Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 42 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 722 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 42 hoch in den Karpathen. Ein schauerliches Wetter, eine enorme Kälte, ein Nordwind braust, der das Dach zu Heden droht, dennoch kommt Blitz auf Blitz und Donner mischt sich mit Kanonengedröhne. Ein Schauerroman dies, aber leider nur die bitterste . Wahrheit. Mitten von Brotwecken, die berghoch n.ben uns aufgestapelt sind, Hunderte von Konservenkistchen hinter und vor uns, um vor der entsetzlichen Zugluft geschützt zu sein; so sitzen wir am Kol-Nidre-Abend bei einer Kerze und einer .Schale Tee auf einem Bündel Stroh. Ein kurzes Gebet, und unser größter Wohltäter kommt, der alles vergessen macht, das ist der Schlaf, zwar kurz und sehr kalt, doch erlösend. Oft träume ich vom Hause, vom friedlichen Leben, noch öfter von Kriegsszenen, die im Traume Wiederkommen, die im Leben wir nie vergessen werden, denn wer die überlebte, der hat ihm ins Antlitz gesehen, der hat seine Worte ins eigene Ohr raunen gehört. Es sind Höllentöne in furchtbarer Harmonie, die in der Luft sich zu Akkorden sammeln : ein leises Pseifen der Kleingewehr- Geschossc, der durchdringende Ton der Schrappnels, dazu der riesige Luftdruck der schweren Ekrasitgranate, die rasche Tonleiter der Maschinengewehre, und fertig das Konzert. Wer cs einmal nur gehört, der kann es nie vergessen, der sieht die Welt dann in ganz anderem Lichte, der sieht im Leben selbst das Glück, der nur Zufriedenheit mehr kennt. Ich hab'v gehört, ich lebe auch zum zweiten Male. Dies alles am Kol-Nwre- Abend ins Gedächtnis zurückrufend, denn ich habe im Sinne >olgende Sätze des heil gen Unsane-Totcf: „Er bestimmt, wer fallen soll im Kampfe, wer leben soll auf Erden in Glück und wer in Elend . . . deshalb ein alt' Gebet: Ich bitte dich, o Gott, die Menschheit zu segnen! Halte uns fern von allem Bösen! Last uns mit dir sein in aller Ewigkeit! Amen." Ich halte stand und kämpfe für Euch alle und gibt uns Gott den Sieg, dann gehen glücklichen Zeiten wir entgegen. Und siegen müssen wir, denn heilig ist unsere Sache, Und Verderben sendet Gott unseren Feinden. — — Ich weiß, Ihr habt für mich gebetet, ich tat's für Luch und dies gibt neue Kraft fürs schwere Leben, das zu führen ich geschworen. Ich bin cs fähig. Ich gehe mit, solange Hand und Friß ich habe, und nun, wo unsere wahren Freunde, die deutschen Soldaten, an unserer Seite stehen, ist besiegelt das Verderben unserer Feinde, die gestört den heiligen Frieden der Völker. — Ich bin von der ersten Stunde des Krieges an der Seite meines Hauptrnannes gestanden, von der ich noch keise-i Augenblick gewichen, ob es nottat oder nicht, ich habe auch stets den Lohn. — — Habt keine Sorge um mich, ich will leben. — Euer treuer Sohn B r ui! d. Die Ligen des Zaren. Die Diener des Zaren machen noch immer die größten Anstrengungen, die Legende von der: bevorstehenden Gunstermeisungcn des Zaren an senke „lieben Juden" aufrecht zu halten. Der r u s s i s ch e Gesandte in K openhagcn hat der Oesfentlichkeit, vornehmlich aber der amerikanischen Presse mitgelcilt, der Zar hätte eine ganze Reihe vor: jüdischen Soldaten wegen ihrer hervorragenden kriegerischen Leistungen zu Offizieren ernannt. In der amerikanischen Presse wird diese Mitteilung sogar dahin gedeutet, daß es sich um den ersten Schritt zu der j ü d i sch nt Glei ch bcrecht i g u n g in Rußland handle. Aus soeben eiikgetroffenen zuverlässigen Berichten geht unzweifelhaft hervor, daß a n der g a n z c it Lache fei n io a 1} r e s W o r t i st. Es bleibt zu bedauern, daß die jüdische Presse in Amerika diese russischen Manöver nicht von vornherein als solche erkennt und gebührend kvürdigl. Die Juden im russischen Keere.F Russischen Blättern zufolge sandte General Rennenkamp vom Kriegsschauplatz in Ostpreußen an den Rabbiner von Minsk ein Telegramm, worin er ihn zu den Heldentaten einiger jüdischer Soldaten aus Minsk beglückwünschte. Für einen von ihnen erbat General Rennenkamp sogar den