Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 44 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 766 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 44 die Kinder durch Spenden einer Extraspeise zu erfreuen, verschaffen sollte, in rascher Folge die verschiedenen Ausspeisungen zu besuchen, die für uns höheren Wert bekommen, weil es fast in allen, wo jetzt jeder willkommen ist, wessen Glaubens er auch, sei, doch den Glaubensgenossen möglich ist, streng rituell die Speisen zu genießen. Mein Weg führte mich zunächst nach Westen in die Herklotzgasse, wo in einem alten, adaptierten und mit einem großen, auf die Kindersürsorge sich beziehenden Relief von Künsckerhand geschmückten Schulhause drei jüdische Wohltätigkeitsanstalten ihres Amtes walten. Zur ebenen Erde tummeln sich, an dreihundert Kinder der armen westlichen Bezirke, die der Ausspeisungsverein, an dessen Spitze Frau Fisch el-L and eis steht, mit Suppe und Gemüse versieht, manchmal Fleisch- und Mehlspeise, wobei die Not hier so groß ist, daß ich auch Mütter Mit ihren Kindern an Kn Tischen sehe. Nirgends schien mir die Ausspeisung so dringend, wie hier, so unterernährt sehen Kinder und Mütter aus. Das Haus kündet das Andenken zweier Toten, der Frau L a n d e i s, deren Verdienst die Errichtung des Ausspeisungsvereines ist, und des Herrn Gottlieb Bettelheim, dessen ebenso praktisch als einfach eingerichtetes Heim für 25 verlassene Knaben, meist Findelkinder, unter liebevoller Pflege des Herrn Oberlehrers Glusky sich im ersten Stockwerke befindet. Ich komme gerade zur Ausspeisung der 25 Knaben, die separat ftattfiiibet; ermöglicht doch die Stiftung, sie täglich, wenigstens einmal Mit Fleischkost zu versehen. Ich gedenke mit Wehmut des großmütigen Stifters, der mich so oft aufgesordert, seine Schöpfung mit ihm tzu besichtigen. Vom Westen ecken wir nach dem Norden von Wien, über die Donau, wo das jüdische Elend des Alltages und der gegenwärtigen Weltkrise gemeinsam wohnt. Hier hat die „Kur für sorge" in der Wallensteinstraße zu ebener Erde von Herrn D. Brüll ein besonders freundliches und nettes, luftiges Lokal geschenkt erhalten, wo 300 Kinder, vielfach von Flüchtlingen, von liebenswürdigen Damen, Frau Dr. Stein und Frau Dr. Adele Weiß an der Spitze, gerade eine ausgezeichnete Wurstsuppe erhalten/ Die bunte, Reihe scheint.mir hier besonders viel Rücksicht zu brauchen, besonders viel Liebe zu erhalten, denn die meisten Kinder verabschieden sich mit einem Küß von der Hausmutter Frau Dr. Weiß; es herrscht unter den Kindern eine aufgeregte Stimmung, von denen so viele allzufrüh! so Schauderhaftes erleben. Die „K ur für sorge" ist besonders zu loben, da sie in der Not der Ze!it ihren eigenen Berusskreis mutig so rasch erweitert hat. Von hier besuche ich in mir liebgewordenen luftigen Schulräumen, die die Kommune Wien seit Jahren zur Verfügung stellt, den „Kaiser Franz Josefs-Hort", resp. Frau Dr. Frisch auer, die den Hort entsprechend der Kriegslage erweitern mußte. Hier geht alles seinen geregesten Gang, man merkt, daß Fachdamen, die Vorsteherin und Fräulein Reinitz. am Werke sind. Als erfahrene Schulfrau hat Frau Doktor Frisch au er Knaben und Mädchen bei der Ausspeisung getrennt; die Knaben erhalten Suppe, Gemüse und die täglich von der Firma Piowatti gespendeten Würste in einer anderen Schule. Auch hier Flüchtlingskinder, die, scheu und verschüchtert, neben den lustigen Wiener Armutskindern sofort kenntlich sind. Will man aber die Bekanntschaft mit dem völligen Flüchtlingselend, mit Bildern aus fernen Zeiten, die man für vergangene hielt, haben, so muß man das Haus daneben (Obere Augartenstraße 40) aufsuchen. In dem prunkvollen, aber gänzlich