Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 43 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Bloch's Wochenschrift Lette 749 als Sohn des jüdischen Hofzahnarztes Linderer in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Berlin geboren. Die früher bekannteste seiner einzeln erschienenen Dichtungen ist wohl das Lied „Heil dem schönen Handwerksbunde". Es wird noch heute an den Vereinsabenden des Berliner Handwerkervereins gern gesungen. Robert Linderer selbst war und blieb in seiner Einfachheit Mitglied dieses Vereins, und als er nach einem still-bescheiden geführten Leben auf den: 'jüdischen Friedhof bestattet wurde, erwies fast der gesamte Berliner Handwerkerverein seinem überaus verehrten Mitgliede die letzte Ehre. IKorrespondenzen. Die IttichtL'irrgssiirjorge in Wien. Unter den vielen sehr bedauernswerten Begleiterscheinungen, die der gegenwärtige Krieg im Gefolge hat, durfte das Schicksal derjenigen, die ihr Heim und alles, was damit im Zusammenhänge steht, verlassen mußten, eines der grausamsten sein. Unsere zwei Kronländer Galizien und die Bukowina gehörten auch zur normalen Zeit, damals, wo sich ein wirtschaftlicher Aufschwung auf allen Gebieten bemerkbar machte, nicht zu den mit materiellen Gütern gesegnetsten. Die letzten Krisenjahre, die dem Kriege vorangingen, und der Krieg selbst, der sich just auf dem Boden dieser zwei Kronländer am heftigsten abspielt, beschleunigten den wirtschaftlichen Ruin der Bevölkerung dieser beiden Länder. Ist schon dieser Umstand allein traurig genug und geeignet, Menschen zur Verzweiflung zu bringen, um wieviel düsterer gestaltet sich das Los dieser Menschen, die noch gezwungen waren, ihren Boden zu verlassen und in der Fremde auf das Wohlwollen und die Mildtätigkeit von einzelnen Personen und Korporationen angewiesen zu sein. In dieser speziell für die Flüchtlinge so ernsten Zeit wirkt das vor einigen Tagen an den Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh gerichtete Allerhöchste Handschreiben als ein freundlicher Sonnenstrahl, bringt ihnen Trost und Hoffnung für die Zukunft. Unser erhabener Monarch will mit diesem Handschreiben vor aller Welt dokumentieren, wie sehr er von der patriotischen Gesinnung der Bevölkerung Galiziens und der Bukowina zu allen Zeiten überzeugt ist und wie sehr er ihr momentanes Schicksal bedauert. „Meine treuen Untertanen, welche in ihrer persönlichen Sicherheit, in dem ruhigen Besitze der ererbten Scholle, in Handel und Wandel gefährdet wurden, dürfen meiner väterlichen Teilnahme gewiß sein." Diese Worte beweisen, wie genau unser Kaiser mit der momentanen Not der Bewohner Galiziens und der Bukowina vertraut ist, und wie er gewillt ist, dieser während der Kriegszeit und nach Friedensschluß abzuhelfen. Wohl kann man die gegenwärtigen kriegerischen Ereignisse nicht vom 'nationalen oder 'gar vorn konfessionellen Standpunkte einer Erörterung unterziehen; speziell wir in Oesterreich begrüßen es .mit Freuden, daß unsere Söhne und Brüder im Felde ihren heldenmütigen Kampf nicht vom nationalen oder konfessionellen- Standpunkte führen, sondern für unseren Kaiser, der stets unser aller Vater ift, und für das Reich, das Oesterreich-Ungarn heißt. Auch wir, die daheim geblieben sind, kennen keine nationalen oder konfessionellen Unterschiede, wir sind Oesterreicher und wollen es bis in die Ewigkeit bleiben. Bei der Beurteilung der gegenwärtigen Lage der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina muß aber doch den: konfessionellen Momente 'ein wenig Rechnung getragen werden. Von der mehr als neun Millionen zählenden Bevölkerung der zwei Kronländer ist^es dort die eine Million Juden, die zum geringsten Teile