Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 45 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seuc 774 Dr. -Bloch's Wochenschrift 'Jit. 45 in den Juden „das wirksame Ferment des Kosmopolitismus" sah — da sie doch durch das zähe Festhalten an chrem religiösen Standpunkt einen lebendigen Protest gegen das internationale Gleichmachertum bilden —, sondern in gerechter Würdigung ihrer bürgerlichen Qualitäten und ihrer religiösen Anschauungen, die M o m ms c n — wie wir oben gesehen haben — als deuts ch e r Geschichtsschreiber der römischen Geschichte — so objektiv anerkennt. Cäsar hat den Juden Roms unbedingte und uneingeschränkte Religionsfreiheit gewährt. Sein Adoptivsohn A u g u st u s erweiterte noch die Privilegien. So bestimmte er, daß die Entwendung der nach Jerusalem gesandten Tempelabgaben wie Tempelraub, das heißt mit dem Tode bestraft werde. Diese Tempelgelder, die von den außerhalb Palästina lebenden Juden gesanrmelt wurden, bildeten große Summen. So war im Jahre 59 v. d. b. Z. der Proprätor Flaccus unter anderem auch wegen der Beschlaglegung — besser gesagt des Diebstahls — der Tempelspenden mehrerer jüdischen Gemeinden Klein-Asiens angeklagt. Es waren 200 Pfund Gold (nach unserem Geldwert beiläufig 200.000 Kr.), und kein Geringerer als Cicero hatte die Verteidigungsrede vor den Richtern zu halten. Begreiflich, daß sich damals auch viele Juden in den Gerichtssaal drängten. Mit der klugen Berechnung eines Verteidigers in Strassachen ruft nun Cicero dem Kläger L a e l i u s zu: „Du weißt ja, wie groß die Zahl der Juden ist, wie eng sie zusammenhängen, welchen Einfluß sie in den Comitien haben und in den Volksversammlungen ausüben." So spricht Cicero in Rom, das zu jener Zeit eine Million Einwohner zählte, die größte Stadt der damaligen Welt war, und die damals regierenden Kreise fanden den jüdischer! Einfluß als wohltätig und staatserhaltend. Der Wendepunkt trat erst ein, als der große Krieg ausbrach, der Jerusalem einäscherte, und auch das war eine Folge der wahnsinnigen Cäsarenherrschaft der C aligula, Nero und Domitian, die von rachsüchtigen und den Juden feindlichen hellenischen Kammerdienern und Ohrenbläsern des skandalisierten römischen Hofes und seinen verderbten Hofskriblern in die an Irrsinn grenzende Verworfenheit getrieben wurden. Im weströmischen Reiche hatten die Juden >vohl nicht mehr die Bedeutung für die Volksstimmungen, wohl aber noch weit über das Mittelalter hinaus in den oströmischen Provinzen. Ja, es soll erwiesen werden, daß dieser dominierende Einfluß noch zu den Zeiten des großer: Napoleon zu neuem Leben erweckt werden konnte. Es ist notorisch, daß die Vernachlässigung des jüdischen Elementes im Orient zur Zeit der Krenzzüge von ihren Veranstaltern auch nicht rvenig zum Fehlschlagen derselben für die Christen beitrug. Johann von B r i e n n e, der zweite Sohn Eduard II. Grafen von B r i e n n e, war von Philipp August nach Palästina geschickt worden. In großer Begleitung war er am 13. September 1210 in St. Jean d'Acre angelangt. Dort heiratete er Mar,ia, die Tochter des Conrad und der I s a b e l l a, und lvurde arn 3. Oktober in Acre zum König von Ierusale m gekrönt. Diese Stadt und das nahe T y r u s bildeten die einzigen kleinen Ueberreste des von den Kreuzzüglern eroberten Palästina, und das Königreich von Jerusalem war nun schon auf diesen kleinen Raum beschränkt. Johann von Brienne, als er sah, daß die Christen in Palästina von Tag zu Tag an Macht und Einfluß abnahmen, schmeichelte nun den Juden, in der Hoffnung, an ihnen mächtige Gehilfen zu finden. Diese waren auch tatsächlich durch ihren Eifer, durch ihre materiellen Hilfsquellen sehr geeignet, den Erfolg der Kreuzzüge zu stützen. Ist es doch bekannt, welche Vorteile die Perser von ihnen hatten, als sie im Jahre 614 daran gegangen waren, Palästina zu erobern. 