verfallenen Lustschlößchen der großen Kaiserin Maria Theresia drängen sich täglich 500 bis 600 Flüchtlinge aus dem Osten, Männer und Frauen, Greise und Kinder, um ein hastiges Mahl, dem aber täglich eine Fleischportion nicht fehlt, unter Segenswünschen und Gebeten in dem zu Beträumen umgestalteten, mit Synagogenbänken und Thorarollen eingerichteten ehemaligen Tanzsaal der Kaiserin 'zu 'verzehren. Hier waltet die „Zuflucht" eines besonders wohltätigen Amtes und findet nur zu oft Gelegenheit, die Flüchtlinge in ihre nahegelegene, neugeschaffene Brockensammlung (unter Leitung der Frau Kanitz) zu senden. Traurigeres und Malerischeres wie hier wird man nirgends finden, und ich erwarte, im nächsten Künstlerhaus eine Verewigung dieser Aktion edler Wienerinnen, vor allem der Frau Figdor und Dr. Hopfinger und anderer, von einem Wiener „Judenmaler" zu sehen. Neben allen diesen glücklichen Improvisationen und Erweiterungen schon bestehender Anstalten sollte man denken, daß die Urmutter aller unserer Ausspeisungen, die im Beginn der 80er Jahre entstandene Volksküche, das Lieblingskind der verstorbenen Philanthropin Rene Hildesheimer und unseres ehrwürdigen Oberrabbiners Dr. Güdemann, entlastet wäre und zu kurz komme. Aber als es mich zu den mir befreundeten Damen Her Volksküche hinzieht, vermag ich nur mit Hilfe eines Schutzmannes mich durch,das Gewühl am!Kärmeliterplatz durchzudrängen Zu den wohlbekannten Gästen der Volksküche, deren Lebensgeschichtc die Borstandsdamen kennen und die Stoffe für einen Volksdichier abgäben, zu dem schlichten Erwerber aus dem Volke und dem verbummelten Genie sind heute Hunderte und Hunderte Flüchtlinge gekommen, neben dem Antwerpener flüchtigen Großkaufmann kommt der polnische Jude des Ostens, der sich nur mühsam an die treffliche Küche hier gewöhnen will und seine Nationalspeisen vermißt. Mit himmlischer Geduld erhören, so weit die Mittel, die auch hier zu versiegen drohen, reichen, die Vorstands- und Hilfsdamen Frau Hermine Kadi sch, Frl. Röschen Schur und andere die einzelnen Wünsche und verstehen, neben der guten Kost noch jedem ein freundliches Wort, einen aufmunternden Blick auf den Dornenweg des Exils mitzugeben. .Erst jetzt zeigt fich die Anstalt so recht auf der Höhe chrer Aufgabe, und ich zweifle nicht, daß ihre zweite Küche in der Kluckygasse sich ebenso bewährt wie diese. So viel Erhebendes habe ich iit allem Jammer gesehen, daß ich mich auf meinen nächsten Spaziergang freue, der mich durch die Heime unserer Vereine führen wird, in denen ja die eigentlichste, geschlossene Armenpflege waltet. C. Benedikt. Geheimrat Professor Dr. Jakob Barth s. A. Am 24. Oktober verschied in Berlin nach kurzen! schweren Leiden Geheimrat Dr. Jakob Barth, Professor der orientalischen Sprachen an der Berliner Universität und Dozent für die biblischen Fächer am Rabbinerseminar. Mit Barth sank ein Mann ins Grab, der auf der Höhe der Wissenschaft stehend, treu zum altüberlieferten Judentum hielt und in dessen Ideale aufging. Was er für die W i s s e n sch a f t bedeutete, soll im engen Rahmen eines Zeitungsartikels skizziert werden. Jakob Barth wurde im Jahre 1851 in Flehingen (Baden) geboren. Frühzeitig wurde er in Bibel und Talmud eingeführt. Nach seinem Abiturium studierte er semitische Philologie, besonders bei Fleischer in Leipzig und bei Nöldeke in Straßburg. Mit dem Letzteren verband ihn sein ganzes Leben hindurch ein enges FreundschaftsverhLltnis und pflegte Bart h immer mit Liebe und Verehrung von seinen: „alten Lehrer" zu sprechen. In Berlin trat Barth in den Kreis ein, der sich damals um Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer s. A. gruppierte, dessen Talmudvor- \.m ... I II ... msmmsssaa