Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 41 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Dr. Bloch's Wochenschrift Lctlc 6;»!) Wollen wir sein Erhaltnngsprinzip in ein Wort zusammenfassen, so heißt es durchhalten! Tie dünnen, säst unsichtbaren Rervenfüden, die das ganze merkwürdige Konstitutionssystem des einzelnen Menschen, wie das eitles ganzen Volkes, zu stählernen, biegsameti, anpassungsfähigen, unzerbrechbaren Eisenbändern umschmieden, sie werden in außerordentlichen Zeiten auf dem Amboß der Geschichte gehämmert — eine solche Zeit ist die Gegenwart, in der die beiden Bundesmächte gegen eine Welt von Feinden sich durchhalten müssen itnd siegen werden, weil sie in ihrer Begeisterung für das Gute, Edle, Wahre und Gerechte jene außerordentlichen Geisteskräfte entwickeln, die allein auch zur K ricgsausdauer b e f ä h i g e n! Die amerikanischen Inden gegen Israel ZangmiU. Israel Zangwill, von dem die bisher noch immer unbestätigte Nachricht ging, daß er wegen seiner offenen Agitatioil gegen die Teilnahme Englands all denl Weltkrieg verhaftet gewesen sei, hat die Welt durch einen Aufruf an die Juden der neutralen Länder und ganz besonders an die Juden Amerikas irr unbeschreibliches Erstaunen versetzt. In diesem Aufruf fordert Israel Zangtvill, der verbissenste und konsequenteste, gleichzeitig auch mutigste Hasser des Moskowitertums, gestützt auf eine vage Zusicherung des englischen Ministers des Aeußeren Grey, die Juden auf, sich an die Leite der Entente zu stellen, derselben Entente, welche für Rußlands Machtstellung den völkermörderischen Krieg entfesselt hat. Das größte Gewicht wird in diesem Aufruf naturgemäß darauf gelegt, die Zustimmung der amerikanischen Juden zu erlangen. Es wird nun überall, wo noch Rechtlichkeit, Geschmack und Offenherzigkeit die Richtschnur für Handlungen selbst in dieser haßerfüllten Zeit bilden, mit besonderer Genugtuung und Befriedigung begrüßt werden, daß die amerikanischen Juden die Zumutung Israel Zangwills, sich zu Helfershelfern des Pogromzaren herabzuwürdigen, in einer Weife zurückwiesen, die für alle Zeiten denkwürdig bleiben wird. Wir geben hier aus der großen Anzahl dieser zurückweisenden Artikel zwei wieder, welche in dem Organe der aus den osteuropäischen Ländern und in erster Reihe aus Rußland eingewanderten Juden, der „Jewich Gazette", erschienen sind: Offener Brief an Mr. Zangwill. von J. L. Dolidansky. Sehr geehrter Herr Zangwill! Mil Staunen und bitterem Verdruß las ich Ihrem an die Juden der neutralen Länder und besonders an die amerikanischen Juden gerichteten Aufruf, daß Sie mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn nicht sympathisieren, vielmehr zu Gott beten mögen für den Erfolg der Waffen der verbündeten Länder Frankreich, England und Rußland. Ich habe wahrhaftig meinen Augen nicht getraut und es war mir unverständlich, Sie in der Rolle des Teufels- Verteidigers zu sehen, und es war mir unerklärlich, wie Sie, Herr Zangwill, um die Sympathien für die verbündeten Länder, das heißt klarer gesagt für die Sympathie für Rußland die AVerbetrommel rühren. Es läuft darauf hinaus, daß Sie verlangen, daß die Opfer der russischen Tyrannei ein Loblied singen sollen auf den Zar und seine Güte und Liebe zu den Juden. Sie sagen, daß Sie nicht als englischer Patriot das Wort ergreifen, sondern als Weltpatriot. Irre ich nicht, so ist mir die Figur des „ Weltpatrioten" nicht unbekannt. Warten Sie mal, wo mochte ich sie nur gesehen haben? Ach ja, ich erinnere mich. Wir trugen diesen Weltpatriotismus in die Kreise der jüdischen Mitglieder des internationalen Sozialismus, das sind jene Leute, die auf dem Standpunkt stehen, daß der Jude sie nichts angehe, daß die jüdischen Interessen zu klein und zu unbedeutend seien. um sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie sind immer daran, der ganzen Welt zu helfen, und nicht bloß einem kleinen Teile derselben. Genau so wie Sie sagen auch jene, daß die jüdischen Interessen den großen Weltinteressen geopfert werden müssen. Diese braven Leutchen ließen sieh selbst die Pogrome nicht zu Herzen gehen, inde u sic sich auf den Standpunkt stellten, daß das jüdische Blut das Oel bilde, mit welchem die großen Räder des Fortschrittes geschmiert werden. O wir kennen diese Sorte von Woltpatrioten. Was aber halten