Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 43 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sr. 43 Dr. Bloch’s JahrganBXXXl ^entraloroan für die gesamten Vnteressen des Judentums. -Ci"":: :□- Wien. 30. Oktober 1914 : BrscDetnt jeden LreLtag. i Brief-Adresse: Wien, ll/i, Praterflraße 9. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. OCF - .- =DC ’p •rjugaprefa für Vestrrrrirh: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 56 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die «al gespal» 2 lene Pertrzeile 4« Heller. O o P —Q o o£r I? öo Q N. K Pofilparkalsrnamt 2leartng--Verk ebr «r. S10.97S. Redattion und Admtnistratton. c wir» »/i, Praterstraße 9 Telefon 45359 oO -OQ Inhalt. Leitartikel': Kriegslügen. — Tapfere Juden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine aktuelle Weissagung des Nostradamus. Jüdische Helden. Sieben Artillerieleutnants. Leutnant Otto Goldstein. Die Geschichte des Husaren Nathan Löw. Artillerieleutnant Otto Altmann zeichnet sich bei der Verteidigung von Przemysl aus. Die Heldentat des Oberleutnants Aladar Taussig. Auszeichnung. Heldentod. Der Heldentod eines Arztes. Den Heldentod auf dem Schlachtfelde. Dr. Ludwig Dömäny gefallen. Der Heldentod des Leutnants Dr. Subak. Der Heldentod des Leutnants Oskar Singer. Leopold Mayer gefallen. Generalmajor Heinrich Ulrich Edler von Trenkheim. Oberstabsarzt Dr. Philipp Ellbogen. Schema Jisroel. Feldpostbrief eines Oderfurters. Zur Lage der Juden in Rußland. Verhaftung Brasul Braskowskis. Ermordung von Juden in einer russischen Stadt während des Nachmittagsgebetes. Auszeichnung von jüdischen Kriegern. Ein Lebensretter. Ein gelungener Streich eines deutschen Telegraphenbeamten aus Samoa. Das Verhalten der galizischen Juden. Wer weiß. Robert Linderer, der jüdische Dichter des Flaggenliedes. — Korrespo ndenzen: Die Flüchlingsfürsorge in Wien. Ein Rundgang durch die Kriegsfürsorge der Weiblichen Fürsorge. Die Wiener Israelitische Allianz an die amerikanischen Juden. Hilfskomitee für die galizi'chen Juden in Amerika. Kriegssteuer einer Kultusgeweinde. Die ungarischen Jeschiboth und der Krieg. — Vermischtes. — Feuilleton: Zum ersten Jahrzeittage. Dr. Schmied! im Leopoldstädter Tempel. — Literatur — Briefkasten. — Inserate. . Krirgslrigen. Bon Oberrabbiner W. Reich in Baden bei Wien. Mit der ätzenden Lauge des Hohnes und des Spottes überschüttet V o l t a i r e selbst das Heiligste. Mehr Genie als Charakter; eitel und frivol in seinem Gedankenausdruck wie in seiner Schreibart, war er die Säule der atheistischen Schule, die dann in der Zeit der Revolution au Stelle Gottes die Göttin der Vernunft auf den Piedestal des Staates erhob, die aber nichts weniger als vernünftig wirtschaftete. Er war der Vorläufer der materialistischen Weltanschauung, die sich in Hekatomben von Menschenopfern in der großen Revolution blutig am Hackmesser der Guillotine offenbarte. Bei dem Namen Voltaire grinst uns unwillkürlich feine Büste im Unterbewußtsein der Erinnerung entgegen, denn seine Gesichtszüge stehen so ganz im Einklänge mit dem Bilde feiner Charakterlosigkeit. Die spitze dürre Nase mit dem spitzen vortretenden Kinn, die eine übereinstimmende Umrahmung seines Mundes mit den boshaft zusammengekniffenen Lippen bilden, umspielt von einem sardonischen Lächeln, welches von beißender Satyre im Bunde mit gieriger Wollust zeugt. Und dennoch gibt es einen Spruch von ihm, der diese Zeit der aufschießenden Giftblüten der Kriegslügen auf den Phantasie-Schlachtfeldern der Ententemächte so richtig kennzeichnet; es ist sein Ausspruch von der ,.kable eouvenue" in der Geschichte. Er sagt: „Alle Erzählungen aus dem Altertum sind, wie es einer der Schöngeistigen behauptet, eine überein g e k o m m e n e F a b e l." Damit will er dem Heiligtum der Geschichte ihren züchtigen Schleier von dem weihevoll verehrten Antlitze herabreißen, um ihr die von der Welt anerkannte Autorität zu rauben. Wie recht er da in vielen Beziehungen hatte, darüber wissen wir Juden wohl am besten Bescheid, denn an Geschichtslügen hatten wir seit jeher zumeist zu leiden. An einem Beispiele aus seinem Leben erkennen wir ein erschreckendes Vorkommnis, das uns Juden an die falschen Beschuldigungen erinnert, die uns seit dem Beginne des Mittelalters begleiten und bisher unausrottbar sich erweisen. Sie gehören eben zu den .,tables eouvenues" der in stillem Uebereinkommen zugegebenen Fabeln der Geschichte, unter denen wir zu leiden haben. Den sich hieranknüpfenden Gedankengang weiter auszuführen, wollen wir uns in diesen friedensbedürftigen Zeiten versagen. Es soll nur der Fall — bei dem sich ausnahmsweise Voltaire als Charakter auszeichnete — angeführt werden und — exempla trahimt! Jean Calas, ein Protestant, lebte in Toulouse als rechtschaffener Kaufmann und harte das Unglück, daß sich sein jugendlicher Sohn im Jahre 1761 im Warenmagazin seines Vaters erhängte. Sofort beschuldigte das Volk in seinem Fanatismus den unglücklichen Vater des Mordes aus religiösen Gründen, es kam zu einem sogenannten Ritualprozeß und der Vater wurde im Jahre 1762 hiugerichtet. Durch vier Jahre führte Voltaire den Kampf gegen diesen Justizmord, bis es ihm gelang, durch feine schriftstellerische Aufklärung die Wahrheit zum Siege zu führen, für die Familie eine Entschädigung von 30.000 Livres vom Parlamente zu Paris durchzubringen. Der Tote war wohl nicht mehr zum Leben zu erwecken, aber die Wahrheit hatte gesiegt, die Ehre war gerettet: es war dies das Werk des sich im Alter nach Ferney zurückgezogenen Voltaire, und dieser Triumph seines. Geistes, den er der schwerbeleidigten Menschheit verschaffte, versöhnt mit der sonstigen Frivolität seines Charakters. Mit einer gleichartigen Giftlüge wurde der Hexenkessel der Revanche durch ein Jahrzehnt mit dem Dreyfus- Prozesse geheizt, und auch da war es ein Dichtergeist — Emile Zola —, der sonst durch feine naturalistische Literaturrichtung uns wohl nicht sympathisch war, der aber die Aufklärung brachte mit seiner ..verite eil marche", wobei sich indes zeigte, wie durchwühlt die Volksleidenschaften waren; ein richtiger Boden für die nun aufblühenden Geschichtslügen des Krieges. Und wie erst in dem Reiche der schwarzen Hundert! Ta wurde der Kulturwelt erst eine Lügenschlacht geliefert in dem berüchtigten Beylis-Prozesse, knapp ehe