Nachstehende ergreifende Skizze entnehmen wir der Prager „Bohemia". Das Mädchen mit den Schrapnellschüssen. Im Podoler Sanatorium liegt ein sechsjähriges hübsches Iudenmädchen mit rosigen Wangen und siebenmal zerschossenem Körper, die kleine Heitschul. Selig liegt sie in den Kissen, kaum ein Klagelaut kommt über die Lippen. Dieses Kind erlebte in den letzten Tagen Entsetzlicheres, als der stärkste Mann es ertragen könnte. Sie verlor Mutter und Brüder, während ihr sieben Schrapnellschüsse durch den Leib drangen. Nur durch ein Wunder konnte sie am Leben bleiben, sagen die Aerzte, sonst mützte sie siebenfach gestorben sein. Dieses Mädchen, das an einem Tage Heimat, Mutter und Brüder verlor, erwacht nun langsam aus Blut und Wunden zu neuem Leben. Am Krankenbette sitzt ihr Großvater, der Letzte seines Stammes. Er horcht, ob das zitternde Seelchen vor ihm zu leben beginnt. Er kann nicht weinen, kann kaum mehr sprechen. Dies aber ist. die Tragödix der Familie Heitschul: An einem Freitag, wurde das Dorf bei Jaroslau geräumt. Die Kosaken kommen, hieß es. Die Familie Heitschul blieb. Die Nachbarn kamen und warnten: Bleibt nicht, wartet nicht auf den Tod, flieht mit uns! Wir bleiben, entschieden die Söhne, während die Mutter den Kaufmannsladen sperrte. Als es dämmerte waren die Heitschuls die einzigen Bewohner des Dorfes. Rings gespensterische Finsternis, nirgends ein Laut, ein Hauch. Die Mutter stellte zwei Kerzen auf den Tisch und begann zu beten, während die Söhne vor die Türe traten, um ins Weite zu horchen. Da nahten Schritte, langsame, schwer schlürfende Schritte: es waren abgesprengte österreichische Soldaten. Freudig liefen ihnen die jungen Leute entgegen, bewillkommten sie und führten sic in das gastfreundliche, erleuchtete Haus. Dreizehn müde, hungrige, durstige Soldaten. Die Mutter nahm sie auf, als ob sie aller Mutter wäre, entzündete - zum ersbumdl an einem Freitagabend — trotz der Sabbatfeier den Spiritusbrenner und kochte Tee. Da