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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-10-30 · 43 (30.10.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
43 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 738 Dr. Bloch's Wochenschrift '.'ir. ^3 die eherne Pforte sich auftat, um die rohen Kosakenhorden auf die friedfertigen Ländereien des österreichischen Staates loszulassen. Besonders geeignet zu K r i e g s l ü g e n scheint jedoch das angelsächsische Element sich zu bewähren. Sein hervorragendster Dichter hat ihm doch hiefür ein ewiges Denkmal ausgerichtet. Es ist die Falstaff-Figur des großen Shakespeare. Unwillkürlich tritt uns bei jeder Kriegslüge, die wir aus unseren Feindeslagern lesen, diese aufgedunsene, mit Feigheit gepaarte Lügenfigur in den Sinn. Wie dieser im zweiten Akte des Schauspieles „König Heinrich der Vierte" prahlend ausrust: „So lag ich, und so führt' ich meine Klinge," so erinnern wir uns sofort an den glänzenden Rückzug der englisch-belgischen Truppen aus Antwerpen, zu welchem der ruhmredige Churchill sie noch beglückwünschte: denn der Engländer gibt bekanntlich wohl nicht Trinkgeld, als berechnender und wohlgewiegter Kaufmann, aber dafür rasch —Fersengeld. Das angeführte Zitat wird aber nun nach der großartig gehandhabten Kriegslügenfabrik des englischen Reiches eine kleine Abänderung erfahren und lauten: „So log ich, und so führt' ich meine Klinge." Auch das berühmte „Kanonenfutter" ist ein Schlagwort, das in demselben Stücke von Shakespeare im vierten Akte erblühte mit den Worten . I-'ood for powdeir und von dort aus seine Runde durch die Welt angetreten hat. Das fremde „Kanonenfutter" im Kriege für eigene Interessen feiert noch immer Triumphe in der englischen Politik, da nun zu dem bereits verpulverten belgischen Heere auch das des zerrütteten Staates Portugal hinzut-ritt. Woher die Verblendung so vieler Völker, die der englischen Krämerpolitik so willig Gehör leisten? Das ist eben der Erfolg der Kriegs lügen, die fortdauernd künstlich fabriziert werden. Die unschuldigen Münchhausiaden, die unseren Kindern so viel Märchenfreude verursachen, sind ein Kinderspiel gegen die grandiosen Leistungen der englischen Kriegsphantasien und die durchdachten Maßregeln, der Wahrheit den Weg zu versperren durch das Durchschneiden aller Kabel der Welt, haben ein Kriegslügcn-System künstlich durchgeführt, wie es die Welt noch nie gesehen, noch nie erlebt hat. Es wird eine große Arbeit geben für die Kärrner der Geschichte dieses Weltkrieges, daß diese Kriegslügen nicht als Geschichtslügen mit hinein in das geheiligte Gebiet der Weltgeschichte treten. Durch welche verwerfliche Mittel K r i e g s l ü g e n gezüchtet werden, die sich dann auch zu G e s ch i ch t s - lügen auswachsen können, dies haben wir erst in den jüngsten Tagen in den in London stattgehabten Pogroms erfahren können. Dieses Wort löst im jüdischen Hirn eigentümliche, traurige Erinnerungen aus, die demselben noch jetzt das Blut stocken machen. Nun sind diese Pogroms nicht gegen Juden, sondern in der Kultur- Weltstadt gegen Deutsche, Oesterreicher und Ungarn ausgebrochen. Es hat aber die Regierung denselben künstlich vorgearbeitet. sonst entstehen solche nicht aus dem Volke heraus. Es sind unter dem Patronat der leitenden Kreise Kinoaufnahmcn dem Volke vorgesührt worden, in denen die angeblichen B a r b a r i s m e n d e r Deutschen sinnfällig vor den erschreckten Augen gezeigt wurden. Ist es dann zu verwundern, wenn die Zuschauer eine Berserkerwut ergreift, alles was deutsch ist, zu vernichten und eine gleichfalls barbarische Retorsion an den unschuldigen deutschen Opfern zu verüben!? Diese modernen Aufreizungsmittel mit dem Kino haben chr Vorbild