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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-11-06 · 44 (6.11.1914) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
44 (6.11.1914)
Date
1914-11-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Bloch's Wochknfchrift Seite 767 lesungen er auch besuchte. Welch hohe Meinung Israel Hildesheimer von seinem jungen Schüler hatte, beweist der Umstand, daß er den kaum 23 jährigen Doktor Barth an das nenbegründete Rabbinerseminar^ berief und ihm die Vorlesungen über hebräische Grammatik und die Bibelexegese übertrug. Die Hoffnung, welche Hildesheimer in den jungen Gelehrten setzte, hat sich glänzend bewährt. Volle vierzig Jahre lehrte Barth am Rabbinersemina'l die genannten Fächer und war eine feste Stütze der Anstalt, aus der die meisten gesetzestreuen Rabbiner Deutschlands und Westösterreich-? hervorgingen. Im Jahre 1876 habilitierte sich Barth als Privatdozent an der Berliner Universität und im Jahre 1880 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. Zum Ordinariat konnte er es als Jude nicht bringen. Viele Orientalisten Deutschlands saßen zu seinen Füßen und empfingen von ihm die ersten Anregungen zu ihren wissenschaftlichen Arbeiten. Barths Studien galten vor allem der vergleich e n d e n Sprachforschung des S c m i t i s ch e u. Nur aus dem Vergleich mit den übrigen Schwestersprachen pflegte er die Erscheinung einer jeden einzelnen Sprache zu erklären. Mit einer feinen Beobachtungsgabe und Sprachgefühl begnadet, gelang es ihm. so manches Rätsel der Sprachforschung zu lösen und Licht über so manches Dunkle zu verbreiten. In seinen „Etylnologischen Studien" und den „Wurzeluntersuchungeu" hat er ungeheure Schätze zur Bereicherung der Lexikographie des Hebräischen geliefert. In den ..Sprachwissenschaftlichen Untersuchungen" hat er die Entstehung des h c b r ä i s ch e n Artikels und der Zahlwort e r von ganz neuem Standpunkte beleuchtet. Eine Unzahl von wichtigen Entdeckungen für die vergleichende Grammatik des semitischen ist in den zahlreichen Abhandlungen enthalten, die in der ..Zeitschrift der Deutsch-morgenländischen Gesellschaft" erschienen sind, zu deren ständigen Mitarbeitern Barth gehörte. Was er geschrieben, das lvurde nachher als G e s e tz in die hebräische Grammatik eingeführt. Grundlegend ist seine „Nominalbildung in den semitischen Sprachen" (1889, 1891), der vor kurzer Zeit seine -.Pronominalbildung" folgte.'-In diesen Werken, in denen Barth die Bildung des Nomens und Pronomens in den einzelnen semitischen Sprachen an der Hand der Sprachvergleichung in einem ganz neuen Licht darstellt, ist eine Fülle des Materials vereinigt, wie es nur dem Forscherfleiß und der Forschergabe Barths möglich war. Sie sind Standard works der Semitiftik, auf die ein jeder zurückgreifen muß, der fich mit semitischer Sprachforschung befaßt. Leider war es Barth nicht vergönnt, uns die Verbalbildung zu liefern — ein großer Verlust für die Wissenschaft. Was bisher gesagt wurde, gilt von den veröffentlichten Werken Barths. Die wissenschaftliche Welt kannte ihn nür als den großen Sprachforscher, feine Schüler jedoch, namentlich die Hörer des Rabbinerfemin a r s, kennen Bart h auch als den feinfühligen Erklärer der Bibel. Die Bedeutung von Barths Bibelexegese liegt besonders darin, daß sie den W o r t s i u n der Bibel nach rein philologischem Gesichtspunkt erklärt. Nur ungern ließ er fich in die waghalsigen Hypothesen, der Neueren ein, um sie zu widerlegen. Er zog es vor, positive Arbeit zu leisten. Freilich gibt es keine bessere und keine schönere Apologetik als gerade die philologische Exegese Barths. Er, der gründliche Kenner der semitischen Idiome, wies uns nach, daß in den Stellen, die von der Textkritik beanstandet und als Korruptete