Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 41 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 700 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 41 dem Zaren Sympathiekundgebungen veranstalten. Nein, Mr. Zangwill, die richtige Politik der Juden ist jetzt, das wahre Bild des Zaren und seiner Helfershelfer nicht zu verwischen, sondern immer lauter und lauter in die Welt zu schreien, wer der Zar wirklich ist, damit das England, das sich jetzt mit Recht schämt, später einmal dem Zaren wirklich einen unzweideutigen Wink gebe, damit er sich etwas anständiger benehme. Ihr Vertrauen auf Sir Edward Grey ist eine schwache Stütze. Dieser kalte und schlechte Mann, der gemeinschaftlich mit dem Zaren Persien der Freiheit beraubt liat, der würde für die Juden gar nichts tun, selbst wenn er etwas tun könnte, und kann gar nichts tun, wenn er etwas tun wollte. Ich wiederhole: Der Krieg geht nicht für die Freiheit, sondern für Rußland. Und für diese meine Ansicht habe ich bekannte Autoritäten als Gewährsmänner. Mr. A. Gardner, der fähige Redakteur der Londoner Daily News, veröffentlichte in seinem Blatte einen Tag vor der Kriegserklärung einen heftigen Artikel gegen den Zaren, in welchem dieser angesehene Publizist England warnte und daran erinnerte, daß es bloß in den Krieg ziehe, um die Tyrannei in Rußland zu stärken. Mit meiner Meinung stimmen auch John Morlev, Lord Brice und andere der besten Köpfe Englands, die sich nicht einreden lassen wollen, daß es sich hier um einen Kampf gegen deutschen Militarismus handelt. Deutscher Militarismus mag meinetwegen schlecht sein. Aber der russische Pogromismus ist zehnmal schlechter. Wir russischen Juden haben-es gekostet, wir kennen seinen Geschmack und Sie durften sich nicht an uns wenden mit der Bitte um Sympathiekundgebungen für Rußland. Glauben Sie mir, Mr. Zangwill, daß es bloß die große Achtung ist, die ich vor Ihnen als Dichter und als Mann des öffentlichen Lebens hege, die mir diese Worte diktiert. Als ich Ihren Brief an uns in der „Newvork Times“ las, da hatte ich die Empfindung, daß ein großer Mann, an den ich geglaubt, den ich vergöttert habe, in den Staub gestürzt ist. Solche Worte von Mr. Zangwill unterzeichnet zu sehen, war die größte Enttäuschung meines Lebens. Ihr ergebenster tief gekränkter % J. L. D o 1 i d a n s k y. Von großer Wichtigkeit ist auch der folgende Leitartikel desselben Blattes: Zangwills taktloser Aufruf au die amerikanischen Juden. Wir wollen nachsichtig und milde sein mit Mr. Zangwill, aber wir fühlen uns gezwungen, es offen zu erklären, daß fein Aufruf an die amerikanischen Juden unklug, ungerecht, sehr taktlos und für uns sehr beleidigend ist. Wer gab Mr. -Zangwill das Recht, die amerikanischen Juden in die europäische Politik hineinzuzerren? Er hält zu England, und er muß zu England halten, das ist seine Pflicht. Aber weiter zu gehen ist er nicht verpflichtet. Er ist glicht verpflichtet, die amerikanischen Juden an Sir Edward Grey „zu liefern", und wir sind überzeugt, daß Sir Edward Grey es auch gar nicht verlangt. Die Juden von England entsprechen vollständig ihrer Pflicht, wenn sie selbst für Großbritannien auf dem Schlachtfelde sich opfern, aber sie sind für die amerikanischen Juden nicht verantwortlich. Wir, die Juden von Amerika, sind freie Menschen und wir hegen für den Sympathie, für wen wir wollen, und es ist für uns eine große Beleidigung, wenn Mr. Zangwill sich an uns im Wege der englischen Presse mit einer Proklamation wendet, in welcher er von uns fordert, daß wir Zu England halten sollen, als ob wir etwas dafür könnten, daß Mr. Zangwill ein Engländer ist. Die Forderung eines englischen Juden an die amerikanischen, daß sie für England eintreten mögen, ist eilt Unrecht an den Juden von Amerika, denn ebenso kann morgen ein anderer Jude von