Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 43 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 739 Joel, in dem zweiten Teile seiner „Blicke in die Religionsgeschichte", hat es sehr ausführlich dargestellt, wie die römischen Schriftsteller sich von den, den Juden seit jeher hassenden Hellenen beeinflussen ließen, um den jüdischen Charakter und seine Geschichte wie seine Religion tief herabzusetzen. Er sagt in seiner ruhigen Schreibweise: „Es ist schon oft bemerkt worden, daß das, was wir schriftstellerische Fälschung nennen, damals in anderem Lichte erschien. Wo es sich um das Höchste handelte, da nahm man keinen Anstand, Schriften auf fremde Nanien zu verfassen, vorhandene Schriften zu interpolieren, absolut widerstrebende zu vernichten und die Vergangenheit so darzustellen, wie es der augenblicklichen Situation angemessen und nützlich erschien. Dazu kam die unbewußte Geschichtsfälschung, die man als Art falschen Sehens bezeichnen kann und deren Wesen besteht in der unabsichtlichen Färbung der Vergangenheit mit den Farben der Gegenwart." In dem Kapitel IV, betitelt: „Worin eigentlich die geschichtliche Sünde der Juden bestand," führte er sehr sinnreich aus: „Man schützte sich besser, indem man das Gesetz wie einen Wall gegen die auflösende Allegorie auftürmte. Es ist sicher, daß das Judentum diesem Zurückziehen auf sich, selbst und sein Gesetz, dem es an passivem Fanatismus nicht fehlte, seine Erhaltung zu danken hat." „Aber es ist auch sicher, daß ihm durch diese Abwendung von allem, was in jenen Tagen anderswo gesagt und geschrieben wurde, eine Gefahr erwuchs, die meines Wissens noch nirgends genügend urgiert worden." ,Mie Philo und Josephus für die Juden vom zweiten Jahrhundert ab bis nach Ende des Mittelalters (Asa-- ria de Rossi) entweder gar nicht oder nur in Ahnungen (Josippon) existierten, so konnte jeder von da ab alles den Juden aufbürden, wenn er es nur auf griechisch oder lateinisch sagte, ohne eine Widerlegung fürchten zu müssen. Josephus war der letzte Jude auf lange Zeit, der den hellenistischen und römischen Lügen über die Juden heimleuchtete, nachher konnte man ihrem Rücken allerlei aufladen, ohne daß sie selbst auch nur darum wußten." So wird uns das Rätsel begreiflich, daß Geschichtslügen in der Welt durchdringen; in alter Zeit war es, wenn man nur „etwas auf griechisch oderlateinisch sagte," wurde es schon als Wahrheit geaicht; und lvie ist es heutzutage anders? Es muß nicht gerade griechisch oder lateinisch sein, um zu imponieren, wenn etwas überhaupt nur gedruckt verbreitet wird, sei es in welcher Sprache immer, ist es schon den Annalen der Geschichte als Wahrheit bei der misma plebs geheiligt. Wieso es nun kommt, daß selbst Lügen zu fürchten sind, daß sie einst als Wahrheit fortleben können, wäre wohl damit schon genügend begründet: unsere Weisen haben es jedoch durch eine herrliche Parabel motiviert. Sie haben sich nämlich auch die erschütternde Frage vorgelegt, woher es /kommt, daß der Kamps der Wahrheit gegen die Lüge seit Jahrtausenden scheinbar ohne günstige Entscheidung andanert. Die Leichenfelder, die uns die Weltgeschichte zeigt, sie decken die Opfer der Kämpfer für Wahrheit und Licht gegen Lüge und Finsternis. Das Verbluten von Märtyrern kehrt in allen Jahrhunderten der Geschichte immer von neuem wieder, und ihre Leiden und Qualen sind nutzlos und ohne Resultat für den endailtigen Sieg der Wahrheit! Was ist es mit dem Sprichwort: „Lüge vergeht, Wahrheit besteht"? Es gibt jedoch eine richtige Antwort auf diese Frage. Die Lüge allein, wenn sie auf sich selbst beruht, wenn sie keinen Bundesgenossen