in Rußland gehabt, wie dort die Pogroms mit großen Prozessionen, die flatternde Märtyrerbilder vorantrugen, eingeleitet wurden und noch ältere Vorbilder aus der Zeit der Kreuzzüge und des Mittelalters. Da wurden Altarbilder rohester Art den Andächtigen vorgesührt, die ihnen heilige Märtyrer zeigen, die von ruchlosen Juden angeblich gemordet worden sind. Unter einzelnen Ueberresten solcher aufreizender Darstellungen haben wir Juden noch immer zu leiden; es sind G es ch ich ts fälsch ung en, die viel jüdisches Blut gekostet haben. Da ist die Wernerkirche in Bacharach a. Rh. Der Knabe Werner soll im Jahre 1287 zu Obcrmosel ein solches Opfer des jüdischen Fanatismus geworden sein. Dem gegenüber ist das Olironieon Oolmariouse bei Böhmer, Fontes rerum Germanicorum zum Jahre 1288 (p. 72), eine gut katholische Quelle, zu erwähnen, die nämlich mitteilt, „daß Kaiser Rudolf den Erzbischof von M a i n z. z u einer feierlichen Verkündigung auf der Kanzel verhalten habe, daß die Christen den Juden das größte Unrecht t ä t e n, u n d d a ß d e r g u t e W e r n e r, w e l ch e r g e m e i n i g l i ch als von d e n Juden e r m o r d e t ausgegeben und von eitrigen einfältigen Christen als göttlich verehrt werde, in Feuer verbrannt und dessen Asche in den Wind g e str eut und in Nichts a usg elö st w e r d e." Die Bilder in der Wernerkirche sieht der Gläubige, wer aber weiß von dieser gut katholisch e n C h r o n ik!? In einer anderen Kirche befindet sich ein Altarbild mit dem seligen „Märtyrer Rudolf". Wie verhielt es sich in Wahrheit mit demselben? Das kirchliche Handlexikon (herausgegeben von Prof. Michael Buchberger mit kirchlicher Genehmigung, München 1907, Allg. Verl.-Gesellschaft), Band II, S. 1843, meldet unter dem Schlagwort „Rudolf": „Das Ereigtüs geschah nicht 1287, wie die Chroniken melden, sondern 1294, wird aber den Juden zu Unrecht z u g e s ch o b e n. „Rudolf" wurde von der Kirche weder kanonisiert, nochmals Märtyrer erklärt." In der Kirche S. Pietro von Trient befindet sich die Kapelle des heiligen Simon, auf dem Altar selbst steht die Nachbildung des kleinen Unaben in Lebensgröße. Während der Sommermonate hat die Kirche viele Besucher und der Kirchendiener ergreift die Gelegenheit, die ganze Märtyrergeschichte vor den Augen des Besuchers aufzurollen. Ein gleiches Doppelbild in Medaillonform ziert (?) die Hauptstraße von Trient mit allen aufreizenden Farben und Formen. Die Protokolle dieses Prozesses, die den Knaben Simon zum Märtyrer jüdischen Fanatismus stempeln sollten, befinden sich in Rom, Innsbruck und Wien, sind aber bis heute nicht publiziert, weil sie kennzeichnen würden, durch welche Gewalt- und Foltermittel unwahre Geständnisse den falsch, beschuldigten Juden erpreßt worden sind. So wird Geschichte gemacht. So macht jetzt „das perfide Albion" Geschichte mit falschen Kinoaufnahmen, die die Deutschen, Oesterreicher nnd Ungarn Pogromen aussetzen, wie sie die Juden bisher in dem verlogenen Rußland als unschuldige Opfer ausgesetzt waren. Von Geschichtslügen wissen wir Juden überhaupt ein trauriges Lied zu singen. Der Geschichtsschreiber Josefus . Flavius hat nach der. Zerstörung Jerusalems seine ganze großartige sch iftstellerische Tätigkeit diesem traurigen Geschäfte gewidmet. Denn nach dem jüdischen Kriege blühten die Sumpfpflanzen der Geschichtslügen gar zahlreich auf dem klassischen Boden der römischen Literatur. Wie haben sich Tacitus und Seneca beeinflussen lassen von den Geschichtslügen eines ihnen vorangegangenen Apion und Manetho; wie haben dieselben noch bis auf unsere Zeit nachgewirkt, obwohl die wissenschaftliche Kritik bereits die gewollten und nichtgewollten Irrungen erkannt hat.

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