der anderen Partei kommen und fordern, daß wir es mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn halten sollen. Was sollen wir amerikanische Juden tun, wenn es zum Beispiel Dr. Paul Nathan, den berühmten jüdischen Führer in Berlin,, einfallen sollte, an uns zu appellieren, daß wir für sein deutsches Vaterland Sympachiekundgebuugeu verausta teu mögen. Begreift denn Mr. Zangwill nicht, daß es viel richtiger ist, die Juden von Amerika iu Frieden zu lassen, und es ihnen selbst anheimzustellen, nach freiem Ermessen mit der einen oder anderen Partei zu sympa.h:- siereu, besonders da die Sympathie der Juden keinem zu nützen und keinem zu schaden vermag. Mr. Zangwill verlang:, daß wir ihm alle glauben mögen, daß, wenn Deutichland siegt, die Zivilisation vernichtet sein werde, und daß der einzige Weg zum Ausbau der Zivilisation darin bestehe, daß 'die russischen Kosaken und die Japaner, die Turkos und die Hindus und all die übrigen Asiaten, welche sich jetzt für den Dreiverband schlagen, siegen. Wir haben gewiß Respekt vor der Zivilisation Englands und Frankreichs, aber uns fehlt der Glaube daran, daß die deutsche Zivilisation bta. Welt zerstören würde, und daß die Kosaken und Japaner sie retten müßten. Aber Mr. Zangwill vertröstet uns auf bessere Zeiten in Rußland, weit Sir Edward Grey ihm das Versprechen gab, daß er nach dem Kriege seinen Einfluß daraus verwenden werde, daß Rußland die Juden besser behandle. Das sind jedoch für uns kalte, inhaltslose Worte. Erstens ist es sehr wahrscheinlich, daß Mr. Grey nach dem Kriege andere Dinge im Kopfe haben wird, als den Willen, aus Rußland einzuwirken. Der englische Minister hat auch bis jetzt keine Lust gezeigt, seinen Einfluß auf Rußland geltend zu machen, wie aus der Tatsache hervorgeht, daß er es ablehnte, in der Paßsrage etwas zu tun. Und selbst wenn Mr. Grey ja plötzlich die Lust anwandeln sollte, sich für die Juden einzusetzen, so ist es zumindest sehr zweifelhaft, ob man in Rußland seinem Rate auch folgen wird. Mr. Zangwill hatte wahrscheinlich die Absicht, das wieder gutzumachen, was er vor einigen Wochen verdürben hat, als er in der Londoner „Times" 'gegen eine Verbindung Englands mit Rußland freimütig aufgetreten ist. Damals wurde er in der englischen Presse angegriffen. Sein Aufruf an die amerikanischen Juden ist, wie es scheint, gemacht worden, um den schlechten Einbruch, den sein nach englischer Auffassung taktloses Auftreten hervorgerufcn hat, abzuschwächen. Es ist traurig, daß Mr. Zangwill nicht verstanden hat, vor zwei Wochen zu schweigen, wie man es in England von ihm verlangt hat, er hätte sich damit seinen zweiten Irrtum und seinen zweiten Fehltritt ersparen können. Es war nicht nötig, daß er als Engländer in der Kriegszeit gegen sein Vaterland auftrete, und er durfte noch viel weniger nachher die amerikanischen Juden auffordern, größere englische Patrioten zu werden, wie er selbst es vor wenigen Wochen gewesen ist. Vom Jahrmarkt des Lebens. Pogrome in Rußland mit englischer Duldung. Nach durchaus zuverlässigen Mitteilungen sind in Bessarabien und Russisch-Polen blutige Judenpogrome ini Gange. Das Schicksal der verfolgten Juden ist besonders tragisch, weil ihnen die einzige moralische Genugtuung uuo Stütze, nämlich der Appell an die öffentliche Meinung sowohl Europas als auch Amerikas, durch Englands Schuld entzogen. ist. England war es, das bei Kriegsausbruch sich beeilte, überallhin die Auffassung zu verbreiten, daß die russische Regierung ernstlich und ehrlich eine neue liberale Politik in der Judenfrage einschlagen wolle. Es deckte auf diese Weise Rußland mit seinem eigenen liberalen Schild. Diese Tatsache gehört zu den schmachvollsten der neueren englischen Geschichte. Das jetzt wieder vergossene Blut der russischen Juden kommt auf das Haupt der jetzigen englischen Re-