Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 44 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Sette 771 Dr. Bloch's Wochenschrift Leitomischl. (Spenden.) Für die jüdischen galizischen Flüchtlinge sind uns von den- Herren Victor Popper ftr. 2, Gustav König 2, I. Löbl 4, Rud. Fischer 2, Doktor Wantoch 5, Mar Breitenfeld 7, Lud. Singer 2, zugekommen. Aufruf! Jüdischer Verlag, Berlin, G. m. b. H. Berlin, im Oktober 1914. Die Unterzeichneten haben die Herausgabe einer Sammlung von Kriegsbriefen deutscher und österreichischer Juden in Angriff genommen, die demnächst erscheinen soll. Obwohl eine große Anzahl von Briefen bereits vorhanden ist, wäre die Bereicherung des Materials sehr erwünscht. Die Unterzeichneten bitten alle, die Originalbriefe, Aufzeichnungen, auch photographische Aufnahmen und Handzeichnungen besitzen, diese zur Verfügung zu stellen. Die Originale werden nach kürzester Zeit den Eigentümern zurückerstattet und evtl. Auslagen vergütet. Der Herausgeber: Der Verlag: Dr. Eugen T a n n e n b a u m, I ü d. Verlag G. m. b. H. jBerlin W. 62, Berliu W. 15, Bayreutherstraße 21. Süchsischestraße 8. Feuilleton. Seelsorge im Schützengraben. Feldrabbiner Dr. Samuel Schlesinger, in Friedenszeiten Rabbiner in Monor, der einer Honveddivision am südlichen Kriegsschauplätze zugeteilt ivar, erzählt folgendes Erlebnis: „Das Offizierskorps ließ mir während der ganzen Zeit die höchste Achtung zuteil werden. Ich hatte gewöhnlich auf dem Verbandplätze bei den Verwundeten und Sterbenden zu tun, wo ich den Soldaten Trost spendete und sie ermutigte. Wiederholt fiel mir die traurige Pflicht!zu> an der Bestattung jüdischer Offiziere teilzunehmen. Zwei von ihnen brachte ich nach Bosnien zurück, damit sie im Innern der Monarchie ihre letzte Ruhestätte finden, und zwar Dr. Sandor G o n d a, hauptstädtischen Arzt, vom 29. Regiment, der am Verbandsplätze fiel, und den Oberleutnant Földes. Das Offizierskorps benahm sich äußerst kollegial mir gegenüber. Allabendlich, wenn nach dem Nachtmahle uüter freiem Himmel kameradschaftlicher Gedankenaustausch stattfand, ersuchten mich die höheren Offiziere stets, ich möchte ihnen aus der Geschichte unserer Religion und den Grundzügen unserer Sittenlehre einiges vortragen. Mit gespannter Aufmerksamkeit und achtungsvoll horchte die Gesellschaft, in welcher sich Generale) Oberste und Majore befanden. Oberst Graf St. gewann mich so sehr lieb, daß er mir sogar sein Zelt zur Wohnstätte anbot. Die Hauptsesttage feierten wir mit festlichem Gottesdienste. Ich war Rabbiner und Vorbeter in einer Person. Zu Selichos betete ich um drei Uhr früh, die christliche Wache assistierte bei meiner Andacht, ich betete in ungarischer Sprache, damit sie es auch verstehen. Als ich die Tefillin anlegte, kamen sie hin und halfen mir. „Wir haben so etwas schon in unserem Dorfe gesehen," sagten die ungarischen Jungen. Zu Neujahr versammelten wir uns — so weit wir nicht gerade in der Schwarmlinie beschäftigt waren — in einem kleinen Zimmer auf dem Verbandsplätze. Eine Thora hatten wir, Kerzen ließ ich aus Zvornik holen, und wir beteten mit Tränen in den Augen, in solcher Ergriffenheit wie noch nie. Draußen ging der Kampf. Einige Kilometer von uns lag die Schwarmliuie. Granaten heulten, man blies zum Sturm. Das Publikum bestand aus Offizieren und Mannschaften, aber selbst die Aerz-te — zum größten Teile Juden — eilten auf je eine Minute zum Verbandsplätze hin. Am Riosch-haschonoh-Nachmittag ging ich in die Feucrliuie, um auch mit jenen jüdischen Soldaten zu beten, welche ihren Platz nicht verlassen konnten. Ich kroch in den Graben hinein, ich mußte leise sprechen, denn einige hundert Meter von uns entfernt lag der Feind. Ich fragte kurz: „Gibt es hier Soldaten jüdischen Glaubens?" Bon da und von dort antworteten einige Stimmen: „Es gibt welche, hochwürdiger Herr." Und ich begann leise zu sprechen: „Wißt ihr, jüdische Soldaten, daß heute Rosch-haschonoh, das jüdische Neu jahrsfest, ist?" Einige Stimmen antworteten: „Wir wissen es, man hat es uns vom Hause geschrieben." Eine tiefe Stimine aus deni nächsten Graben: „Ich möchte von meiner Familie Nachricht bekommen, Herr Rabbiner. . . ." Ein anderer: „Ich möchte mit meinem kleinen Sohn beisammen sein am Festtage." Und ein dritter: „Hier können wir nicht beten, heiliger Vater." Ich beruhigte sie: „Ihr müßt nicht beten, meine Söhne. Ich werde für euch beten. Ich enthebe euch von dem Gebete. Kämpfet nur wacker und begeistert für das Vaterland, das wird der schönste Gottesdienst sein." -- Verhaltenes Schluchzen ward von den Gräben hörbar. Neben mir lag ein Bauernjunge mit großem Schnurrbart, der mir zuwinkte und leise flüsterte: „Recht gesprochen, Ehrwürden." Ich richtete noch einige Worte an die jüdischen Soldaten, aber ich konnte nicht länger bleiben, es wurde Sturm geblasen, der Graben setzte sich in Bewegung und ich mußte zurück ins Land. Kri de« Toten des Kampfplatzes. Der Kriegsberichterstatter des „Az Est" Paul Keri gibt in dem genannten Blatte jeine ergreifende Schilderung seines Ganges zwischen den Totenreihen nach der fürchterlichen Schlacht bei Przemysl. Wir entnehmen dieser Schilderung folgende packende Stelle: „Leiche liegt neben Leiche. Ungefähr sechs Schritte von der Bykover Stellung entfernt zieht sich der letzte Graben und dann unmittelbar vor dem Drahtzaun, kaum dreißig Schritte davon wieder einer. Diesen Graben mußten sie unter hämmerndem Hagelregen der Kugeln in fürchterlichem Feuer graben. An einer Stelle im Graben verraten Aschenreftc, daß hier Feuer gelegt wurde, daneben ein Blechtopf mit Teeresten am Grunde. Und ich stoße auf drei Leichen, vor denen ein aufgeschlagenes Gebetbuch liegt. Ich möchte gerne gelesen, was sie in der letzten Minute ihres Lebens gebetet haben, aber zwei sind mit hebräischen Buchstaben und das dritte ist russisch. . . . Ich habe noch ein Gebetbuch gefunden, ganz vorne unmittelbar neben dem Drahtzaun. Auch hier war der Betende ein Jude, ein langbärtiger polnischer Jude, neben ihm ein mächtiges Gebetbuch. Wie mußte er dieses schwere, große Buch in der Hand schleppen, und mit welchem Gemüt ging er zum Sturm mit dem Gebetbuch in der Hand?