höchsten russischen Tapserkeitsorden, den Orden des Heiligen Georg. Jüdische Jokdaten im russischen Heere. Aus Kopenhagen wird berichtet: Den W i l n a e r Blättern w u r d e verboten, die N a m e n jener j n d i s ch e n Soldaten z u - v e r ö f s e n t l i ch e n, die wegen ih rer Tapferkeit im russi schen Hcer Ordenauszeichnungen erhielten. Ganz in diesem Sinne und genau in Befolgung dieser Vorschrift ist der Vorgang bei der Wiener „Reichspost". Auszeichnungen jüdischer Krieger im österreichischen Heere, die wegen ihrer Tapferkeit dekoriert werden, unterschlägt Herr Funder. Er ist von außen österreichisch, aber innen r u s s i s ch. Die vor den Pogromen und Kriegsgefahren nach Petersburg geflüchteten Inden, auch Frauen und Kinder, wurden aus der Stadt gewiesen, und da sie in ihre Wohnorte nicht heimkehren können, sind sie gezwungen, int Lande herumzuwandern. Von der russischen Niederlage vor Urzemysk am 5. Hktoöer erzählen die Berichte übereinstimmend: »Plötzlich zeigte sich, daß die Russen mit Riesenkräften einen gewaltsamen Angriff versuchen wollten mit Unterstützung einer sehr starken Feld- und Festungsartillerie. Die Unseren standen vor einem Rätsel. Die Werke, so gut wie unbeschädigt, mußten sie den Russen nicht immense Verluste durch Geschütz- und Maschingewehrfeuer beibringen?« »Es begann ein wütender zweiundsiebzigslündiger Ansturm von allen Seiten. Rund um die Festung liefen Schützengräben. Die Russen halten sich darin gesammelt und liefen nun in hellen Scharen die Werke an, mit Drahtscheeren und Handbomben ausgerüstet, rückwärts von Offizieren mit Peitschen getrieben. Wir haben Gefangene gemacht und Verwundete aufgelesen, die mit Striemen übersät waren. Wer zurücklief, wurde mit russischen Maschinenengewehren und Kartätschen niedergestreckt. So waren die armen Leule, zum Teil Reservemänner von dreißig bis vierzig Jahren, dem sicheren Tod geweiht. In 10 Reihen rannten sie an, 'aumelten durcheinander und fielen reihenweise. Im' grundlosen Ackerboden keuchten sie vorwärts und hatten nur die Wahl: Hinten die russischen Maschinengewehre, vorn die österreichischen Kanonen, die Österreichische Infanterie in Brustwehren, die alles niedermähte, was da kam.« »Von der Dämmerung bis in den Morgen fegten unsere Scheinwerfer über die Glacis; die Leuchtpistolen knatterten und im grellsten Licht ein schreckliches Morden unzählbarer Bataillone, wahre Fluten von Russen, die heranbrandeten und zerschellten. Die Schrecknisse dieser drei Tage und Nächte haben ihresgleichen nicht in der Geschichte.« W i r wollen nur den Bericht dahin ergänzen, das; d i e r u s s i s ch e n O s s i z i e r e n a h e z u ausschließlich polnische u n d jüdische L a n dw e h r m ä n n e r hier in B e r w e n d u n g g e n o m m e n haben. Das russische Vergnügen. (Tine Aeusterung des Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch über die Judenpogroms.) Von einer Persönlichkeit, die absolut zuverlässig ist und die vor wenigen Tagen vom östlichen Kriegsschauplätze zurückgekehrt ist, erhält das „Berl. Tagebl." folgende Mitteilung: Nach vorübergehender Besetzung von R a d o m durch die Deutschen kehrten die Russen wieder dahin zurück. Unmittelbar nachdem sie die Stadt besetzt hatten, verhafteten sie drei Inden: den-jüdischerr Schriftgelehrten Dantziger und zwei seiner Verwandten, Kaufleute. Alle drei waren verheiratet, einer Vater von neun und ein anderer Vater von drei Kindern. Ohne Gerichtsverfahren und ohne Richterspruch wurden die drei armen Leute gehängt. Ihr Verbrechen war, daß der eine von ihnen auf Requisition einem deutschen Offizier hatte zwei Pferde überlassen müssen. Als Strafe hicfür wurden er und seine beiden Verwandten aufgeknüpft. Als der Vorfall bekannt wurde, eilte der russische Pope zum komlnandierenden Offizier, um sich für die Unschuld der Verhafteten zu verbürgen. Als am folgenden Tage die Witwe eines der Gehängten zum russischen Oberkommändierenden kam, erklärte er ihr: „Sie können stolz darauf sein, daß ich Ihren Mann habe hängen lassen. Er hat sein Leben für die Gesamtheit