Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 41 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Dr. Bloch'S Wochenschrift lil 41 701 vom frühen Morgen bis zum späten Abend durch die Straßen irren muß, vom bittersten Schicksal vorwärtsgetrieben, auf den fällt der Regen wie ein Strom und die Kälte als lähmendes Entsetzen. Mit den bisher geivährten Mitteln sind die Unglücklichen noch nicht einmal vor dem Aeußersten geschützt, sie haben noch nichts gegen die Nässe und den Frost und der Winter kommt immer näher. Man hat eine Hilfsstelle für die Leute eröffnet, die Wäsche und Kleider brauchen und Hunderte von ihnen kommen täglich in verschlissenen Röcken und ohne Sohlen, Akademiker und Arbeitsmädchen, Kinder und Erwachsene, alle Stände und Berufe, alle Konfessionen und Bedürftigen — das Elend erlaubt keinen Unterschied und keine Frage, man will nur geben. Wenn man kann. Man kann jedoch nicht. Oft und oft muß die letzte Hoffnung der Unglücklichen vernichtet werden, vertröstet man sie ohne Ende. Die anfänglichen Vorräte waren nichts gegen den Andrang. Will man die Unglücklichen weiter frieren, leiden, von Stnrin und Regenwetter zerzausen lassen? Es gibt noch Schränke genug, welche sich öffnen könnten zur Hilfe, und an ihre Besitzer, an alle Wohlhabenden, an das Gewissen und das Gemüt von Wien ergeht ein tausendstimmiger Schrei der größten Not. Folget chm und gebt! Eine Karte an die Sammelstelle, I., Zelinkagasse 4, genügt und alles wird abgeholt, Geld für den dringenden Zweck der Notstandsaktion für Bekleidung sende ntait an Frau kctzis. Rat Sophie Lieben, IX., Hörlgasse 16. Eine ernste Mahnung der Erzherzogin Elisabeth.-) «Tel. des k. ungar. Telegraphen-Korrespondenzbureaus. > Budapest, 1l. Oktober. Erzherzogin Elisabeth, die Tochter der Erzherzogin Klothilde, veröffentlicht im „Alkotmany" einen Aufruf, in dem es unter andern: heißt: „Jetzt, wo unsere Väter und Brüder für Recht und Freiheit kämpfen, obliegt uns Zuhausegebliebenen eine nicht minder wichtige, ernste und schwierige Pflicht. W i r müssen in uns Einkehr halten und alle Aenßer- Uchkeiten und Leichtfertigkeiten ausschalten, die mit den ernsten, schweren Tagen nicht vereinbar sind. Begraben wir in unserer Kleidung, unserem Benehmen und unseren Worten alles Herausfordernde, insbesondere aber jede Unterhaltung und Genußsucht, die auch im Frieden zu verachten sind. Wir müssen Sorge dafür tragen, daß wir Jungen imstande seien, die Lücken auszufüllen, welche die feindlichen Kugeln in unsere Reihen geschlagen haben. Gewöhnen w'r uns, zu beten, denn so wird das Band, daS uns mit unserem himmlischen Vater verknüpft, sich niemals lösen." Schließlich richtet der Ausruf einen warmen Appell an die Eltern, Erzieher und Lehrer, die E r z i e h u u g der K inder nicht zu vernachlässigen und sie zu lehren, z iel b ew ußt zu arbeiten und das G esetz e i n z u h a l t e n. Ein Erlast des Münchner Polizeipräsidenten an die Frauen der Stadt. Ter Münchner Polizeipräsident erläßt einen Aufruf an die Frauen und Jungfrauen, in dieser schweren Zeit das Tragen ausfälliger .^leider zu vermeiden und in den Ernst der Lage sich auch in der Kleidung zu finden. Professor Wilhelm Jerusalem. Professor Wilhelm Jerusalem, einer der erlesensten Geister des österreichischen Judentums, einer seiner feinsten Denker und idealsten Naturen, beging am 11. d. * Um Publikation wurden wir besonders ersucht. seinen 60. Geburtstag. Seilte Hörer vereinigten sich aus diesem Anlaß zu einer intimen Feier, die ihren vornehmsten Ausdruck in einer Festschrift gefunden, zu der die begabtesten Schüler und Fachgenossen Beiträge geliefert