Sie, Mr. Zangwill, mit ihnen gemein? Wie kommen Sie plötzlich in ein Fahrwasser mit jenen? Febrigens sagen Sie, Mr. Zangwill. sind denn die Juden nicht auch ein Teil der Menschheit? Bi'den nicht die Interessen der .Juden einen Teil der Interessen der gesamten Menschheit? Wissen Sie denn nicht auch, daß die Verfolgung der .Juden nicht bloß eine Strafe für die Juden, sondern für die ganze Gesellschaft ist, und ziemt es Ihnen nach einer so glänzenden Karriere als Schriftsteller. Ihnen, den Dichter so hervorragender Werke, dem Schöpfer anerkannter Arbeit für das Gemeinwohl, ziemt es Ihnen gar davon zu reden, daß die Interessen der .Juden den Interessen des Dreiverbandes, das heißt den Interessen Rußlands geopfert werden sollen? Gestatten Sie, daß ich Ihnen rund heraus sage, daß Ihre Behauptung, daß die verbündeten drei Mächte für die Befreiung der Welt vom deutschen Militarismus kämpfen, nichts anderes ist als eine Phrase, an die kein Mensch glaubt. Das heißt bloß der Welt Sand in die Augen gestreut. Sie wissen es ganz gut, daß Kngland nicht gegen die Armeen der zwei verbündeten Kaiser, sondern gegen die Flotte des deutschen Kaisers in den Krieg gegangen ist. Dieser Krieg war an dem Tage bestimmt, als Deutschland eine große Flotte zu bauen begann. Sie erinnern sich ganz gut, daß schon vor zehn Jahren Hamilton Fife und andere englische Hurrapatrioten ununterbrochen schrien, daß man gegen Deutschland zu Felde ziehen müsse und nicht warten dürfe, bis es eine große Flotte haben wird. Diese Kriegspartei hat jetzt die Oberhand gewonnen und Kngland, unser altes gutes Kngland. in einen blutigen Krieg verwickelt. Aber der Krieg wird nicht für die Freiheit geführt. Kngland und Frankreich schicken ihre besten Söhne in den Krieg, um, wie Sie sagen, den deutschen -»Militarismus zu brechen, aber an seine Stelle den russischen Huliganismus, den russischen Pogromismus zu erheben und zu stärken. Mag sein, in Deutschland ist Militarismus, aber in Deutschland sind auch Wissenschaft. Kunst. Literatur, Poesie, Philosophie zu Hause. In Rußland hingegen ist bloß der Militarismus zu Hause, ohne daß Wissenschaft, Kunst, Literatur, Poesie und Philosophie eine ruhige, sichere Heimstätte gefunden hätten. In Wahrheit ist das ein Kampf, zu dem Zwecke, um Kuropa unter das Joeli des Zaren zu bringen. Auch ich spreche vom Standpunkt eines Weltpatrioten, wenn ich behaupte, daß Kuropa für den Fall eines siegreichen Rußland den größten Gefahren ausgesetzt ist. Fnd Sie bitten uns. dem Dreiverbände und Rußland unsere Sympathien zu beweisen. I ns. die Kischinew und andere Pogrome miterlebt haben. Uns, die jüdischen Massen von Xewyork, die Opfer des Zaren, die aus den russischen Schulen Ausgeschlossenen, die aus den kleinen russischen Städten Ausgewiesenen, uns, die von den Henkern des Zaren Geschlagenen und Beraubten, uns, die wir durch den schändlichen Beiliß-Prozeß und andere ähnliche Prozesse so tief beschämt, in unserer Seele gekränkt und schwer beleidigt wurden. Uns alle bitten Sie. daß wir Rußland unsere Sympathien erweisen mögen. Xehmen Sie einmal das an, daß wir wirklich uns selbst untreu würden, daß wir. wie Sie es wünschen, wie billige Akteure eine Maske an legen und durch die Straßen ziehen und russenfreundliche Lieder singen wollten. Wird es uns die christliche Welt wirklich glauben? Würde man nicht den ganzen Schwindel sofort durchschauen? Wir, die wir stets gegen die Zarenherrschaft protestiert haben, wir sollten plötzlich Zarenfreunde werden. Was würde da unsere Umgebung sagen? Kincs von beiden: Kntweder wir hielten sie früher zum Xarren, indem wir unter falschen Vorspiegelungen um ihre Sympathien warben, oder wir spielen jetzt eine niedrige, verächtliche Rolle. Aber sagen Sie bloß, Mr. Zangwill, was ist denn plötzlich in England geschehen, daß man mit einem Male beginnt. sich für die Stimmung der Juden in Amerika zu interessieren? Daß die Londoner ..Times" begann, sich das telegraphieren zu lassen, was wir hier in unserem Blatte schreiben? Die Sache ist ganz einfach: Kngland schämt sich selbst, daß es für den Zaren kämpft. Es braucht es nun . für sein eigenes Prestige, daß de:--Zar reinge waseh-u we-de. Und zu diesem Zwecke braucht es ein ,,Wohlverhaltungszeugnis" seitens der Juden. Es gilt, das Gewissen .John Bulls zu beruhigen, wenn von uns verlangt wird, daß wir