aus dem Ackerbau oder aus staatlichen, Landes- und kommunalen Diensten ihren Lebensunterhalt findet. Hand werk und kleiner Zwischenhandel, das find die Ouellen ihrer Existenz; versagen diese, sind sie dem Elend und dem Hunger preisgegeben. Während die nichtjüdischen Flüchtlinge aus den zwei Ländern hier in Wien zum großen Teile ihre Ansprüche bei den Zentralbehörden in ihrer Eigenschaft als Staatsangestellte geltend machen, können die Juden von solchen Rechten leider keinen (Gebrauch machen. Ihre 'Ansprüche richten sich nur an das menschliche Mitempfinden und an den Staat in seiner Gesamtheit, zu dessen treuesten Mitgliedern sie seit jeher gehören. Aus den angeführten Gründen wird es plausibel erscheinen, weshalb gerade die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina in einem relativ größeren Maße auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen sind. Die Stadt Wien mit ihrem in aller Welt bekannten goldenen Herzen, die übrigens auch in normalen Zeiten überall, wo es gilt, die Not zu lindern, an der Spitze steht, dokumentiert in den gegenwärtig so schweren Zeiten erst recht ihre Liebe und ihren Patriotismus für das gesamte Reich. Die Kommunalverwaltung steht an der Spitze der Flüchtlingsfürsorge, ihr zur Seite stellten sich mehrere Privatpersonen, die ihre Zeit, ihre materielle und physische Kraft dem edlen Menschenwerk vollends widmen. Weit mehr als vierzigtausend Menschen muß schon seit zwei Monaterl in allem, was dem menschlichen Bedürfnisse entspringt, geholfen werden, und diese Hilfe wird ihnen nach Möglichkeit gewährt. Wohl gibt es unter diesen vielen Tausenden einen sehr ansehnlichen Teil, der kraft seiner früheren sozialen Stellung und seines Charakters mit dieser Art Hilfe nicht ganz zufrieden sein kann, allein zu individualisieren wäre momentan auch einem für diesen Zweck eigens geschaffenen und vorbereiteten Staatsamte die Möglichkeit nicht gegeben. Das galizische Landesminifterium, hauptsächlich dessen erster Hofrat Dr. Julius v. Twardowski, erfüllt seine Pflicht in der denkbar besten Weise. Der in Wien seit kurzem bestehende Verband der östlichen Juden, mit Dr. Max Jacobsohn als Obmann, widmet sich der Fürsorgetätigkeit, so weit seine leider noch sehr bescheidenen Mittel es ihm gestatten, voll und ganz. Einem ganz besonderen Herzensbedürfnisse entspricht der Schreiber dieser Zeilen, wenn er die Tätigkeit eines Mannes hier erwähnt, dessen Name wohl nicht als öffentlicher Mandatar, dafür aber untsomehr bei allen Hilfs aktionen als erster genannt wird. Komm.-Rat salomon R o s e n z w e i g, Chef einer großen Wiener Firma, steht seit Kriegsausbruch ausschließlich im Dienste der Für sorge. Seiner Initiative und seiner Tatkraft entsprang die Ausspeisungsaktion, deren Leitung er in Händen hat. Vor einigen Tagen sind mehrere Tee- und Trinkhallen für die Flüchtlinge eröffnet worden. Die Bedeutung dieser Hallen in dieser Jahreszeit tvird wohl jeder zu würdigen und zu unterstützen wissen. Dies alles i)t sein und seiner Tochter, Frau Anita Müller. Werk. Frau Anita Müller, deren ethisches Empfinden und praktische Sozialpolitik in Wien nicht unbekannt sind, leistet besonders jetzt Vorzügliches. Der weiblichen Jugend der Flüchtlinge gilt ihr Hauptan.genmerk: diese entsprechend zu beschäftigen ist keine leichte Aufgabe, der sie sich unterzieht. Jeder wird es begreifen, wie notwendig es in der Millionenstadt Wien ist, die reife fremde weibliche Jugend dein Müßiggang zu entziehen. Alle Korporationen und Persönlichkeiten, die sich feem Dienste der Fürsorge widmen, können im Aller höchsten Handschreiben unseres Kaisers den besten Lohn für ihre Tätigkeit, welche zu den patriotischsten zählt.