25.000 Juden kämpften unter den Fahnen des Körrigs Khosru. Ebenso hatte sich dann der Sultan Omar der Juden im Kampfe um die Eroberung Palästinas bedient. So glaubte nun auch Johann v. Brienne bei dem Fehlschlagen der Kreuzzüge durch die Heranziehung der Juden seine Herrschaft zu befestigen und sie nach und nach zu erweitern. Als nun im Jahre 1211 die Rabbiner von Frankreich und von England, 300 an der Zahl, beschlossen hatten, nach Jerusalem auszuwandern, wurden sie vom König von Jerusalem in großen Ehren empfangen, er ließ ihnen Synagogen und Schulen errichten. An der Spitze dieser ausgewanderten jüdischen Gelehrten standen Männer wie Rabbi I o n a t h a rr h a - K o h e n aus Lstnel, der berühmte Bewunderer der Werke des Mairnonides, der mit ihm korrespondierte und auf dessen Veranlassung Samuel ibn Tibbon die hebräische Uebertragung des More-Nebochim unternahm. Unter ihnen war auch ein Rabbi Saadia, ein hebräischer Dichter und Verfasser eines Kommentars zu den Büchern der Chronik, der von den Tossafisten im Traktat Joma, F. 9, erwähnt wird. Endlich ein Rabbi Samuel bar Simson, der eben die Reisebeschreibung nach Palästina verfaßte, welcher Carmoly in seinen lilueiaiies de la terre sainte“ die angeführten Daten entnimmt. Die Anbiederung an die Juden war aber für der: Erfolg der Kreuzzüge bereits verspätet. Die Grausamkeiten, denen die Juden von den fanatisierten Horden in den Rheinlanden in jenen Jahrhunderten ausgesetzt waren, konnten auch nicht dazu beitragen, sich mit Leib und Seele im Orient für sie einzusetzen. Noch einmal sollte die Erkenntnis von der Wichtigkeit des' jüdischen Elementes zur Festhaltung Palästinas unb' des Orientes in einem Kopfe aufleuchten, der sich rricht von Sentimentalitäten leiten ließ, sondern seine politischer: Kombinationen auf objektive, rationelle, der: aktuellen Tatsachen entsprechender: Maßnahme!: aufbaute. Es war dies Napoleon I. Sein Name sagt alles. Als er die Expedition nach Aegypter: vorbereitete, von der aus er seinen meteorhyften Aufstieg antreten sollte, veröffentlichte er einen wenig gekannten Aufruf an die Inder: Asiens und Afrikas, der im Moniteur, Jahrgang VI, Nr. 243, S. 989, erschien. Er lautet: „Constantinopel, den 28. Germinal. Bonaparte ließ eine Proklamation bekannt machen, in welcher er alle Juden in Asien und Afrika einladet, sich unter seinen Fahnen einzureihen, um das alte Jerusalem wieder 'herzustellen. Er hat bereits eine große Zahl von ihnen bewaffnet und ihre Bataillone bedrohen Aleppo." Vielleicht stehen wir in dieser: Zeiten der Kriegsweiterungen wieder vor einer solchen Eventualität und die Lehren der Vergangenheit werden der: Staatsmännern der Gegenwart zeigen, daß der Jude auch heutiger: Tages noch immer ein starkes Element im Orient ist, das nicht abgeftoßen, sondern zu den Entscheidungen der neu zu bildenden Weltkarte herangezogen werden muß. Die Vergangenheit des jüdischen Volkes ist unbedingt eine solch große, der sich die eines jeden andern nicht an die Seite stellen kann. Sie ist unbestritten eine rätselhafte, die dem Geschichtskenner sagt, daß dem Judenvolke noch eine große Mission bevorsteht. Sie ist immerhin eine eigenartige, wie sie M o m m s e n mit dem Worte bezeichnet, sie ist ein „Problem" der Weltgeschichte, das noch der Lösung harrt. Die Eigenartigkeit im Sinne Mo mm se ns Haben unsere Gelehrten durch folgende Geschichte gekennzeichnet.