Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 45 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nc. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 775 die noch imitier gleich wahr bleibt: „Einst fuhr ein Schiff hinaus ins Weltmeer, dessen Insassen Angehörige verschiedcner Völker waren, mit Ausnahme eines Einzigen, der ein Jude war. Als sie zu einem Hasen kamen, wandten sich alle an den Juden mit dem Ersuchen, er möge in den Hafen gehen und ihnen Zehrung versorgen. Da rief der Jude verwundert aus: Bin ichnicht auch ein Fremder dort, und wie soll ich es wissen, tvohin ich mich in dieser fremden Hafenstadt zu tuenden habe?! Da sprachen diese: G i b t e s e i n e n I u d e ti, der i r g e ll dwo in der Welt fremd ist?! Wo du gehst, geht dein Gott nüt dir, denn so heißt es in der heiligen Schrift: Wo ist noch eine Nation,, der Gott immer nahe ist, wo immer wir ihn anrufen!?" Die Geschichte niit dern überall heimischen Juden hat hier der Midrasch in ihrer auslaufenden Spitze auf die Allgegenwart des jüdischen Gottes übertragen, denn der Geist dieses exegetischen Schriftwerkes ist ein speziell religiöser. Aber der materielle Untergrund bleibt sich dennochin seiner politischen Bedeutung gleich lvahr, der sich auf den Juden selbst bezieht. Der Jude ist tatsächlich der Einzige in der Welt, der mit seinem Gotte, seiner Religion, seiner Erkenntnis nirgends fremd ist; überall findet er Spuren seiner Vergangenheit, seiner Denkmäler, seiner Geschichte; überall Kenner seines Glaubens, seiner Lehre. Gibt es einen Juden, der irgendwo als Gast, als Fremder sich betrachten müßte? Er findet überall Anknüpfungspunkte, und er hat sich daher auch überall akklimatisiert, er ist der prädestinierte Mittler der Völker der Welt! Bei der neuesten Kriegsweiterung, die mit dem Aufflantmen der Türkei nach dem Orient weist, wenn — mit mit Goethe im Faust zu sprechen — der Bürger ausruft: „Wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen," dann hat dies für uns Juden was besonderes zu bedeuten; dann horchen wir auf; denn die Türkei ist ein Machtfaktor, der das heiligste Pfand der ältesten monotheistischen Religion in Händen hat — jenes, auf welches unser Auge zu blicken noch nie aufgehört hat; das mit dem zukünftigen Heil aller Völker innig verknüpft ist; es ist P a l ä st i n a — dorthin neigt und wendet sich die neueste Kriegsweitern n g des größten W e l t d r a m a s d e r m ä ch t i gst e n Nationen der Men s ch heit! Irr paliistinrnstsch-iigypNsche Kriegsschauplatz. Von Rabbiner I. Horooic; aus Jerusalem. Durch den Beginn der russisch-türkischen Feindseligkeiten platzte eine neue Bombe von unermeßlicher Tragweite in den Weltkrieg hinein. Auf der Hohen Pforte war es längst kein Geheimnis, daß ottomanische Lebensinteressen am Bosporus und türkisches Gebiet in der Nahe Aegyptens bedroht sind. Die Mobilmachung der Türkei hat auch für die Konzentrierung der Truppen vorzugsweise die Länderteile von Syrien und Palästina als Standorte ausersehen, weil es sich für sie nicht so sehr um eine Gefahr auf dem europäischen Kriegsschauplatz, als um eine Abwehr englischer Unternehmungen in der Gegend von Wad el Arisch, der Grenze zwischen Aegypten und dem südlichen Palästina, gehandelt, die zurzeit von gut organisierten Beduinentruppen bewacht ist. Kaum haben jedochdie Feindseligkeiten begonnen, als auch schon türtischerseits offiziös versichert wird, daß die ottomanische Regierung nicht mit der Ausiveisung der Staatsangehörigen der Tripelentente Vorgehen und diejenigen, die abreisen wollen, an der Ausführung dieser Absicht nicht weiter hindern