haben. Seinen Vorlesungen, zu welchen sich die Hörer 'in solcher Anzahl drängen, daß der größte Saal der Universität dafür eingeräumt werden müßte, verdanken seine Schüler nicht bloß positives Fachwissen, sondern auch sittliche Förderung, Erhebung, Stärkung des Charakters gemäß seiner eigenelr Auffassung des Berufes der Philosophie im Gesamtkreis geistiger Arbeit überhaupt. „In ihr", sagte er gelegentlich einmal, „kommt der ganze Mensch, der erkennende nicht nur, auch der fühlende und wollende, zum Ausdruck: der Philosoph will nicht nur wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, er will ergründen, was sie für ihn bedeutet, lvas der Mensch in dieser Welt machen soll." Als Ausgabe der Philosophie bezeichnet Jerusaleln mit einem scheinbar paradoxen Wort: „Rückkehr zum gesunden Menschenverstand", Abkehr voir den metaphysischeir Dichtungen, in denen die genialen Romantiker geschwelgt haben, und um sich vor dem Mißverständnis ' zu verwahren, als meinte er init dem von den Romantikern so gern verhöhnten gesunden Menschenverstand die Gesinnung der kompakten Majorität, fügt er am Schlüsse seiner imn schon in sechster Auflage vorliegenden „Einleitung in die Philosophie" noch hinzu: „Ebenso wie das optische Mikroskop uns keine neuen Siuuesqualitäten entdecken lehrte, so hat auch das psychische Mikroskop (der Philosophie) ulis nicht neue psychische Elemente ans Licht gebracht, sondern nur die bekailuteu genauer zu unterscheiden und in den Wirkungen besser zu verfolgen gelehrt. Wir können nicht glauben, daß in der Philosophie Klarheit und Tiefe unvereinbare Dinge seien, wir hoffen vielmehr von der Vereinigung beider eine Wiedergeburt der Philosophie." In den Jahrzehnten seiner Tätigkeit als Lehrer am Wiener Piaristengymnasiuni hat er sich zum Meisterpädagogen entwickelt, hat er jene Erfahrungen unmittelbar gesammelt, die sein berühmtes Buch: „Die Aufgaben des Lehrers an höheren Schulen", so lehrreich machen. . . . Mit seiner Forderung des„gesunden Menschenverstandes", der reichen Empirie, der Ablehnung hypertrophischer Spekulation in der Metaphysik und auch der Gegnerschaft gegen den gesteigerten Jndividualislnus Nietzsches mutet uns Jerusalem so recht österreichisch an: seine Liebe zu Grillparzer ist getviß bezeichnend für seine literarische Persönlichkeit, denn auch der tiefsinnige Wiener Tragiker war ein guter Kantianer geblieben und lehnte die spekulativen Bauten von Hegel und Schelling ab. Auf dem Katheder verkörpert Professor Jerusalem in seiner Vortragslveise leine Lehre: er ist kein Rhetoriker, kein Fechtkünstler der Dialektik, aber er wirkt auf die Hörer durch natürliche, überaus klare und gradlinige Sprache, die nicht bestechen, sondern belehren und überzeugen will. Er kam von der klassischen Philologie zur Philosophie, daher seine reiche ästhetische Bildung, seine große Vertrautheit mit den nüch Herders Beispiel geliebten Griechen. Unter seinen Schriften fielen zuerst die Studien über die taubstumm-blinde Laura Bridgnian auf, die tiefsten psychologischen Erkenntnisse holte er aus diesem wundersamen Einzelfall heraus: später trat er infolge des dabei erworbenen Rufes auch in Beziehungen zu der gleichfalls taubstuunn-blinden Amerikanerin Helen Keller. Seine Philosophie des gesunden Menschenverstandes fand i:n „Pragmatismus" des jüngsten amerikanischen Philosophen James ein nahverwandtes Seitenstück, weswegen auch niemand sich für den Pragmatismus so lebhaft wie unser Wiener Philosoph einsetzte. Möge es dem nun in der Vollkraft seines Schaffens stehenden Gelehrten noch gegönnt sein, jene Werke zu vollenden, die er zum Ausbau seiner Lehre plant.