hat, der ihr Hilst, kann tatsächlich nicht bestehen; sie erhält sich eben dadurch, weil sie einen gewaltig wirkenden Alliierten im Gefolge hat, und wer derselbe ist, erzählt uns die sinnreiche Sage der alten jüdischen Gelehrten. Diese lautet: Als zur Zeit der Sintflut Gott dem Noah geboten hatte, von jeder Art ein Pärchen in die Arche mit aufzunehmen, da kanr auch die Lüge und bat um Aufnahme. Da sprach Noah zu ihr: Ich kann dich nicht aufnehmen, da mir Gott geboten hatte, nur 'gepaarte Geschlechter, die zusammengehören, in die Arche zu lassen. Die Lüge ging nun auf die Suche und traf auf denn Wege die Niedertracht. Sie gefielen einander, schlossen einett Bund, bei welchem sich die Niedertracht ausbedungen hatte, alle Vorteile, die sich die Lüge verschaffen sollte, ihr zu überlassen. So kamen sie nun vereint ztl Noah, der sie nun nicht mehr abweisen konnte. Seither marschieren Lüge und Niedertracht vereint durch die Welt, und von ihnen heißt es in der Heiligen Schrift (Ps. VII, 15): „Sieh! Die Niedertracht schädigt, denn sie bringt Unglück durch die Lüge, die sie geboren." Die Waffen der Niedertracht sind die vielgestaltigen Lügen in allen ihren Formen. Wir sahen sie an der Arbeit vom Beginne dieses Weltkrieges durch alle ihre blutigen Phasen. Die Niedertracht hat begonnen mir der Lüge des gefälschten Ehrenwortes eines Zaren, hat sich fortgesetzt mit der durch Frankreich und England lügenhaft vorgeschützten Neutralität ihres Opfers, des belgischer! Stäätchens — und setzt sich fort im Getümmel der Schlachten mit den phantasiebegabten - K r i e g sl ü g e n! Tapfere Jude«. Das atembeklemmende Ringen, das die einen den Kampf um die Weltherrschaft, die Philosophen den Krieg um den Weltfrieden nennen, nähert sich seinem .gigantischen Höhepunkte, und die Völker und Staaten setzen alle ihre Kräfte ein, um den Sieg zu erringen. Wir in Oesterreich- Ungarn dürfen mit guten Hoffnungen in die Zukunft sehen, so schwierig unsere Ausgabe auch sein mag. Wir haben nicht nur dem tätlichen Trotz der Serben zu begegnen, welche auch ihre Knaben und Greise zu den Waffen gerufen haben und denen kein Mittel der Kriegführung zu verworfen ist, sondern wir haben auch die gewaltige Masse des russischen Heeres gegen uns stehen. Von Jwangorod längs der Weichsel und des San, an den Karpathen vorbei bis Czernowitz stehen unsere Truppen in gewaltiger Front ununterbrochen in einem Heldenkampfe ohnegleichen, der durch die Ungunst der Witterung und des Geländes die furchtbarsten Schwierigkeiten hervorruft. Trotz allen Feinden und Hindernissen erwarten wir jedoch die Zukunft mit gehobenem Herzen. Denn die Einigkeit des Vaterlandes ist es, die unsere Hoffnungen stark macht. Aus den Gegnern von gestern, die einander im Parlamente bekämpften, sind Brüder vom Schlachtfelde und von allen Gebieten patriotischer Tätigkeit geworden. Nicht der Schatten eines versteckten Gegensatzes, eines vertagten Mißtrauens ist geblieben, und ein neues, herrlich geeintes Oesterreich geht feiner Zukunft entgegen. Hoffentlich wird es immer so bleiben und wird sich niemals ein Missetäter finden, welcher aus dem mit Blut seiner Söhne getränkten Boden des Vaterlandes den Samen der Zwietracht auswirst. Von uns Juden wäre das zu allerletzt zu erwarten. Wir waren ja auch immer nur die Angegriffenen, wir haben es an unausgesetzten Beweisen ehrlicher vaterländischer Gesinnung niemals fehlen lassen. Wir brauchen unsere Haltung in der Zukunft nicht zu ändern, höchstens einzelne wenige von uns, welche sich für den Streit der Nationalitäten haben mißbrauchen lassen. Wer seine Haltung für kommende Tage wird ändern müssen, das