wird. Diese Entschließung, obnwhl sie für Kenner der Verhältnisse nichts Ueberraschendes bietet, ist für Palästina von weittragender Bedeutung. In Palästina und besonders in Jerusalem sind wohl sämtliche bekannten Nationen und Staaten durch kleinere und größere Niederlassungen vertreten. In ganz unauffälliger Weise haben aber die Staaten der franko-englisch-russischen Allianz seit Jahr und Tag mehr oder weniger sich bemüht, ihren politischen Einfluß durch Schaffung von Institutionen und Ausdehnung der Protektorate in Palästina zu befestigen. Auf einen Rechtsbruch mehr oder weniger kam es in der Blütezeit der Kulturfortschritte nicht mehr an. Daß diese zahlreichen Kolonien mit ihren Schulen und nationalen Sonderrechten sich trotzdem stets ungestört entwickeln konnten, ist der sprechendste Beweis für das Humanitätsgefühl und die Ritterlichkeit, von welcher die regierenden Kreise im osmanischen Reiche beseelt sind, und für den Geist völkerrechtlicher Freiheiten, die in Palästina herrschen. Charakteristisch ist es, daß auch während der Kriege mit Italien und den Balkanländern die Untertanen der kriegführenden Staaten von den türkischen Behörden nicht moleftiert wurden. Für die jüdische Bevölkerung Palästinas involviert dieser hochherzige Akt der türkischen Regierung ge radezu eine lebensrettende Wohltat. In Jerusalem allein leben etwa 20.000 jüdische Seelen von russischer Abstammung, deren größter Teil in staatsbürgerlicher Be ziehung noch dem russischen Konsulate untersteht. Außer diesen gibt es noch in Jerusalem eine ansehnliche Bucharimgemeinde, deren Landsleute in der neurussischen Heimat periodischen Vertreibungen ausgesetzt, in der heiligen Stadt aber als „liebe Inden" dem russischen Schutz unterworfen sind. Was würden auch die in Palästina allein zerstreuten 25.000 30.000 russi scheu Untertanen beginnen, wenn die türkische Regierung nach bekanntem Vorbild ihnen den Befehl erteilen würde, daß sie innerhalb 24 Stunden in ihre Heimat zurück kehren müssen! Unsere (Klaubensbrüder von russischer .Herkunft werden unter dem Szepter des Sultans auch in diplomatischem Sinne nicht als Feinde betrachtet wer den. Man hegt kein Mißtrauen gegen sie und, wie es in Oesterreich, Ungarn und Deutschland geschehen ist, werden sie auch in der Türkei in keiner Weise behelligt werden. Die Regierungsbehörden wissen es ganz genau, daß diese „Ausländer" eigentlich loyale Bürger sind, die sich nur in ihrer alten barbarischen Heimat wie „Fremde" fühlen müssen. Früher oder später wird die jüdische Bevölkerung übrigens auch in bürgerlicher Be ziehung organisch zu einem Ganzen verbunden werden und im Rahmen der konstitutionellen Türkei unschützbare Dienste für die Gesamtentivicklung des Landes leisten. Die jüdische Bevölkerung Palästinas ist auch für die dort in guter Entwicklung befindliche deutsche Sprache und Kultur ein nicht zu unterschätzender Faktor. Etwa 60.000 jüdische Bewohner des Landes sprechen und schreiben den jüdisch-deutschen Jargon. Ein ansehnlicher Teil dieser deutschsprechenden Juden beherrscht auch die reindeutsche Sprache in Wort und Schrift vollständig. Wenn man hierzu die deutschen Kolonien Palästinas zählt, die an mehreren Orten gut organisiert sind und, wie in Jerusalem und Jaffa, eigene ausgezeichnete Schulen erhalten, dann kann man das deutsche Element in Palästina unter den fremdsprechenden Nationen an erste Stelle setzen. Die Zahl der österreichischen und ungarischen Untertanen dürfte in Palästina größer sein, als die der deutschen. In Jerusalem und Saffed ist die Monarchie durch ansehnliche jüdische Gemeinden vertreten, die auch in