erklärt wurden, oft verkannte Sprachivurzeln vorliegen, die sich in den anderen Idiomen wiederfinden. Wenn man Barths streng sachliche Erklärung hörte, so sah man, wie die kühneil bibelkritischen Hypothesen von selbst in ein Nichts zusammenstürzten. Der Bibelexeget und der Jude Barth gehören zusammen. Jakob Barth war ein f r o m m e r Jude, der in zärtlicher Treue dem altüberlieferten Judentum anhing und dessen Haus eine Pflegestätte altjüdischer Tugenden ist. Sehr oft hatten wir die Gelegenheit, ihn anr Vornlittag an der Universität arabische Dichter interpretieren oder vergleichende Grammatik vortragen zu hören und zu sehen, wie er ungeahntes Licht über alle Schwierigkeit verbreitete, während er uns am Nachmittag am Seminar die Propheten mit gläubigem Gemüt erklärte. Da erhellte sein Antlitz, auf dem sonst heiliger Ernst ruhte, und der ruhige und kühle Sprachforscher wurde zum begeisterten Verkünder prophetischer Wahrheiten. Unvergeßlich wird mir die Stunde bleiben, in der er das Buch Jona erklärte, das er das „Hohelied der Reue" nannte. Stolz schritt Barth einher als Fürst im Reiche der Wissenschaft und demütig beugte er sein Haupt als ein Diener Gottes, der alle Gebote in Liebe betätigt. Gastfreundlich öffneten sich an Sabbaten und Feiertagen die Pforten seines Hauses, und so mancher junge Student, der von der Fremde kam. wurde dort in der Anhänglichkeit an Glaube und Sitte der Väter bestärkt. Und nun ist diese mächtig emporragende Zeder gefällt, der lebendig sprudelnde Quell, der für einen jeden eine Fülle von Anregungen hatte, für immer versiegt! Sein Leben verlief in einer geraden Linie, schön und glücklich. Ein tückisches Leiden warf ihn auf das Krankenbett, und nach wenigen Wochen trat der erlösende Tod ein. Eine Woch' früher fiel sein geliebter Lohn als Arzt in Nordfrankreich.*» Es war Barth vom Himmel erspart geblieben, diese Trauerbotschaft zu vernehmen. Er ging in das ewige Leben ein, ohne vom Tode seines Sohnes gehört zu haben. Eine große Trauergemeinde hatte sich am 26. Oktober in der Trauerhalle der Adaß Jisroel-Gemeinde eingefunden, um dem großen Gelehrten die letzte Ehre zu erweisen. Es waren Fachgenossen da, die den frühen Tod eines Forschers beklagten, es kamen viele Rabbiner, um ihrem großen Lehrer das letzte Geleite zu geben. Alles, was in Berlin jüdisch ist und jüdisch fühlt, kam, wenn ihnen auch die wissenschaftliche Bedeutung des Verstorbenen nicht genug bekannt war. Sie alle betrauerten in Barth einen treuen Bruder, zu dem sie mit Stolz emporzublicken pflegten, mit dem sie sich vor Gott, in der Gemeinde und im öffentlichen jüdischen Leben vereint wußten. Kein Auge blieb tränenleer, als die irdische Hülle Jakob Barths zur ewigen Ruhestätte hinausgetragen wurde. Ein jeder fühlte es, daß ein Großer in Israel gefallen war. Berlin. I a k o b S p e r b e r. Der Begründer des Säuglingsschutzes in Ungarn gestorben. In Ungarn starb vorige Woche im Alter von 63 Jahren der Begründer des Säuglingsschutzes in Ungarn, Universitätsdozent Dr. Moritz S z a l a r d i. Vor ungefähr 35 Jahren begann er in der Gesellschaft und in der Presse seine Agitation, welche die Unterstützung außerehelich geborener Kinder sich zum Ziele setzte. In Gemeinschaft mit mehreren hervorragenden Persönlichkeiten der ungarischen Gesellschaft begründete er die Landessindelanstalt der Gesellschaft vom Weißen Kreuz und wurde hiermit zum Bahnbrecher der staatlichen Kinderfürsorge. seiner Initiative ist auch die Richtung zu danken, welche mit der Unterstützung des Säuglings auch diejenige der Mutter sich zur Aufgabe gemacht hat. Szalardi hat in der Provinz mehrere Findelanstalien *) Heber den Heldentod dieses seines trefflichen Sohnes berichten wir an anderer Stelle.

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